P

Du bist drauf, sagt Lucy, die du mit ängstlich aufgerissenen Augen ansiehst, die sich in einen Drachen, einen Vogel, vielleicht auch in einen Alligator verwandeln könnte, mindestens aber in einen Rochen, du bist drauf, wiederholt Lucy, und ja, du weißt es ja auch, aber es ist dir egal, du bist auf P, du stolzierst über eine Bergspitze, du trampelst ganze Gebirge nieder, einfach so, während sich Lucys Stimme dunkel färbt, ihr wächst ein Bart, und nur wenige Ewigkeiten später, während sie draußen einige Passanten mit dem Maschinengewehr erschießen, und du ihre Schreie und ihr Gestöhne bis hier hinauf in den 457. Stock hören kannst, wo war ich nur, denkst du, ach, Lucy, die nun plötzlich dein Gesicht trägt, und dich mit deinem Mund anredet, Harlan, hast du mich gehört, du bist auf P, ja, sagst du, und dann, nein, bin ich nicht, sie kann es nicht wissen, aber das ist sie doch gar nicht, sagst du zu ihr, die nun du geworden ist, du blickst dich an, sagst, schön, dich hier zu sehen, du musst mit der Scheiße aufhören, sagst du zu dir, sagt Lucy, sagt Ehemals-Lucy zu dir, da soll man nicht verrückt werden, denkst du, und nun denkst du es gleichzeitig und in zwei Gehirnen, nicht schlecht, denkst du, jetzt gibt es mich noch einmal, das gefällt mir, ich könnte den Harlan dort zum Einkaufen schicken, während ich hier im 1009. Stock in meinem Bett liegen bleibe, obwohl das nicht mal mehr an ein Bett erinnert, sondern mehr an eine auf dem Rücken liegende Schabe, nein, Schaben mag ich nicht, denkst du mit deinen zwei Gehirnen, und dann denkst du an Lucy, die es wahrscheinlich nie gab, die du dir erfunden hast, die das P dir eingeredet hat, du hast sie im P-Zustand erschaffen, es gab dich schon immer in doppelter Ausführung, du siehst dich an, blinzelst dir zu, fragst, was wollen wir denn heute noch so anstellen, aber du scheinst auch vernünftig sein zu können, weil du nun zu dir sagst, gar nichts, wir bleiben hier liegen, wir können auf P nicht auf die Straße, es gibt ja auch gar keine Straßen mehr, kicherst du, gibt es nicht, sieh doch mal aus dem Fenster, du stehst auf, du wankst mit dir zum Fenster hin, ihr seht hinaus, nur Wolken, wo sind wir denn hier, fragst du dich, und gibst dir die Antwort, wir sind im 5678. Stock des Cassidy-Gebäudes, so ein Unsinn, sagst du zu dir, habe ich noch nie von gehört, in deinem Rücken müht sich das Schabenbett um eine angenehme Position, also schreist du das Bett an, es solle sich jetzt und hier in einen Berg aus Daunenfedern verwandeln, nichts tut sich, und du sagst zu dir, Schaben haben halt ihren eigenen Kopf, du lädst dich zu einem Drink ein, ihr schlurft rüber zur Bar, die an eine gigantische Kobra erinnert, erinnert mich an eine gigantische Kobra, sagst du zu dir, was heißt hier, erinnert, sagst du, das ist eine verfluchte Riesenkobra, die jetzt den Kopf hebt, und euch fragt, was ihr gerne trinken würdet, ich weiß noch nicht, sagst du, du siehst zu deinen Füßen runter, Blut läuft, wo kommt das Blut denn nun her, fragst du dich und bekommst keine Antwort, du hebst den Kopf, du liegst im Bett, Lucy beugt sich über dich, sie sagt, ich werde mich schon um dich kümmern, sie sagt, du bist auf P, sie sagt, aber vertraue keinem Zustand, warum, fragst du erschrocken, sie lächelt, sie öffnet den Mund, die Zähne eines Raubtiers, es ist deutlich zu sehen, weil ich selbst nicht mehr weiß, was eigentlich die Realität ist und wann wir uns dort aufhalten, Scheiß drauf, denkst du, du liegst in deinem Schabenbett im 4597. Stock eines unbekannten Gebäudes, die Situation könnte schlimmer sein, denkst du und springst mit einem Schirm in die Tiefe deines eigenen Körpers, du bist auf P, alles ist möglich, denkst du, alles.

Guido Rohm

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