Zehn Füller

Schreiben. Der Junge tut es. Schon wieder. Stimmt was nicht. Sieh mal nach. Sitzt da und schreibt. Wir sollten einen Arzt benachrichtigen. Die Leute. Ja, die wundern sich schon. Die fragen nach ihm. Da ist doch ein Junge. Die anderen Kinder klingeln: Wo ist denn der Junge? Der ist oben in seinem Zimmer und schreibt. Das kann man doch nicht sagen. Das ist doch keine Antwort. Wenn er wenigstens Fußball lieben würde. Rangeleien. Bagger. Autos. Nichts davon. Murmelt sich was in seinen unsichtbaren Bart. Dann beschreibt er ihn. Wen? Den Bart! Das würde der Junge jetzt sagen, der vor einer alten Schreibmaschine sitzt. Die hat er sich von seinen Eltern erbettelt. Die Finger schmerzen. Jeder Buchstabe wird zur Qual.

Der Junge sinkt. Der Junge trinkt fast nichts. Er stolpert durch seine Kopfwüste. Beschreibt jedes Sandkorn. In jedem Korn befindet sich ein Weltall. Planeten. Die wollen beschrieben werden. Kriege werden auch geführt. Dem Jungen raucht der Kopf. Nicht lange, dann wird er rauchen. Das Schreiben ist eine Gefahr. Er sitzt vor seinen Geschichten und raucht. Später wird er Kaffee trinken. Bewegung fehlt dem Schreiber eh. Schreiber sitzen da und schreiben sich in den eigenen körperlichen Untergang.

Der Junge schreibt über sich. Seine Eltern. Über andere Eltern. Er beschreibt die Aussicht. Welche Aussicht? Er muss sich nicht bewegen. Er lehnt sich kurz nach vorne. Schon starrt er in die Tiefe. Eine Tiefe, die nicht endet. Unerschöpflich tief.

Die Mutter ruft zum Essen. Muss das sein, denkt der Junge. Er kann sich eine volle Tafel erfinden. Die Mutter lässt nicht nach. Auch nicht locker. Sie bellt durch das Haus. Immerhin ist sie Mutter und macht sich Sorgen. Das ist ihre Natur. Ihre Berufskrankheit. Was würden denn die anderen Leute denken, wenn sie sich plötzlich keine Sorgen machen würde?

Der Junge reagiert verhalten. Gequält. Er will doch nur hier sein. Hier bleiben. Den Tisch nicht verlassen müssen. Er schreibt im Moment über Gott. Das ist keine leichte Aufgabe, zumal der Junge ihn beschreibt. Jede Falte. Jede Regung. Später am Tisch wird der Junge sagen: Gott ist hässlich.

Die Eltern werden sich erschrocken ansehen. So kann das nicht weitergehen. Nicht so. Da muss Hilfe bei. Sie müssen einen Arzt holen. Am Ende, sagt der Vater, wird er noch schwul. Kann keiner wollen. Er schüttelt sich die Gedanken aus dem Kopf. Das ist doch mein Junge. So sollte ich nicht denken.

Der Junge verdrückt sich. Schlüpft in sein Zimmer. Hinein in seine Geschichte.

Die Eltern bleiben. Sehen hinab auf ihr Schnitzel. Beraten sich. Wir könnten den Pfarrer informieren. Das Bundeskriminalamt. Die Schwiegermutter. Die nicht. Vaters Gesicht rötet sich. Die nicht. Man muss ja nicht gleich mit dem Satan höchstselbst drohen.

Was tun? Aussitzen. Ausschwitzen. Abwarten. Tee trinken. Vielleicht legt sich das wieder. Der wird schon. Und wenn es bleibt? Was? Diese Krankheit!

Der Vater schüttelt den Kopf. Jetzt sind endlich alle Gedanken aus den Ohren gefallen. Die Gedanken sind zerschellt. Liegen in Einzelteilen am Boden. Der Vater liest die Buchstaben auf. Übergibt sie der Mutter.

Mach daraus eine Buchstabensuppe, sagt der Vater.

Der Junge schreibt bereits wieder. Gott ist beschrieben. Nun beschreibt er seine Füße. Die Füße sind zum Gehen da. Seine Füße ruhen. Ein Fuß liegt über dem anderen Fuß. Die Füße sind zu nichts gut. Also schreibt der Junge sie aus der Geschichte heraus. Erfindet ein Volk ohne Füße mit Füllern statt Fingern. Kriege werden nicht wegen Öl, wohl aber wegen Tinte geführt.

Die Eltern empfangen Freunde. Man bittet die Freunde ins Wohnzimmer. Der Junge könne nicht kommen. Der sei krank. Der leide an einem Fieber. Man wisse nicht einmal, ob er durchkommen werde. Es stehe nicht gut.

Wie? Wo? Was? Die Freunde sind entsetzt. Die Freunde können die Eltern nicht verstehen. Der arme Junge stirbt. Das könne nicht sein. Dürfe nicht sein.

Doch, doch, sagt der Vater und bittet dann zu Tisch. Der Kuchen steht.

Die Freunde wollen fort aus diesem Haus. Fort von diesen eiskalten Eltern.

Man stürzt den Kaffee in die Körper. Die Körper stehen bereits nach einer halben Stunde. Die Körper verabschieden sich. Die Körper gehen.

So geht das nicht weiter. Der Vater stürmt die Treppe hinauf. Er reißt die Tür auf. Sieht sich um. Kein Junge. Das kann doch nicht sein. Der Junge muss hier sein.

Der Vater tritt zur Schreibmaschine. Er liest. Der Junge schreibt über sich. Er habe sich in eine Geschichte geschrieben. Er lebe fortan in einer Geschichte. Unsinn!, schreit der Vater.

Die Mutter wankt ins Zimmer. Ja, wo ist er denn? Abgehauen!, ruft der Vater. So wie es sich für einen Jungen in seinem Alter gehört.

Und jetzt?

Gehen wir zur Polizei, sagte der Vater zufrieden.

Stolz ist der Vater auf den Jungen. Endlich eine Männertat. Das Schreiben hätte ihn nur krank werden lassen. Wenn sie ihn erst finden, dann bekommt er eine Tracht Prügel. Später wird er vor den Fernseher gesetzt. So wird es geschehen, denkt der Vater.

Vater und Mutter stürzen aus dem Haus. Der Junge setzt indes Schritt für Schritt. Er durchquert eine Schneelandschaft. Er ist unterwegs. Niemand ist zu sehen. Er hebt die Hände. Zehn Füller. Er beginnt eine Geschichte in den Schnee zu schreiben. Erste Häuser wachsen aus der Erde.

Der Junge lächelt. Der Junge wusste, es würde funktionieren. Weit im Weltall ist eine Stimme zu hören, die ihn an seinen Vater erinnert.

Jetzt nicht, denkt der Junge und schreibt weiter!

Guido Rohm

Bild: CC BY-SA Kosmopolitat

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Ein Gedanke zu „;Zehn Füller

  1. Guten Tag Herr Rohm

    Zehn Füller habe ich gelesen, und mir darauf Blut ist ein Fluss gekauft. Sie sehen, hin und wieder funktioniert dieses Internet. Also. Der Roman ist lakonisch, tough, manchmal dachte ich an Jim Thompson, und dann dachte ich, ob diese Lakonie auch funktioniert, wenn man sie in die Gegenwart Deutschland verpflanzt. Weil, da sähe ich sie gern, vor allem, weil das, was uns als Krimis so um die Ohren gehauen wird, oft reiner Bockmist ist, schlecht geschrieben und politisch gern auch korrekt. Also, meine Hochachtung vor diesem Gemetzel, verbunden mit der Bitte, sie hierher zu verpflanzen, das wäre doch was, oder? Dann stünden die Klischees von guten und korrupten amerikanischen Bullen in redneck-states auf dem Prüfstand. Als Fiktion kaufe ich sie ihnen gerne ab, aber als Spiegel der tatsächlichen Verhältnisse bezweifle ich sie. Lakonie, eine gute Geschichte, und das alles hier, das wünsche ich Ihnen und halte Ausschau. Falls es schon so etwas gibt von Ihnen, lassen Sie es mich wissen.
    Herzlich
    Hermann Mensing

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