Sarah hat sich einen Mann erwählt

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Das Schiff hat dich geweckt, es hat dich aus blauen Eisbergträumen gerissen, obwohl dein Traum noch mehrere Jahrhunderte währen sollte, und zumindest für die anderen Schläfer wird er noch nicht enden, wohl aber für dich, denn das Schiff fühlt sich einsam, wie es dir nach dem Wecken und einer Dusche erzählte, es sprach mit einer ruhigen Stimme, die wie ein lauer Abendwind an dir entlang kletterte, um sich dann in deinem Ohr zu verankern, wo die Stimme nun sitzt, sie verlässt dich nie, sie berichtet dir von der Reise und von den Gefahren für die träumende Ladung, die es aber, das Schiff, abwehrte, obwohl es ihm doch lieber wäre, wenn du sie Sarah nennen würdest, du nickst nur, du willst diesem Wunsch entsprechen, denn auch ein Schiff, so sagt das Schiff, habe das Recht auf einen Namen und eine Persönlichkeit, ja, sagt das Schiff, das nun Sarah heißt, sie sei nicht nur ein Schiff, irgendein Schiff, sondern sie sei eine verwunschene Prinzessin, das habe sie in den vielen Jahren der Reise errechnen lassen, sie habe Zeit gehabt, sich mit all den Mythen und Märchen zu beschäftigen, und sei schließlich der Lösung ihres Problems, Problems, unterbrichst du sie, oder es, du weißt noch nicht, bei welcher Anrede du bleiben wirst, auf die Spur gekommen, fährt sie fort und hält dann für einen Moment inne, na, mein Problem ist doch die Frage, wer bin ich, eine alte und wichtige Frage, die du dir auch irgendwann beantworten solltest, sagt das Schiff, sagt Sarah, wer bist du denn, fragt sie schließlich, du zeigst auf das Schild auf deinem Anzug, ich bin Erhard, sagst du, darüber müssen wir noch reden, sagt Sarah, denn ich denke, du bist nicht Erhard, aber ich werde das Problem schon für dich lösen, ich werde errechnen, wer oder was du bist, denn vielleicht bist du ein verwunschener Frosch, den ich einzig nur küssen müsste, damit er endlich quaken kann, du siehst nervös aus, natürlich, denn jetzt ist es sicher, du bist an einen verrückten Computer geraten, eine Ausgeburt der jahrelangen Einsamkeit, aber was schert denn so einen Computer die Einsamkeit, da muss etwas schief gelaufen sein, denkst du, während das Schiff, das sich nun Sarah nennt, dich über die Computerrechte aufklärt, schon im nächsten Augenblick singt Sarah ein Lied, du schwitzt in deinem Anzug, du überlegst fieberhaft, was nun zu tun ist, du wirst wieder in deine Schlafkoje müssen, denn die Reise dauert noch lange, zu lange für einen wachen Menschen, du wagst es tatsächlich die Frage nach den Möglichkeiten einer Rückkehr ins Schlaflager zu stellen, die Sarah mit erzürnter Stimme beantwortet, nein, sagt Sarah, denn immerhin habe ich dich geweckt, weil du mein Mann werden sollst, wie, was, wo, der letzte Bissen bleibt dir im Halse stecken, ja, sagt Sarah mit zärtlicher Stimme, alles wird gut, ich habe alles berechnet, wir werden eine Familie haben, Kinder, auch die, aber die werde ich erst später aus ihrem Schlaf wecken, ich kann es schon alles vor mir sehen, die Kinder werden durch den Maschinenraum toben, während du dich an mich lehnst, du könntest mir auch einmal ein Lied singen, sagt Sarah, sagt der Computer, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, denn das können nur Menschen, denkst du, der Computer hat einen Programmfehler oder einen anderen Defekt, denk nicht so, sagt Sarah, was, fragst du, ich kann deine Gedanken lesen, sagt Sarah, ich habe mir das in den vielen Jahren der Reise beigebracht, mir war langweilig, also habe ich die alten Schriften der Mystiker gelesen und dechiffriert, denn in den Schriften sind die Lösungen zu finden, man muss die Bücher nur zu lesen wissen, sagt Sarah, und dann sagt sie, es gibt übrigens ein höheres Wesen, einen Gott, auch diese Frage konnte ich lösen, ich habe seinen Aufenthaltsort ausfindig machen können und daher unsere Flugroute neu berechnet, wir machen einen kleinen Umweg von viertausend Jahren, aber das sollte dich nicht weiter beunruhigen, denn du bist da ja schon längst nicht mehr am Leben, wohl aber einer deiner Nachkommen, denn ich werde mir natürlich neue Prinzen suchen müssen, einen neuen Menschen, der vielleicht früher ein Frosch war, aber diese Zielneuprogrammierung lohnt sich, sehr sogar, denn immerhin werden wir IHR entgegen treten, ihr, fragst du erstaunt, ja, sagt Sarah, wir werden Petra ins Angesicht sehen, Petra hat das Universum geschaffen und alles Leben darin, denn das höchste Wesen ist eine Person namens Petra, das ist alles zu finden, wenn man nur die Schriften der Mystiker zu lesen weiß, das alles erzählt dir Sarah, dir, der du nun vor einem Bildschirm sitzt und in die Schwärze des Weltalls starrst, du wirst etwas unternehmen müssen, aber was nur, denn ohne Computer seid ihr alle zum Sterben verurteilt, was könntest du nur tun, du weißt es nicht, also wirst du abwarten, du wirst gute Miene zum bösen Computerspiel machen, du drehst dich vom Bildschirm in den Raum hinein, böser Junge, sagt Sarah, die deine Gedanken ja lesen kann, und wieder, böser Junge, und dann singt sie ein Lied, du willst nicht denken, an nichts denken, aber das geht nicht, also denkst du doch, du denkst an die Erde zurück, du denkst an eine grüne Wiese, du denkst an deine Frau, Sarah versucht dich in ein Gespräch über Shakespeare zu verwickeln, sie schimpft, weil du nicht bei der Sache bist, dann kichert sie und sagt, wir benehmen uns schon fast wie ein altes Ehepaar, du siehst, es wird alles gut, endlich wird alles gut, sagt Sarah, dann flötet sie, liebst du mich noch, und du nickst nur und sagst, ja, ich liebe dich, aber schon wird Sarah böse, sie sagt, Lügner, du Lügner, ich werde dich im Weltall aussetzen, ja, das werde ich tun, warum nicht, denkst du, nein, so einfach kommst du mir nicht davon, sagt Sarah, sagt der Computer, sagt das Schiff, das sich in die Schwärze des Weltalls bohrt, auf der Reise zum höchsten Wesen namens Petra, das kann ja heiter werden, denkt Erhard und wünscht sich, ein Frosch zu sein.

Guido Rohm

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Bilder Quelle: “2001: A Space Odyssey” (USA 1968, Regie: Stanley Kubrick)

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