Marsch der Allergiker

Das Blau des Himmels ist ein Meer, in das man springen möchte. Man hebt den Kopf, schon tauchen die Augen ins Luftwasser hinein.
Tauchen, um sich zu verlieren.
Mit den Vögeln schwimmen. Sich in ihren Schwärmen verlieren. Ein Vogel von vielen Vögeln sein.
Ununterscheidbar.
Unverletzbar.
Geborgen in dieser Zeichnung am Himmel.
Das Wandern ist der Müllers Lust.
Vielleicht.
Müller hat eine Waffe, mit der er bereits Maria aus der Landschaft radiert hat.
Eben noch lief sie neben mir.
Sie war ein Teil meines Fußlebens. Im nächsten Augenblick war sie fort.
Sie wächst nun in einem Abwassergraben.
Sie muss sprießen aus Gedeih und Verderb.
Totenäcker sind dies hier.
Sie säen den Tod und ernten Seelen.
Das Wandern ist des Müllers Lust.
Vorüber an Rapsfeldern, an einer genau unterteilten Landschaft. Eine Natur, die parzelliert, die geteilt, gevierteilt, und dann mit Draht umzogen wurde. Die Vögel ahnen von den Rechtverhältnissen nichts.
Ich denke an Maria, die zum Düngen nun einzig nutzen soll. Maria, flüstert keine Stimme neben mir.
Das Sprechen ist versiegt. Keuchen und Stöhnen singen von der Qual.
Sie treiben und treiben uns.
Und Mama und Papa?
Haare liegen am Wegesrand. Ein Bündel Haare, als wäre hier ein Friseur auf Wanderschaft gewesen. Der stoppte hier und schnitt die Haare.
Uns allen schnitt er sie.
An diesem Schnittmeister kommt niemand vorüber.
Der Ewige Friseur!
Die Haare bleiben zurück.
Die Schritte dulden keine Rast, denn wer rastet, der stirbt.
Das Wandern ist des Müllers Lust.
Das Wandern.
Das Töten.
Hinauf, damit die Beinchen schmerzen.
Und dann wieder einmal den Kopf in den Nacken drücken. Dem Blau sich anvertrauen.
Eine Leinwand.
Ein Wolkenpanzer rattert durch die Lüfte. Selbst im Himmel herrscht jetzt Krieg.
Der Wolkenpanzer schießt mit Spatzen.
Und Papa hat gesagt: Sieh dich um! All die Farben, all die Knospen.
Sieh dich um!
Papa liegt in einem großen Bett.
Papa liegt eng an eng mit all den Träumern, deren Träume nun durchs Erdreich sickern. Dort zappeln sie wie Würmer. Sie winden und drehen sich.
Sie wollen nicht sterben.
Papa hält nicht Mama fest. Sein schmutziges Gesicht blickt erstaunt auf die Rücken all seiner Träume.
Schlaf, Kindlein, schlaf!
Mama ist fort.
Mama zerrten sie mit einem Kreischen aus meiner Hand. Dort hielt ich sie.
Ich spüre Mama noch in der Hand.
Ich halte mich an meiner eigenen Hand fest.
Ich zeichne mit Blut meine Schritte.
Das Wandern ist des Müllers Lust.
Müllers Stimme ist ein Sturm. Der Sturm tobt. Er fegt über unsere Köpfe hinweg.
Ein Stapel Holz, gekrönt von einem Wellblech.
Das Holz trägt Hüte hier, damit es die Stürme übersteht.
Die Scheite sind Leichen.
Sie warten auf den Abtransport.
Die Scheite werden verbrannt werden.
Ich kann den Rauch schon riechen. Er kitzelt in der Nase.
Niesen!
Du reagierst auf die Blumen, sagte mein Papa.
Jetzt weiß ich es besser.
Ich bin allergisch gegen den Tod. Mein Körper verträgt den Tod nicht.
Wessen Körper verträgt den Tod schon?
Ich halte die Luft an.
Ich blicke zum Himmel.
Ich stoße mich ab.
Ich breite die Arme.
Ich springe in den Ozean dort oben.
Mein Körper taucht ein.
Ich spüre das Nass.
Mein Kopf schmerzt.
Meine Nase blutet.
Zu seicht war an dieser Stelle der Himmel.
Wenn ich jetzt Luft hole, dann werde ich ertrinken.
Ich lasse mich treiben.
Ich breite die Arme.
Ich komme nicht vom Grund hinauf.
Der Himmel flutet meinen Körper. Der Himmel dringt in meine Lungenflügel.
Ich sehe vom Himmel den Marsch der Allergiker.
Ich fehle an meinem Platz.
Ich kann mich nicht sehen.
Aber ich war dort.
Meine aufgeschwemmte Leiche treibt zwischen den Wolken.
Ich denke an Mama.
An Papa.
Ich denke an Maria.
Wenn man den Kopf dreht, denn kann man die Erde sehen. Man erblickt einen Flickenteppich, darauf Lager und Spielzeugpanzer.
Ich drehe mich auf den Bauch und übe mich im Brustschwimmen.
Ich bin auf der Suche.
Vielleicht werde ich irgendwann irgendwo ankommen.
Ich werde schwimmen, bis ich untergehe.

Guido Rohm

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