Revolution

Ein angenehmer Sessel. Samt. Die Lehnen sind mit Gold überzogen. Sie müssen hier bleiben. Das hat Jan gesagt. Jan ist der Hoteldirektor. Sie können da nicht raus. Ausgangsverbot. Man würde Sie erschießen. Lynchen. Also bleiben Sie hier. Europäer sind da draußen nicht gerne gesehen. Während ich genüsslich eine Zigarette rauche, springt Jan vor dem Flachbildschirm auf und ab. Hannah beobachtet mich. Ich merke es. Auch wenn mein Blick auf den Fernsehbildern ruht. Unglaublich ist das, flüstere ich. Was?, fragt Hannah. Ich zeige zum Fernseher hin. Demonstranten prügeln sich mit der Polizei. Ein Schuss. Einer der Demonstranten sackt zu Boden. Das passiert hier. Ich springe auf. Hin zum Fenster. Ich kann die Menschen durch die getönte Scheibe nur undeutlich sehen. Besser man beobachtet es auf dem Bildschirm. Mein Blick schweift hin und her. Hier sitzen wir. Wie Götter. Wir thronen in den Wolken. Im Hotel. Mitten im Herzen der Stadt. Revolutionstag. Hier wird Geschichte geschrieben. Und wir sind dabei. Der Kellner bringt uns eine Flasche Champagner. Darauf muss man trinken. Ich bin aufgeregt. Die Revolution pulst durch meinen Körper. Sie werden ihn aus seinem Palast verdrängen. Nach dreißig Jahren. Endlich. Jetzt sind wir dran, sage ich zu Hannah. Wir?, fragt sie zurück. Die Facebook-Generation, schreie ich. Jan blickt zu mir hin. Er runzelt die Stirn. Lächelt. Immer freundlich bleiben. Das ist Jan. Hat in Deutschland gelernt. Steile Karriere. Jetzt leitet er das Hotel. Panzer rücken an. Wir rücken die Stühle näher an den Fernseher. Wir müssten nur aus dem Fenster sehen. Ein wenig die Hälse recken. Die Nasen an die Scheiben pressen. Das ist ungehörig. Das tut hier niemand. Meine Hände sind feucht. Hannah konzentriert sich auf ihr Filet. Wie kannst du?, will ich sagen. Spreche es nicht aus. Beginne erst gar keinen Satz, den ich eh nicht beenden werde. Die Panzer kommen näher und näher. Die Demonstranten weichen nicht. Gute Demonstranten. Man kann ihren Mut nur bewundern. Helden. Jede Geschichte braucht Helden. Wenigstens einen Held. Einer, der das Geschehen an sich reißt. Die Gesichter sind angespannt. Der Kameramann hetzt durch die Reihen. Eine Stimme erschallt. Kratzig. Und dann folgt ein Moment der Ruhe, der absoluten Stille, die vor jedem Sturm zu vernehmen ist. Tauben fliegen auf. Wo kommen denn die Tauben her? Die Tauben fliegen direkt an unserem Fenster vorüber. Ich kann sie sehen. Ich habe das Gefühl, ich könnte sie mit den Händen packen. Unsinn. Tauben gibt es auch hier im Restaurant. Stehen auf der Speisekarte. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich werde nachsehen. Später. Jetzt muss mich auf das Geschehen konzentrieren. Meine Haut ist zum Bersten gespannt. So habe ich mich zum letzten Mal bei einem Fußballweltmeisterschaftsendspiel gefühlt. Die Zunge ist trocken. Ich müsste etwas trinken. Champagner wäre da. Ich halte die Luft an. Alle sehen jetzt hin. Auch Jan. Selbst die einheimischen Kellner. Wer kann ihnen das verdenken. Hier geht es um sie. Um ihr Land. Ihre Geschichte. Ihre Zukunft. Nur einer läuft weiter durch die Reihen. Er wird das Geld benötigen. Wird fürchten, er könne seinen Job verlieren. Aber doch nicht jetzt. Es würde niemand bemerken, sähe er hin. Sein Volk steht im Mittelpunkt der Weltpresse. Und ich kann es immer noch nicht glauben, obwohl ich ja nur wenige Meter vom Geschehen entfernt bin. Ich müsste mich zwicken. Da ertönt ein Schuss. Ein Panzer hat in die Menge gefeuert. Rauch strömt auf. Der Qualm verzieht sich. Effekte wie in einem Hollywoodfilm. Tote sind zu sehen. Wir springen auf. Manche buhen. Ich finde das unangemessen. Das ist doch keine Sportveranstaltung. Ich sage es nicht. Ich will atmen. Ich kann es nicht. Ich stehe. Gehe zum Fenster. Presse mein Gesicht an die Scheibe. Die Toten sind von hier nicht zu sehen. Ich hebe den Blick. Weit entfernt flackern Feuer. Schwarzer Ruß. Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind. Aus den Lautsprechern des Fernsehers knarzt die Stimme des Reporters. Ich verstehe ihn nicht. Ich kann mir nur vorstellen, was er sagt. Ich würde es auch sagen. Hier findet ein Mord am eigenen Volk statt. Und Europa? Was tut Europa? Es mischt sich nicht ein. Es schaut zu. Ich würde so gerne etwas tun. Aber ich bin nur ein kleiner Geschäftsmann. Sie würden mich töten. Ich könnte ein Held werden. Ich muss über diesen Gedanken lächeln. Hannah entdeckt das Lächeln. Sie schüttelt den Kopf. Was ist?, frage ich. Die Filets sind viel zu trocken, sagt sie. Sie kaut auf einem Stück Fleisch. Wie kann sie das tun? Jetzt! Ich renne nach vorne zu Jan. Was geschieht da?, frage ich. Was erzählt der Reporter? Aber Jan hebt nur die Schulter. Die Fernsehbilder verschwinden. Da, sagt Jan. Er zeigt auf den Bildschirm. Die stammen von unseren Außenkameras. Jetzt sind wir direkt dabei. Man kann die Auffahrt erkennen. Verletzte schleppen sich vor das Hotel. Wir müssen etwas tun, sage ich. Wir?, wiederholt Jan erstaunt. Hotelangestellte treten durch die Glastür. Sie haben Baseballkeulen. Sie schlagen auf die Verletzten ein. Was machen die, frage ich Jan, der sich einem anderen Gast zugewendet hat, der mich nicht weiter beachtet, ich bin mit der Situation völlig überfordert, sehe zur kauenden Hannah hin, zu den Bildern im Fernseher, ich kann nicht verstehen, was hier geschieht, warum Jans Leute auf Verletzte einprügeln, das sind, sagt Jan plötzlich neben mir, Islamisten, die würden Ihnen und mir liebend gerne den Kopf abschneiden, wir müssen sie vom Gelände vertreiben. Ich bin sprachlos. Ich gehe zu meinem Stuhl zurück. Ich lehne mich nach hinten. Der Rücken schmerzt. Die Feuer haben sich ausgebreitet. Die Stadt lodert auf. Ich greife nach dem Champagner. Nehme einen Schluck. Und?, fragt Hannah, wer gewinnt? Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es nicht. Ich hoffe, es wird eine Revolution geben. Ich blicke auf meine Uhr. Ich habe in zwei Tagen einen Termin in Amsterdam. Es ist egal, wer gewinnt, sage ich zu Hannah, wichtig ist, dass ich den Flieger erwische. Im Fernsehen läuft jetzt Werbung. Jan hat umgeschaltet. Sie sollten sich jetzt etwas ablenken!, ruft er. Hannah nickt seine Worte ab. Sie greift nach ihrem Glas. Hebt es. Sie prostet mir zu. Es lebe die Revolution, sagt sie. Ich bin müde. Jan ist gegangen. Während die Stadt ringsum allmählich in einem Meer aus Ruß versinkt, sitzen wir an unseren Tischen und betrinken uns. Warum tun wir das? Ich kann es nicht sagen. Hannah auch nicht. Im Fernsehen läuft ein Western. Ich verfolge ihn so nebenbei. Kein schlechter Western. Ich mag diese Filme. Zupackende Männer. Da sind die Rollen klar verteilt. Ein Schuss ertönt. Ich hebe den Kopf. Sehe mich um. Im Film reiten sie soeben durch eine trostlose Landschaft. Wer geschossen hat, kann ich nicht sagen, aber vielleicht ist es ja auch einerlei. Wir sind hier sicher, sage ich zu Hannah. Sie reagiert nicht. Sie ist zu betrunken. Ich greife nach meinen Zigaretten. Ich werde einen Spaziergang machen. Eine Zigarette rauchen. Durch die Stadt bummeln. Warum auch nicht!

Guido Rohm

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