Macht.Fernsehen.Dumm.


Dumm nur, dass wir unseren Fernseher vor einigen Stunden die steile Treppe nach unten getragen haben, denn so verpassten wir, die Nachbarsfamilie erklärt es uns mit eiligen Lippen, die Sendung über die Familie, die ihren Fernseher entsorgte, weil sie nicht dumm sterben wollte, die Familie, die nun tot unter dem Schutt ihres Hauses liegt, weil sie nicht aus dem Fernseher erfuhren, dass sich ein Orkan auf ihr Haus zu bewegte, ein ausgewachsener, ein erwachsener Sturm, der sich auf ihr Haus drauf setzte, einfach so, als wäre das Haus ein Hocker, auf dem man es sich nach der langen Reise kurz gemütlich macht, während unter seinem Hintern Holz barst, es wurde vom Wind zu Splittern verarbeitet, dies alles erzählt uns der Nachbar, während ich den Himmel nach Unregelmäßigkeiten absuche, Veränderungen in der Struktur, und der nunmehrigen Gewissheit mit der Entsorgung unseres Fernsehers einen Fehler begangen zu haben, einen Fehler, der ausgebügelt werden kann, diese Falte in der Familiengeschichte muss nicht bleiben, die Privathistorie braucht eine Bereinigung, also bitte ich meine Frau, mir beim Hinauftragen zu helfen, denn das gute Stück müsse da wieder rauf, erkläre ich ihr, so oder so, da sei nichts zu machen, sie schnauft, ihre Backen sind rot, sie wird doch nicht unter Bluthochdruck leiden, denke ich, während ich bereits unruhig auf meine Uhr blicke, beginnen doch in wenigen Minuten die Nachrichtensendungen, wie will man denn ruhig schlafen, wenn man nicht einmal weiß, was in der Welt geschieht, da könnte sich, ich wage es nicht zu denken, lasse es also, vielleicht können Sie sich denken, was ich mir dachte, alles egal, der Bluthochdruck meiner Frau muss warten, denn der Fernseher muss wieder in die Wohnung hinauf, da hilft alles nichts, sage es auch, der muss in die Wohnung hinauf, als ich sehe, wie sich einer an unserem Fernseher zu schaffen macht, hey, rufe ich ihn an, will schon sagen, Schuft, lasse er ab von seiner Tat, aber das klingt zu sehr nach dem Theaterkanal, obwohl, den wird der nicht kennen, nicht ein solch dreister Dieb, der Kerl hält inne, ich stehe bei ihm, erkläre ihm die Situation, dies, sage ich, ist unser Fernseher, er lacht hell und grell auf, das könne jeder sagen, ich greife nach dem Fernseher, der Fremde schreit, halt ein, Schuft, ich sehe ihn erstaunt an, er zuckt mit den Schultern, erklärt sich zum arbeitslosen Theaterschauspieler, ob ich denn nicht wisse, was er verdiene, woher denn, frage ich, käme doch ständig im Fernsehen, sagt er, kann sein, erwidere ich, rufe nach meiner Frau, die nach Atem ringt, die kann ich nicht fragen, ob sie eine Sendung über arbeitslose Schauspieler gesehen hat, nicht jetzt, denn die gute Frau scheint um ihr Leben zu kämpfen, während ich hier um unser Leben kämpfe, um den Fernseher, den der Fremde mit seinen Händen in Beschlag genommen hat, meiner, ruft er, der Nachbar mischt sich ein, erklärt sich mit mir solidarisch, er werde die Polizei rufen, sagt der Nachbar, könne er, könne er, antwortet gelassen der arbeitslose Schauspieler, grinst uns an, Mein oder Nicht-mein, das ist hier die Frage, also verpasse ich ihm einen Tritt gegen sein Knie, mein, rufe ich, schleppe mit meinem Nachbar den Fernseher in die Wohnung zurück, schweißgebadet, aber glücklich, nun die Macht über das Geschehen in der Welt in meine Wohnung zurück gebracht zu haben, denn es wäre doch dumm, will ich meiner Frau erklären, nur wegen fehlender Informationen das Zeitliche segnen zu müssen, die meinen Worten aber leider nicht lauschen kann, wird sie doch ausgerechnet in diesem Augenblick von einem Krankenwagen abtransportiert, gerade jetzt, denke ich, kommt doch ihre Lieblingssendung, Klinik Sonnenschein, die Arme, ich werde es für sie ansehen und ihr später davon berichten, es wäre doch dumm, wenn sie ausgerechnet diese Folge verpassen würde, stirbt doch heute, wie ich gerade sehe, der Klinikleiter höchstselbst.

Guido Rohm

Bild: CC BY-NC-SA tapedeck [ I ♥ film]

 

Share
  1. #1 von igel unter 12. August 2011

    jetzt,da man deine Frau ins krankenhaus geschafft hat !und du viel Zeit hast kannst du ja auch noch mal die vielen vielen Toten die es jeden Abend im Fehnsehen gibt zählen ?! Aber das du dann nicht zum Attentäter wirst, in das Krankenhaus fährst und los ballerst, weil du ja nicht mehr zwischen Realität und Wahnsinn unterscheiden kannst

(wird nicht veröffentlicht)

  1. Bisher keine Trackbacks.