Das Geständnis, oder Was für ein Kerl

Am Tag nach dem Fund, fünf Tage nach der Tat also, sind die Kameras in unser Dorf gekommen, sie sind über uns gekommen, über uns hergefallen, auf uns hernieder gestürzt wie eine Heuschreckenplage, wie etwas, was uns bestrafen sollte, für was, so sagte ich zu Ruth, auch immer, sie haben unsere Gesichter gefilmt, die verheulten, jammernden, fassungslosen, schimpfenden, ängstlichen Gesichter, die sich seit diesem Tag hinter den Gardinen verstecken, die Kinder unter die Tische drückend, in die Kinderzimmer sperrend, denn wer will denn schon wissen, sagte ich zu Ruth, wann der wieder zuschlägt, das sagte ich auch zu einem Kamerateam, sagte es direkt in die Kamera hinein, während eine kleine Träne über meine linke Wange kullerte, erzählte ihnen von Jürgen, vom nun toten Jürgen, so ein braver Junge, sagte ich, sah ihn immer drüben auf dem Spielplatz mit seinem Lederball, mit dem schoss er in die Luft, stets in die Luft hinauf, als wolle er eine der Wolken mit dem Ball vom Himmel holen, Jürgen, den sie nackt und tot in einem Waldstück nicht weit von hier gefunden haben, die Arme und Beine gefesselt, nur die Kleidung fanden sie nicht, das ist doch seltsam, sagte ich zu Ruth, denn die Kleidung muss doch irgendwo sein, das sagte ich zu Ruth und später auch dem Kamerateam, während die Gedanken in meinem Kopf Purzelbäume schlugen, weil ich nicht wusste, wie ich die Kleidung vom Jürgen loswerden sollte, ich könnte sie verbrennen, später, aber das sagte ich weder zu Ruth noch zu denen vom Fernsehen, denn das geht niemanden etwas an, das ist mein Geheimnis, das muss mein Geheimnis bleiben, denn was sollte denn aus Ruth und den Mädchen werden, wenn sie mich verhaften, wenn sie mich wegsperren, das Haus und überhaupt alles, das würden wir doch verlieren, das sagte ich nicht, stattdessen schimpfte ich auf die Politik, weil so ein Schimpfen sich gut macht, weil so ein Schimpfen immer zieht, weil man da Zustimmung erntet, und tatsächlich schlugen mir Jochen und Albert noch am Abend auf die Schulter, was für ein Kerl, sagten sie, und dann, man sollte den Kerl töten, abknallen, schrie Jochen, und Albert noch lauter, ich würde es tun, gebt mir eine Waffe, ich würde es tun, natürlich stimmte ich mit ein, verlangte nach Folter, sah mich bereits unter einem brennenden Eisen, ich musste grinsen über meine unsinnigen Gedanken, aber zum Glück deuteten Jochen und Albert das Lächeln falsch, sie dachten, ich würde bereits im Blut des Täters baden, tat ich ja auch, es war eben nur mein eigenes Blut, das sich in Wallung bringt, wenn es an Kindern vorüber kommt, denn ich will das nicht, das müssen Sie mir glauben, ich bin doch kein eiskalter Mörder, da machen Sie sich die Sache zu einfach, so geht das nicht, so können Sie nicht über mich urteilen, das wäre Unrecht, und ins Unrecht wollen Sie sich ja sicherlich nicht setzen, denn der Platz ist ja schon besetzt, da sitze ich und spreche mit den Kameras, erzähle ihnen von Jürgen, sehe zu seinen Eltern hin, die von einem Kamerateam umringt werden, die nun ohne ihren Jürgen berühmt werden müssen, gerne, allzu gerne würde ich zu Ihnen hinüber gehen, Sie an den Händen nehmen und sagen, das wird schon, das wird schon wieder, aber das kann ich nicht tun, das werde ich nicht tun, so etwas würde dem Fass den Boden ausschlagen, das weiß ich wohl, denn auch ich weiß, was sich gehört und was sich nicht gehört, auch wenn ich jetzt schon ihre vorwurfsvollen Stimmen hören kann, die sagen, MORD, KINDESCHÄNDUNG, das gehört sich ja nun wirklich nicht, Sie Bestie, aber ich kann Ihnen versichern, ich bin keine Bestie, auch wenn es manchmal mit mir durch geht, ich bin ein guter Familienvater, ein guter Ehemann, ich bemühe mich um meine Familie, um meine Frau, da kommt Sie ja, komm doch mal her, Ruth, die Herren hier, die sind vom Fernsehen, sie fragen nach dem Jürgen, das ist schrecklich, sagt Ruth, jaja, flüstere ich, wir hatten den Kleinen gern, zu gern, denke ich, sage aber nur, ein prima Junge, aus dem wäre etwas geworden, vielleicht ein großer Fußballer, das reicht jetzt, sagt der vom Fernsehen, ich fühle mich ertappt, aber er spricht nur sein Team an, sie ziehen ab, ich blicke hinter ihnen her, Ruth ist bereits im Haus, ich werde jetzt noch einen Spaziergang machen, später dann werde ich mich um die Kleidung kümmern, denn die Kleidung muss fort, sie könnte mich verraten, und das wäre ein großes Unglück, denn was sollten denn Ruth und die Mädchen ohne mich machen, sie wären Frau und Kinder eines Mörders, einer Bestie, eines Monsters, sie würden die Welt nicht mehr verstehen und die Welt würde sie nicht mehr verstehen, alles würde in ein großes Durcheinander stürzen, ich laufe den schmalen Feldweg entlang, erinnere mich, denn genau hier sprach ich ihn an, den Jürgen, sagte, komm mal mit, ich will dir dort drüben etwas zeigen, und Jürgen lächelte verschämt und folgte mir, hier auf diesem Feldweg war es, und das Schlimmste ist, es wird andere Feldwege geben, immer wieder, denn ich bin so wie ich bin, ein Mann, der sich nicht entkommen kann, urteilen Sie nicht über mich, denn Sie wissen nicht, was das heißt.

Guido Rohm

Bild: videostill, DVD Universal

Peter Lorre als psychopathischem Kindermörder in Fritz Langs Krimiklassiker M (aka M – Eine Stadt sucht einen Mörder), Deutschland 1931

Für Interessierte: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Graphic Novel von Jon J. Muth, nach dem Fritz Lang Film) von Georg Seeßlen hier mehr lesen

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