Ikone

Da sitzt er.
Die Ikone einer ganzen Generation.
Der Mann, der gegen das System aufbegehrte, der sich in einem Meer aus Frauen suhlte, der die freie Liebe und den Kampf gegen die Konventionen beschwor.
Er hebt den Kopf und sieht uns bitter an.
Sagt: Man wird halt alt. Und das bisschen Geld kann ja auch nicht schaden.
Er beugt sich nach vorne. Hebt einen Stock auf. Kratzt Kreise in die trockene Erde. Er sieht sich aufmerksam dabei zu.
Hey, rufen wir ihn an, aber er scheint uns nicht mehr zu hören.
Eine seiner Geliebten aus alten Tagen, die unvergessliche Ursula, an die wir uns alle erinnern, obwohl wir sie nie gesehen haben, an die wir uns erinnern, weil ihre Geschichte über die Leinwand flimmerte und sie so zu einem Teil unseres kollektiven Gedächtnisses wurde, gab ein Interview. Sie sagte, er sei eine traurige und erbärmliche Witzfigur.
Wir rufen ihn an, sagen, hey, Rainer, aber er malt weiterhin seine Kreise, er scheint uns nicht hören zu wollen, bis ihn plötzlich aus dem Off die Stimme des Regisseurs anherrscht: Rainer!
Er hebt den Kopf.
Was ist, murmelt er.
Die Stimme gibt ihm die Anweisung, sich in den hinteren Teil des Lagers zu begeben. Dort würden heute Hoden von irgendeinem unaussprechlichen Tier verspeist. Er sei einer der Glücklichen, die sich schon mal den Bauch reiben dürften. Rainer verzieht das Gesicht. Dann hebt er langsam die Schultern.
Was soll ich machen, sagt er zu uns.
Begehr auf, sagen wir zu ihm. Wehr dich!
Nein, nein, winkt er ab. Wir sollten hier nicht mit solchen revolutionären Gedanken hausieren gehen, sagt er. Das würde nur für Ärger sorgen. Und den kann er hier nun wirklich nicht gebrauchen.
Wir sprechen ihn noch einmal auf die Ursula an.
Die versteht das nicht, sagt er nur.
Er läuft langsam zu den bereits aufgestellten Tellern. Einmal dreht er sich noch um. Er sieht uns traurig an und legt den Finger auf die Lippen. Dann geht er weiter. Wir sehen ihm nach. Lange. Und dann ist er irgendwann einfach nicht mehr zu sehen.

Guido Rohm

Bild: © Franz Richter

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