Winters Pseudonyme

Winter schreibt unter zahlreichen Pseudonymen, muss und will er mit seiner Literatur, die es den Lesern nicht eben immer leicht macht, doch überleben; die Miete will bezahlt, der Kühlschrank, ein fordernd ächzendes Ungetüm, will gefüllt sein. Die Forderungen seiner Wohnung an ihn wollen gar kein Ende nehmen. In den Nächten kann er sie aufstöhnen hören. Die Balken scheinen sich ob der Geldnot zu biegen.

Also müssen rasch noch einige Pseudonyme mehr bei, die er in seine Dienste stellt: Wilhelm Schinkel, Gordon Dick, Raymond Pfeffer. Jeder Name ist ihm recht, der es ihm erlaubt mit einem neuen Buch auf dem Markt zu erscheinen.

Winter tippt Ratgeber, Science-Fiction-Romane, Wissenschaftliche Abhandlungen, die sich mit der Quantenphysik beschäftigen.

Er schreibt über alles und jeden.

Die Nächte in seinem Bett werden langsam eng, denn dreht er sich zur Linken, dann stößt er mit der Nase gegen das Ohr von Pfeffer, der mit einem kurzen Schnarchen antwortet. Die rechte Seite ist auch nicht befreiender, denn dort muss Winter sich mit dem Mundgeruch von Dick quälen, der leider, Winter bereut das inzwischen doch sehr, von all seinen erfundenen Autoren, das meiste Geld in seinen Säckel spült. Also müht sich Winter aus dem Laken, schlurft hinüber in das Arbeitszimmer und schreibt dort ein wenig an seinen eigenen, leider bisweilen eher unverkäuflichen, Werken. Es dauert nie lange, dann steht schon der erste aus der Schar hinter ihm, mal ein gelangweilter Rohm, der für ihn Krimis schreibt, dann wieder Harth, ein Multimediakünstler, vor allem aber Musiker, den er sich nach Seoul erfand. Dort lässt Winter ihn laut Biografie in seinem Schweiß hocken und Musikstücke komponieren, die natürlich in Winters Abstellkammer entstehen, muss Harth doch einen eigenen Raum für die Komposition haben. Rohm und Harth blicken ihm über die Schulter, sie bemängeln bald diese, bald jene unglaubwürdige Stelle, und überhaupt, schreit Harth auf, diese Stelle über erfundene Autoren, diesen Schwachsinn über Pseudonyme, würde doch eh niemand lesen wollen.

Winter bittet sie, sich doch wieder ins Bett zurück zu begeben, er müsse hier noch arbeiten, aber nein, die Kopfgeburten wollen einfach keine Ruhe geben. Rohm erteilt Winter Ratschläge, wo und wie Leichen zu entsorgen wären. Winter will davon nichts wissen, er will sie mit den Händen aus dem Zimmer dirigieren. Nichts. Winter grübelt und findet. Er schreibt sich rasch einen konservativen Autoren herbei, er muss ihn noch mit Nase und Augen ausstatten, schon steht der gewaltige Gewalttäter, der sich fortan um Polit-Thriller zu kümmern hat, neben Winter, der ihn bittet, er möge doch diese zwei Plagegeister aus der Wohnung werfen. Die Neuschöpfung, sein Golem aus Frankfurt namens Kurt Sink, klatscht in die überbreiten Schaufelhände und schiebt Rohm und Harth, die natürlich protestieren und Sink davon überzeugen wollen, dass er hier auf ein Pseudonym herein falle, denn Winter gäbe es ja gar nicht, das sei ersichtlich, man müsse sich nur einmal seine unscharfen Konturen betrachten, aus der Wohnung. Sie stehen noch eine Weile vor der Tür, sehen sich erstaunt an und beschließen dann auf einen Drink in die Stadt zu fahren. Keiner von ihnen hat Geld oder ein Auto. Also laufen Winters Pseudonyme los, sie kichern sich durch das Nachtgewölbe, streifen Mülltonnen und fallen allmählich einer Unsichtbarkeit anheim, die mit der Entfernung zu ihrem Schöpfergott wächst. Am Ende der dritten Straße, die sie eiligst durchqueren, kann man sie bereits überhaupt nicht mehr vom grauen Mauerwerk eines Mietshauses unterscheiden, bis sie schließlich nur noch eine Ahnung zu sein scheinen, eine Andeutung, die sich schließlich in Luft auflöst.

Winter indes schreibt weiter, beruhigt darüber, sich diese zwei Ungetüme vom Hals geschaffen zu haben.

Er durcheilt Buchstabe für Buchstabe die Nacht und als die Morgensonne sich am Fenster mit einem Räuspern bemerkbar macht, schreckt Winter unmerklich zusammen. Er lächelt sanft in den Raum hinein, der mit lauter Leichen übersät ist, mit all seinen Pseudonymen, denn es ließ sich einfach nicht mit ihnen auf Dauer leben. Nun wird er die toten Körper einzig noch entsorgen müssen. Winter dreht sich zur Tastatur und macht sich an die Arbeit.

Eine Gemeinschaftsproduktion von SUMMER&SPRING

Text: Guido Rohm

Illustration: Alfred Harth

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