Vaterjäger

Die Worte fehlen. Sind abhanden gekommen. Auf der Flucht. Worte in Ketten, die von der Meute meiner Gedanken gehetzt werden.

Ein Unwetter zeichnet sich am Himmel ab. Aufblitzende Erinnerungen, die man in Worte wie in einen Rahmen fassen könnte.

In den Erinnerungen lebt mein Vater noch. Er feiert mit der Familie ein nie enden wollendes Neujahr. Feiert hinein in den Morgen, der von der Familie ausgesperrt wird. Sie sitzen hinter Wänden aus Qualm. Verschanzen sich. Lachen auf. Trinken Bier aus Flaschen. Die Gläser bleiben dem Schrank vorbehalten.

Keine Worte, um den Vater zu greifen, der im Partykeller meines Kopfes bleibt.

Ich müsste ihn beschreiben, sein Haar mit Worten durchkämmen, das Haar, dünner werdend, damals strahlte es noch wie Silber auf.

Sein Lachen verebbt hinter meiner Stirn.

Wie kleine Seifenstücke wischen mir die Worte durch die Hände. Jedes Wort stellt sich als Falschgeld heraus. Ich will die Vergangenheit mit meinen Worten bezahlen. Ich bekomme die Einreise verweigert; der Vater bleibt im fernen Land, während ich ihn durch mein Textfernrohr suche. Manchen Moment taucht er auf, ein kleines Lächeln. Dann verschwindet er aber wieder in seinem Schneckenhaus.

Das Schneckenhaus war sein Traum. Ins Schneckenhaus wollte er rein. Sich verkriechen.

Sparte Pfennig für Pfennig, trotzte allem etwas ab, selbst seinem Denken, dem er nur den Blick in den Garten gönnte. Der kostete nichts.

Ich bücke mich nach einem Buchstaben. Ich werfe ihn in meine Vergangenheit wie in einen fremden Garten. Keine Reaktion. Nichts. Nicht einmal ein bissiger Hund.

Mein Vater tritt nicht an den Zaun. Mein Vater ist tot.

Seit dem Tod meines Vaters jage ich nach Worten, die mir sein Gesicht zaubern könnten. Der Vater bleibt fort. Nur Erinnerungsblitze zerreißen den Abendhimmel. Sein Blinzeln. So könnte es ausgesehen haben.

Die Worte verschanzen sich in anderen Texten. Ich finde sie überall, nur nicht in meinem Kopf. Sie tarnen sich als Nachrichtenmeldungen.

Ich müsste die Worte aus den Nachrichten schneiden. Sie mit einem Skalpell aus dem Unglück der Welt schneiden. Kugeln, die man einem verletzten Körper entnimmt. Scheppernd landet Wort für Wort in einer Schale. Die Worte müssen gereinigt werden. Sie sind verbraucht. Abgeschossen. Sie müssen erst wieder scharf gemacht werden.

Also schneidet man sich mühsam Wort für Wort aus dem Kontext. Dieses erscheint einem wichtig, jenes könnte den Vater beschreiben.

Der Vater hat Zeit. Er kann warten. Toten steht die Ewigkeit zur Verfügung. Sie streifen am Himmel entlang, lassen sich als Regen fallen, durchwühlen als Würmer das Erdreich.

Worte fallen auf den Grund meines Beutels. Ich greife hinein. Halte ein zappelndes Wort in der Hand. Das Wort muss an den Angelhaken.

Ich senke das Wort ins Meer der Vergangenheit. Ich warte auf einen Biss meines Vaters.

Das Wasser scheint ruhig. Kein Vater ist weit und breit zu sehen.

Die Saison für Väter sei vorüber, erklärt mir ein Profiangler.

Ein Menschenfischer wollte ich sein.

Ich werde nicht aufgeben. Ich werde nach den Worten suchen, die mir den Vater an die Hand geben, damit ich ihn an meine Seite setzen kann.

Ich kann ihn hören. Sein Lachen versteckt sich im Schneckenhaus. Er steht hinter einer Wand aus Qualm. So könnte es beginnen, so könnte ein Textkörper entstehen, der meinen Vater erschafft.

Erste Worte sind gefangen. Nun müssen sie einzig noch Nachwuchs zeugen.

Ich sitze und warte.

 

Guido Rohm

Foto: getidan

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