31. Januar 2012

Die Kälte hält Einzug, die Kälte zieht um die Häuser, wirft Frost in die Ecken, auf die Scheiben. Und dann stehen sie vor ihren Autos, kratzen, tausend Lehrer wollen ihre Tafeln wischen. Die Motoren laufen, dampfen. Rasch rauchen sie ihre Zigaretten. Tippeln auf der Stelle, als müssten sie aufs Klo. Warten. Rauchen. Steigen ein. Die Scheibenwischer hängen. Wieder raus, kratzen, tausend Lehrer wollen ihre Tafeln säubern.

Ich sitze und starre, bin krank, erkältet, greife nach einem Papiertaschentuch, schnäuze mich. Schon segelt das Tuch zu Boden. Viele weiße Vögel, die kümmerlich zu meinen Füßen liegen, ermordet am helllichten Tag von meiner Nase. Böse, böse Nase.

Will schreiben, kann nicht schreiben, erbreche mich aufs virtuelle Papier, kotze einen Fleck nach dem anderen in den Schnee vor meinen Augen.

Der Papierschnee gleicht bald dem Schnee dort draußen, der – schwarz und rußig – Ekel auslöst.

Jetzt steigen die Männer in ihre Autos. Haben ganze drei Zigaretten geraucht. Die Welt ist Schall und Rauch. Sie fahren hin, wohin auch immer, folgen kann ihnen nur meine Fantasie, die nicht folgen will, die dem Vogel im Käfig lauscht und dem Tippen der Finger, dem Schnaufen der Nase, die sich bereits für ein weiteres Papiertaschentuch anmeldet. Schon tropft Kondenswasser auf meine Finger, ich habe ein Loch, mein Körperschiff säuft ab, und dies hier, mitten auf hoher See, mitten im offenen weiten Meer des Vormittags.

Ich blicke mich um, da ist nichts, nur ein Kaffeebecher. Ob der mich halten wird? Also greife ich zu. Trinke einen Schluck. Schreiben, um sich zu reiben, um warm zu werden, um Hitze zu spüren.

Ein Balken Sonne fällt ins Zimmer. Mitten hinein in meine Worte.

Ein Mail erreichte mich. Georg Klein las mein Buch, fand viele schöne Worte, warum es ihm nicht gefiel, Worte, die ich gelten lassen kann, weil sie sich mühten. Die Worte der Mail hallen in meinem Kopf nach, schlagen an die Decke, wollen bedacht sein.

Die Seraphe ist fort, sie ist zum Einkaufen. Einen Kuss packte sie mir auf die Lippen. Ich sitze hier und warte auf Erlösung. Die Nase tropft, die Finger tippen, suchen nach Worten, stets nach Worten, die die Welt verzaubern. Ein Spiel mit der Verkleidung.

“Nicht”, flüstert eine Stimme, “nicht pathetisch werden.”

Und weil ich nun nicht weiter weiß, rauche ich eine Zigarette, draußen auf dem Balkon, der über der Straße hängt, die ein Fluss sein könnte.

Hier wohne ich also, an einem Fluss fernab der Welt. Drüben auf der anderen Flussseite säumen Häuser das Ufer. Die Autos sind mir Boote, um den Fluss hinauf- und hinabzufahren. Man kann Schwimmer sehen, die für das allzu bewusste Auge Fußgänger sind. Eine Frau, die kalten Atem in die Luft schlägt, krault, bepackt mit Taschen, rasch zum anderen Ufer. Sie muss vorsichtig sein, will sie nicht ertrinken. Das Wasser ist kalt und tödlich in diesen Tagen.

Könnte ich darüber schreiben? Oder sollte ich weiter an dem Text arbeiten, der nur Fragment bleiben wird?

Ein Rauschen lässt mich zusammenzucken. Das hörte sich an, als hätte Geröll sich gelöst. War aber nur ein Rollladen, der rasch nach unten gelassen wurde.

Kalte Füße, kalte Gedanken, also müsste ich laufen, ich klicke mich durchs Internet. Lesen, lesen, als würde das Lesen die Füße wärmen.

Der Vogel, der im Käfig sitzt, quietscht. Er spricht. Immer wieder kann ich Worte hören: Spitzbub, und seit einigen Tagen: WICKED.

Wie kommt er nur auf dieses Wort? Ich weiß es nicht, und vielleicht spielt mir ja auch nur meine Fantasie einen weiteren Streich.

Flügelschläge des Vogels. Der Käfig ist eng und nicht für einen Himmelsstürmer gedacht. Sollte ich ihn in die Freiheit entlassen? Was würde ihn erwarten? Ein baldiges Sterben, wahrscheinlich, aber ich kann es nicht wissen.

Also rasch nach dem Kaffeebecher greifen, nach dem Balkon schielen, der nächsten Zigarette, weil ich mir damit einen Takt erschaffe.

Der Tag muss zu einem Musikstück werden, noch übe ich, noch suche ich nach der Melodie, auf der wir alle treiben können, die Seraphe, das Sternchen, meine Kinder aus erster Ehe, der Vogel, meine Wörter, das Schreiben.

Ich spitze die Lippen und übe fleißig weiter.

“Nicht”, flüstert eine Stimme, “nicht pathetisch werden.”

 

Guido Rohm

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