Ein gelbes Notizbuch

Schreib es rein. Schreib es da rein. Ins Notizbuch. Alles. Die Namen der Menschen, denen du begegnest, die Schuhgrößen, die Haarfarben. Beschreib ihre Gerüche, ihre Stimmen. Alles muss da rein. Das Notizbuch muss gefüllt werden. Mit den Farben des Himmels. Beschreib die Konturen der Häuser, notiere alle Produkte, die dir unter deine Nase gehalten werden. Erzähl von deinen Besuchen beim Arzt. Zähl die Regentropfen. Male kleine Figuren hinein. Dann einen Fluss. Lass den Fluss steigen. Die Menschen staunen. Rennen. Verschwinden in ihren Häusern. Nimm dein Notizbuch und setz dich an ihre Betten. Beschreibe ihren Schweiß. Streich den Schweiß von ihren Körpern, denn auch der Schweiß muss auf die Seiten. Nicke mit dem Kopf, lausche allen Worten, die fallen, die steigen, die sich an den Wänden entlang schlängeln. Klaub Worte von den Straßen und aus den Zeitungen. Zerrupf die Worte. Back einen Kuchen aus den Worten. Notier das Rezept für den Wortkuchen in dein Notizbuch.

Wirf das Notizbuch angewidert in die Ecke. Nimm ein neues Notizbuch. Beobachte dich im Spiegel. Reiß dir ein Haar aus. Klebe es in das Buch. Notiere das Datum des Tages.

Geh mit dem Notizbuch auf Reisen. Halte es gegen den Wind, lass es den Gesprächen lauschen, die man im Zug führt. Erregt es sich, dann rede mit sanfter Stimme auf das Notizbuch ein. Streichle es. Lass es nicht aus den Augen. Lege es in den Nächten unter dein Kopfkissen.

Steig mit deinem Notizbuch auf die Pyramiden, auf die Gefängnisse, auf die Wolken. Alles soll dein Notizbuch gesehen haben.

Nimm das Notizbuch auf deinen Schoss. Blätter darin. Lach auf. Schäm dich. Wieher wie ein Pferd. Grunze wie ein Schwein.

Schneide das Notizbuch auseinander. Trenne die einzelnen Worte heraus. Dann trennst du die Buchstaben. Du löst die Welt des Notizbuches wieder auf. Du gibst jedem einzelnen Buchstaben seine Freiheit. Du entsendest die Buchstaben.

Den Rest aber, den du Einband nennst, trägst du in den Wald. Du schaufelst ein Loch in den Boden, vergräbst ihn dort. Singe ein oder zwei Lieder, singe stets allein.

Vergieß eine Träne. Fang die Träne. Stopf die Träne in deinen Hosentasche. Fahr in die Stadt hinein. Nie mit dem Auto. Nimm den Bus oder die Bahn. Lächele die anderen Fahrgäste an. Erzähle ihnen nichts von der Träne in deiner Hosentasche. Kauf dir ein neues Notizbuch. Kauf gelbe Notizbücher, kauf keine grünen oder blauen.

Öffne das Notizbuch. Pack die Träne in dein neues Notizbuch. Lauf dann durch die Stadt. Ziellos. Halt wahllos Leute an. Zeig ihnen die Tränen in deinem Notizbuch.

Wenn sie einen Krankenwagen rufen, dann beschreib rasch das Geräusch der Sirene. Erzähl deinem Notizbuch von den Krankenpflegern, die dich verfrachten, die dich mit Worten in die Wirklichkeit holen wollen.

Lach nicht über ihre Wirklichkeit, lass sie ihnen, schreib über sie.

Schreib in dein Notizbuch von ihren Wünschen, Hoffnungen, Ängsten, Intrigen; alles soll von dir notiert werden.

Befrage den dich behandelnden Arzt nach seiner Kindheit, nach seiner Mutter, nach seinem Vater, nach seinem besten Freund. Er soll dir erzählen, was er sieht, wenn er Wolken am Himmel erblickt. Er soll von seinen Ferien berichten, von dem Geruch der Gräser, er soll künden von den Geräuschen auf der Straße.

Wenn sie dir dein Notizbuch genommen haben, dann binde dir rasch im Kopf ein neues. Leg dich damit in dein Krankenbett. Beschreib den Mond, die Geräusche auf dem Flur.

Zieh dich in dein Kopfarbeitszimmer zurück. Nimm Platz, schreib.

Schreib über all die Jahre mit deinen Notizbüchern, schreib über ihre Bäuche, schreib über das, was darin verschwand.

Beantworte Anfragen von Gartenunternehmen. Order Blumen für das Grab im Wald. Schick ihnen einen Lageplan. Erzähl ihnen von all den Gräbern in all den Wäldern. Hunderte Gräber hast du bereits hinterlassen. Hunderte Einbände sind Teil des Humus geworden. Bäume werden erwachsen. Werden geschlagen. Werden verfrachtet. Werden verarbeitet. Werden Papier. Werden Notizbücher. Ein ewiger Kreislauf, der dir Worte und Notizbücher liefert.

Wenn sie dich aus dem Krankenhaus entlassen, sofern sie dich jemals entlassen, dann renn rasch in den nächsten Laden. Kauf dir ein Notizbuch, gelb muss es sein, nie aber blau oder grün.

Nimm das Notizbuch, drücke es an dein Herz, lass den Herzschlag ins Buch fließen, das Hupen der Autos, den Gestank der Stadt, die Bemerkungen der Bettler.

Schreib über dein Glück, schreib über dein Notizbuch. Schreib alles da rein.

Schreib es jetzt. Zöger nicht. Tu es. Sofort!

Guido Rohm

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