Alles, was ich bin

Ich sitze mit Oliver beim Essen und bemerke plötzlich eine Wimper auf meiner Hand, die von einem Windstoß, betritt doch eben ein neuer Gast das Restaurant, unter oder neben den Tisch geweht wird.

Ich schwitze, den Schweiß würde ich am liebsten auffangen und bewahren, entschuldige mich bei Oliver (später auch beim Restaurantbesitzer) und krabbele wie ein kleines Kind über den Teppich auf der Suche nach meiner Wimper, die ich nicht finde; dafür stoße ich auf die Haare fremder Menschen, sie könnten dem Eigentümer und seiner Familie gehören, aber ich überreiche sie ihm nicht, sondern stopfe sie heimlich in meine rechte Hosentasche, will ich mich doch in meinen eigenen vier Wänden ausführlicher damit beschäftigen, in der Hoffnung, so doch noch meiner eigenen Wimper habhaft zu werden.

Nach diesem Abend verbschiedet sich Oliver auf Nimmerwiedersehen, er löst sich, wie man so schön sagt, in Luft auf.

Ich will mich nicht auflösen, das Verschwinden bereitet mir Angst. Ich sammle mich. Das erscheint mir eine adäquate Lösung zu sein.

Mein Hobby macht mich einzigartig.

Ich lagere mich, die Flüchtigkeit meines Wesens, mein schwindendes Dasein, die Abfallprodukte meines Selbst, in eigens dafür angemieteten Räumen; Vergangenheitszimmer sind das, darin die Partikel meiner Person in einzelnen Behältern aufbewahrt werden, um sie einer späteren Öffentlichkeit vorführen zu können, um derart vom Verfall meines Lebens zu künden.

Vielleicht kann man mich aber auch wieder zusammensetzen, denn wer will schon sagen, welche Wege die Forschung noch beschreiten wird.

Alles wird bewahrt: Haare lese ich mit einer Pinzette in Reagenzgläser, Hautschuppen puste ich vorsichtig in Brotbüchsen, Urin fange ich in ehemaligen Milchflaschen auf, Kot schaufele ich in Eimer, die ich luftdicht nicht bekomme (ein Problem, dem ich noch beikommen muss), mein Sperma belasse ich nach dem Eigenmelken in den dafür auffangbereiten Papiertüchern, die ich mit einem Datum versehe und in einer Art Album befestige, ein Tagebuch meiner Selbstverliebtheit, meiner tragischen Ichbezogenheit, die auch vor meinem angetrockneten Nasensekret nicht Halt macht, das ich Kugel für Kugel in Einmachgläser verfrachte, meines Inneren dabei gedenkend, dem ich nicht auf die Spur komme, dem ich aber weiter nachforschen werde, denn ich will und werde dahinter kommen, was das denn eigentlich ist, was ich da Ich nenne.

Die Sammlung wächst, weil stundenweise, minütlich, gar im Sekundentakt, etwas von mir abfällt.

(Ich sammle mich, also bin ich.)

Hat die Sammlung keinen Platz mehr in meiner Wohnung, oder muss ich fürchten, Besucher könnten meine Hinterlassenschaft entdecken, dann verfrachte ich sie in der Nacht in mein Auto; mit aufgeregt zitternder Hand steuere ich den Wagen Richtung der von mir angemieteten Lagerräume.

Mehrere dieser Hotelzimmer für Gegenstände habe ich in Gebrauch; ich parke auf einem der hinteren Parkplätze, will ich doch nicht in die Not geraten, Rechenschaft über meine Gegenstände ablegen zu müssen, über die in Körben gelagerten Alben, Einmachgläser, Reagenzgläser, Flaschen, Eimer, die alle nichts anderes beinhalten als eben mich, meinen Körper, der sich irgendwann zur Gänze aufgelöst haben wird. Die Körbe decke ich mit Tüchern ab.

Die Forschung schreitet voran, vielleicht wird man mich aus meinen Teilen, die in den Zimmern auf einen Doktor im Kittel warten, zusammensetzen können, vielleicht wird man das Puzzle meines Ich rekonstruieren können; ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dereinst wieder aufzuerstehen, ein Koloss aus Kot, Schleim, Sperma, Urin. Ich werde eines jener zukünftigen Wesen sein, die aus nichts weiter als Natur bestehen, aus Molekülen, Atomen, aus Tropfen des Urschleims.

Man hat mich bisher nicht angesprochen, auch die Gerüche, die allmählich in den Rest des Gebäudes ziehen, haben noch niemand zu einer Beschwerde veranlasst, und dies, obwohl die Ratten und Mäuse sich wohler und wohler zu fühlen scheinen. Ich kann sie hören.

Erwache ich am Morgen, dann suche ich mein Bettlaken nach eventuellen Samenergüssen ab, nach unachtsamen nächtlichen Produkten, die, finde ich sie, von mir mit einer Schere aus dem übrigen Laken herausgetrennt werden.

Ist dies erledigt, folgt die Inspektion mit einer Lupe, um kein noch so kleines Haar, vor allem auch aus meinem Genitalbereich, zu übersehen.

Füße und Hände werden mit einer Schere bearbeitet, die Nägel landen in einem kleinen Glas, das ich mit einem Zettel beklebe, darauf Datum und Uhrzeit zu lesen ist. Ich darf mich nicht verlieren.

Nichts von mir soll verloren gehen, meine Einzigartigkeit soll erhalten bleiben.

Leider bin ich nicht mehr alleine, es gibt mehr und mehr von uns, schon finde ich die ersten Beiträge dazu auf speziellen Seiten im Netz. (www.ziehmirdiehautvomleib.com)

Einer von ihnen, der sich skinjim nennt, berichtet von seinen Versuchen mit Sonne und Solarium, mit Verbrennungen, um auf diese Art besonders große Schichten der eigenen Haut zu erwirtschaften.

Manche schaben sich die Haut auch mit Reibeisen vom Körper. Andere träumen davon, sich komplett zerlegen und dann aufbewahren zu lassen.

Der Kühlraum eines homosexuellen Metzgers, dies müsse doch das Paradies sein, schrieb ein achtunddreißigjähriger Beamter, der sich im frühzeitigen Ruhestand befindet. Die verfrühte Pension bekommt manchen Beamten nicht. Diesem auf keinen Fall.

Diese Leute machen mir Angst, leider kann ich mit Oliver nicht mehr darüber reden.

Ich bin nicht allein, und das macht mir Angst, ging es mir doch nur um mich, nicht aber um andere Sammler, die nun auch Räume in diesem Gebäude anmieten.

Sie strömen aus allen Richtungen, tragen ihre Körbe längst schon am helllichten Tag in das Gebäude, sie können nicht einmal mehr auf die Dämmerung warten.

Ich wollte mir ein Denkmal setzen, wollte auf die Zukunft bauen, die nun von all den geisterhaften Kartons und Gläsern der anderen Sammler bereits besetzt ist.

Heute habe ich die Räume in dem Gebäude gekündigt; ich habe alles dort gelassen, weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen soll.

Was bleibt, das ist die Einsamkeit in meiner Wohnung, die Stille auf dem Flur, all die Autos, die ich beladen mit Körben in den Sonnenuntergang fahren sehe.

Alles, was von mir bleiben wird, kann man später in einen Beutel stecken und entsorgen.

Wird man mich erst einmal in diesen Räumen entdecken, und dies wird bald geschehen, will man doch wieder vermieten, wird man angewidert sein. Das ist nicht schön. So sollte man nicht mit dem Wesen anderer Menschen umgehen, auch nicht mit Teilaspekten dieses Wesens.

Ich würde mir einen respektvollen Umgang mit meinem Kot, mit meinem Urin, auch mit meinen anderen Sekreten wünschen. Ich habe in meine Sammlung viel Arbeit und Zeit investiert. Zeit, die mir nun fehlt.

Ich spüre einen leichten Durchfall anmarschieren, ich renne auf die Toilette, bewaffnet mit einem Eimer; alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen.

© Guido Rohm

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