Das Wort Gottes

Gott erschafft die Welt in zwei Jahren.
Aber eigentlich endet das Projekt nie.
Die Erde ist eine Sperrholzplatte, die er sich in einem Baumarkt schneiden lässt.
Weil die Erde aber nicht in seinen Wagen passt, verpflichtet Gott seinen Nachbarn, ihm beim Transport zu helfen.
Mit einem Anhänger fahren sie die noch wüste und öde Erde zum Haus Gottes.
Wahrlich, ich danke dir, spricht Gott zu seinem Nachbarn Michael Erz.
Mit seiner Mutter Maria schleppt Gott die Sperrholzplatte in den Keller hinab.
Dort scheidet er das Dunkel vom Licht.
Er lässt eine Glühbirne an der Decke scheinen. Dies sei die Sonne, spricht Gott.
Gott beklebt die Erde mit grünem Filz. Dann legt er kleine Kunstseen an.
In den nächsten Jahren entstehen Miniaturhäuser.
Kühe, die weiden.
Menschen, die den Arm zum Gruß heben. Ein Mann mit einer Sonnenbrille, der zur Glühbirne hinauf blickt. Zwei Frauen, die nackt in einem Fluss baden. Kinder, die einem Prediger lauschen.
Gott erbaut Hallenbäder, Krankenhäuser, Gefängnisse, Garagen, Reihenhäuser, Hütten, Vulkane, Berge, Tempelanlagen, Konzentrationslager, Kindergärten, Folterkammern, Süßwarenläden, Spielzeugläden.
Gott sagt: Es ist gut, was ich da erschaffen habe. Stolz blickt Gott auf sein Werk hinab. Der Schweiß läuft ihm in Strömen von der Stirn. Dicke Tropfen klatschen in eine Wüste hinein, um sie fruchtbar zu machen.
Gottes Schweiß kann nichts wachsen lassen.
Es sind die Hände Gottes, die mit Kleber und Eifer und Mut die Dinge und Gestalten der Welt aus dem Nichts auf die Platte tragen.
Das Nichts ist ein Bastelladen inmitten der Stadt.
Sein Erfindungsgeist entfacht das Feuer der Geschichte.
Jeden Abend erlischt die Sonne. Die Nacht verheimlicht sein Tagesgeschäft.
Gott steigt aus dem untersten Universum in den Himmel hinauf.
Es existiert ein Zwischenuniversum bestehend aus einer Küche, einem Wohnzimmer und einer kleinen Gästetoilette.
Der Himmel liegt darüber.
Gott entkleidet sich. Er starrt auf seinen dicken Körper, der in zahllosen Fettringen zu stecken scheint.
Gott schleppt den Körper zum Bett und legt ihn ächzend darauf ab.
Das Bett ist ihm wie eine Wolke.
Dort liegt er und träumt von seiner Mutter, die zu seiner Linken liegt und schnarcht.
Sie kann ihm keinen Sohn gebären, denn das würde Unrecht zeugen.
Am Morgen steigt Gott in seinen Keller hinab.
Er beäugt sein Werk.
Er lässt die Eisenbahn fahren, denn der Eisenbahn wegen schuf er diese Welt.
Manchmal schließt sich Gott in diesem Universum ein.
Er trägt dann eine Uniform.
Lager kann man plötzlich auf der Sperrholzplatte finden. Auch einen Zug, der zum Deportieren gedacht ist.
Haben ihn die Träume der letzten Nacht zu sehr aufgewühlt, dann kann es geschehen, dass Gott der Platte einen Tritt verpasst.
Die kleinen Figuren fallen um.
Gott beruhigt sie.
Er spricht auf sie ein.
Er sagt: Das war nur ein Erdbeben.
Die kleinen Menschen antworten nicht.
Und dann hat Gott eine Idee.
Gott beginnt damit, große Unglücke nachzustellen.
Er baut zwei Türme.
Flugzeuge hängen an einem Draht.
Die Flugzeuge stürzen auf die Türme hinab.
Gott baut Atomkraftwerke, die er abbrennt, um auf diese Weise eine Explosion zu simulieren.
Tag für Tag kehrt Gott in einer SS-Uniform in den Keller zurück und betrachtet sein Werk aus Zerstörung und Verzweiflung und Tränen und Hoffnungslosigkeit.
Es gibt nur noch wenige Figuren auf der Sperrholzplatte. Er hat die Menschen in Massengräbern beigesetzt.
Die Gräber befinden sich in einem Sandhaufen unter der Platte.
Dort hat er sie verscharrt.
Dann eines Tages stirbt die Gottesmutter.
Gott schleift ihren Leib zur Erde hinab.
Er legt sie unter der Platte ab. Er legt ihren Körper, der leicht wie eine Feder ist, auf den Massengräbern ab.
Gott sagt: Tod muss zum Tode hin!
Gott entkleidet sich. Er legt sich zur Mutter, die ihm keinen Sohn gebar.
Zärtlich berührt er ihr totes Fleisch. Er streichelt die schlaffen Brüste der Gottesmutter.
Gott denkt über die Auferstehung nach.
Das Ewige Leben!
Gott wird ein neues Haus bauen.
Er weiß es.
Er spürt es.
Er wird der Gottesmutter zu Ehren ein Haus bauen, das diesem ihrem großen Gotteshaus gleicht.
Er wird sich selbst als kleine Spielzeugfigur erschaffen.
Auch die Mutter wird er nachbilden.
Er wird dem kleinen Haus einen Keller bauen. Darin wird sein Ebenbild leben.
Sein Ebenbild wird eine Welt erschaffen, in der ein Ebenbild eine Welt erschafft, darin ein Ebenbild eine Welt erschafft. Und so weiter und so fort, bis man all diesen Welten einzig noch mit einer Lupe auf die Spur kommen kann.
Makrokosmos und Mikrokosmos.
Die Mutter wird dem Sohn einen Sohn gebären.
Und alle Welt wird jubilieren.
Die Menschen werden aus ihren Sandgräbern auferstehen.
Gott wird die Figuren zum Jüngsten Gericht bestellen.
Zuvor aber wird er seinen Sohn senden, um hinweg zu nehmen die Sünden des Kellers.
Er wird den Sohn an einem Kreuze enden lassen. Er wird beim Tod des Sohnes die Erde mit einem Presslufthammer beben lassen.
Gott sieht zur Mutter hinab, die einen seltsam süßlichen Geruch verströmt.
Gott lächelt barmherzig.
Er segnet den Tod und das Leben, die Toten und die Lebenden. Er segnet alles Gewürm und alles andere Getier.
Er segnet die Nacht und den Tag.
Gott steigt aus dem Keller auf.
Er verlässt das Gotteshaus, der falschen Welt von seinen Taten und Werken zu künden, damit sie ihn preisen und loben können alle Zeit.
Amen!

Guido Rohm

Bild via thebricktestament.com

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