Bahnhof Termini

Una fotografia di Pier Paolo Pasolini ripreso in una pausa meditativa durante la lavorazione di un suo film (Inviata da Claudio Tulli)

Und dann tauchen Männer in der Nacht am Bahnhof auf.
Wie geht die Geschichte weiter?
Er ist tot!
Was?
Er ist tot!
Er kann nicht tot sein.
Er ist tot. Und sie werden P.P. dafür verhaften.
P.P. steht seit Sunden am Bahnhof.
Wo steht er?
Direkt davor. Kannst du ihn denn nicht sehen? Dort! Dort ist er!
Da! Die Männer mit dem Alfa Romeo halten an. Sie steigen aus. Sie gehen mit schnellen Schritten auf P.P zu.
Was sagen die Männer zu P.P.?
Sie sagen: P.P.P. wird tot aufgefunden werden.
Und P.P.? Was sagt er?
Er sieht sie erstaunt an. Er dreht sich zur Seite. Er will gehen. Aber sie halten ihn fest. Sie drängen ihn aus den Lichtern in den Schatten.
Sie sagen: Er wird auf dem Bauch liegen. Mit dem Gesicht zu Boden.
Wen meinen sie denn nur? Mit dem Gesicht zu Boden?
Sie sagen: Du warst es. Du P.P. hast ihn erschlagen und anschließend mit seinem eigenen Wagen überfahren.
Nein, sagt P.P.!
Er kramt nach seinen Zigaretten.
Warum tut er das?
Er ist nervös.
Ich kann sie kaum noch sehen. Man kann nur ihre Umrisse erkennen. Noch ein paar Meter, dann sind sie ganz verschluckt vom Dunkel.
So wird es kommen.
Können wir sie noch hören?
Sie sagen: P.P., du hast sein Herz zum Platzen gebracht. Du hast ihm zehn Rippen gebrochen.
Aber nein, nein!
Sagt das P.P.?
Nein, das sage ich.
Es ist nicht zu verhindern. Das weißt du doch. Es ist längst geschehen.
Nein, es ist nicht geschehen. Nicht hier, nicht an diesem Ort.
Du kannst es nicht ändern.
Spürst du den aufkommenden Wind.
Lass das. Mir wird kalt.
Sieh nur hin!
Wir müssen einige Stunden in der Zeit zurück reisen. Tiefer in die Vergangenheit. Wir müssen sie in einen Verkehrsunfall verwickeln.
Du kannst die Geschichte nicht aufhalten. Du kannst sie nicht verändern.
Wo sind wir?
Sieh dich um. Genieß den lauen Abend. Dort kommen die Männer. In wenigen Sekunden werden sie sterben.
Du bist ein Mörder!
Red nicht so ein Unsinn. Die dort sind Mörder!
Darf ich mich zu Ihnen gesellen?
Ach, P.P., wie schön. Ja, stellen Sie sich nur zu uns. Wir verändern gerade die Geschichte.
Er verändert die Geschichte!
Mein Freund ist etwas ungehalten.
Wir schalten jetzt kurz um zu einem Bankraub, der eigentlich nicht geschehen wäre. Das Fluchtfahrzeug wird die Mörder von P.P.P. töten.
Man kann sich nicht einfach so in Schicksale einmischen.
Und ob man das kann. Du siehst doch: Ich tue es.
Hätte einer der Herren eine Zigarette für mich?
Hast du für P.P. eine Zigarette?
Nein!
Ich auch nicht. Sie sollten das Rauchen aufgeben.
Geschafft!
Geschafft?
Ich habe den Unfall erzwungen.
Und nun?
Zurück. Rasch zurück zum Bahnhof Termini.
Dort ist ja P.P. wieder.
Warten wir ab, was geschehen wird.
Der Alfa Romeo, dort ist der Alfa Romeo.
Können Sie erkennen, wer darin sitzt?
Sieht aus wie P.P.P.!
Dann haben wir ja alles richtig gemacht.
Und jetzt?
Wir warten hier und sehen den Leuten zu.
Sie haben heute einige Leute ermordet.
Wen meinen Sie? Ach, die Bankräuber … Sehen wir nach. – Kommen Sie näher. Aber verhalten Sie sich ganz still. Ruhig. Sehen Sie die Frau. Ihr Mann hat das Fluchtfahrzeug gesteuert.
Sie weint!
Sie weinen immer. Wir sollten es mit einer Kamera aufnehmen.
Sie sind widerlich.
Wir haben P.P.P. gerettet.
Wir haben ihn nicht gerettet. Sie haben eine Frau ins Unglück gestürzt.
Ich könnte die Frau springen lassen.
Was tun Sie da?
Ich lasse Sie springen. Ich befreie sie aus ihrem Leid.
Ich muss fort von hier. Sie sind irre. Total irre.
Sagen Sie das nicht! Lassen Sie uns auf Reise gehen. Ich kenne da einen kleinen Ort, den wir besuchen könnten.
Einen kleinen Ort?
Braunau am Inn.
Ich möchte nicht …
Sie verweigern den Opfern ihre Hilfe.
Wir können nicht helfen. Wir erzeugen nur das Leid anderer Menschen.
Unsinn. Dieser eine Fall wird unser Tun rechtfertigen.
Ich will zurück.
Wohin?
Ich will zurück zum Bahnhof Termini. Sofort.
Bitte sehr! Und schon sind Sie da.
Danke!
Ich werde sie alleine lassen.
Tun Sie das!
Da kommt ein Mann.
Dann gehen Sie doch schon.
Er kann mich doch eh nicht sehen.
„Guten Abend.“
„Guten Abend. Hätten Sie vielleicht Feuer für mich?“
„Ja. Hier …“
„Danke sehr. Sie sind allein?“
„Ja.“
„Einsam?“
„Auch.“
„Möchten Sie mit mir nach Hause kommen. Mein Wagen steht dort drüben.“
„Gerne.“
Du liebst Männer?
Ist es nicht egal, von wem man das Herz heraus gerissen bekommt?
Vielleicht.
Männer packen kräftiger in die Brust hinein. Sie reißen schneller.
Dieser Mann fährt einen Alfa Romeo.
Ja. Jetzt erkenne ich ihn.
Du wirst also in dieser Nacht P.P.P. lieben? Es war also gut, dass wir ihn retteten.
Vielleicht.
„Kommen Sie?“
„Ich komme.“
Lass mich jetzt. Ich muss fort. Ich muss mit ihm gehen.
Wir sehen uns!
Nein, das tun wir nicht.
Doch, wir sehen uns. Wir sind die zwei Gesprächspartner einer unaufhörlichen Geschichte. Schon bald werde ich dich befragen. Wir werden über ihn sprechen.
Und dann?
Wir werden hier am Bahnhof Termini sein und warten und die Gesichter beobachten. Wir werden im Takt der Herzschläge tanzen.
Vielleicht.
Nein. Ganz bestimmt sogar.

Guido Rohm


Bilder via www.pasolini.net

Als Pasolini tot aufgefunden wurde, lag er auf dem Bauch mit dem Gesicht zu Boden, der blutige Arm vom Leib abgewinkelt, der andere unterm Körper. Die blutverkrusteten Haare fielen über seine aufgeschürfte und aufgeplatzte Stirn. Sein angeschwollenes Gesicht war völlig entstellt und blau angelaufen, mit Wunden übersät. Blau geschlagen und rot von Blut waren auch seine Arme und Hände. Die Finger seiner linken Hand waren gebrochen und aufgeschnitten. Der linke Oberkiefer war zerschmettert. Die zerquetschte Nase war nach links gebogen. Seine Ohren waren entzweigeschnitten, und das linke Ohr abgerissen. Er hatte Wunden auf Schultern, Brustkorb, Hüften; die Spuren der Reifen seines Wagens, mit dem man ihn überfahren hatte, waren deutlich sichtbar. Zwischen Kehle und Nacken war eine schreckliche Platzwunde. Zehn Rippen waren gebrochen, ebenso das Brustbein. Die Leber war an zwei Stellen auseinander gerissen. Sein Herz war geplatzt.” (Aus dem Artikel “Perizia compiuta sul cadavere di Pasolini”, in Corriere della Sera,  2. Novembre 1977)

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