Einsame Klasse

Sie tut es. Weil sie es kann. Weil sie es will. Sitzt auf dem Badewannenrand. Greift nach der Rasierklinge, die neben ihr auf der Kommode liegt. Hält die Klinge in die Luft. Sie hält die Luft an. Die Luft hält sich an. Die Zeit verlangsamt sich. Stagniert. Die Zeit wird zu einem toten Körper, zu einem bewegungslosen Moment.

So muss sich die Ewigkeit anfühlen, denkt sie.

Die Ewigkeit ist eine Blase, die kein Ende findet, die sich dehnt und dehnt. In dieser Blase hockt sie nun. Sie und die Rasierklinge, die sich selbstständig macht, die ihre Hand führt, die die Hand zum Oberschenkel führt. Der Oberschenkel sehnt sich nach der Klinge, die von der Hand in die Haut gezogen wird.

Die Haut ist ein Blatt Papier, auf das nun die Tinte läuft. Rote Tinte, die von der Welt unter der Haut berichtet, von den Verzweigungen, den Blutbahnen, dem Herzen. Aufgeregt pumpt das Herz mehr und mehr Tinte in den Kreislauf, der nun einen Riss hat.

Tinte dringt auf das Hautpapier.

Sie schreibt sich in ihre Haut ein. Sie schreibt eine Geschichte in ihre Haut. Sie wird von der Rasierklinge beschrieben. Das Blut läuft und läuft, es rennt davon, es galoppiert über die Knie, stürzt sich in die Tiefe. Es fällt auf die Fliesen. Zerschellt. Das Blut bricht sich die Knochen. Es liegt da, liegt in einer Lache aus Blut.

Weiter und weiter schreibt sie mit der Rasierklinge in die Haut, lässt den Panzer krachen. Der Panzer soll fallen. Luft soll an das Fleisch, aber da ist keine Luft, da ist nur die Blase, die sich allmählich mit Gedanken füllt. Die Gedanken verdrängen die Luft.

Sie hebt das T-Shirt. Betrachtet die Falten ihrer Haut, die Würfe ihres Hautkleides. Sie schneidet sich die Falten aus der Haut. Sie wird sich verändern. Sie wird zu einer Attraktion werden, einem einmaligen Erlebnis. Ein Klasseweib. Das wollen die Männer doch. Eine einzigartige Frau. Die wird sie sein, wenn sie aus der Blase tritt, dann wird von der alten Frau nichts mehr übrig sein.

Sie wird sich gebären, wird sich aus der Fruchtblase in die Wohnung drücken, wird die Stufen nach unten gehen. Sie wird die Straße betreten, über und über mit Blut. Die Straßen sind die Blutbahnen der Stadt. Sie wird die Blutbahnen mit ihrem Blut überschwemmen. Einsame Klasse!, werden sie rufen. Sie kann es hören, während sie mit der Klinge ihren Namen in ihr Gesicht ritzt. Das Gesicht schwitzt. Das Gesicht kotzt Blut. Sie schminkt sich.

Rot, überall.

Sie sieht das Rot, das aus ihr rausläuft, in diese Blase, die die Ewigkeit ist, die keine Zeit kennt, weil die Zeit und die Luft von ihren Gedanken verdrängt worden sind. Ihre Gedanken, die sich ganz und gar auf ihren Körper konzentrieren, auf dieses Blatt Papier, auf das sie nun eine ganz und gar neue Geschichte schreibt.

Sie wird sich erfinden. Sie erfindet sich. Sie beschreibt, befreit sich. Wird zu einer offenen Wunde. Wird zu dem, was sie schon vorher war. Eine offene Wunde, die nun alle sehen können. Sehen sollen.

Sie ist ganz bei sich, sie könnte unter ihre Haut schlüpfen, denn überall sind nun Löcher, die sie einladen, unter ihre Haut zu schlüpfen.

Sie ist bei sich, zum ersten Mal ist sie sich nahe. Ein befreiender Akt. Sie schreit nicht auf. Sie stöhnt. Einsame Klasse. Keine Frau ist wie sie.

Einmaligkeit sei ihr Name.

Sie spuckt ihren Namen auf die Fliesen. Der Name zerbricht nicht. Er bleibt. Er besteht. Sie wird sich nicht fortwischen. Nichts wird sie fortwischen. Sie wird bleiben, wie sie ist. Alle sollen sie sehen. Ein Mann, der das Blut schätzt, soll sie erwählen. Er soll sie schmecken, soll ihr Blut kosten. Sie lässt die Klinge fallen. Die Hand lässt die Klinge fallen. Die Feder. Die Geschichte ist geschrieben. Ihre Geschichte. Sie steht auf. Sie wird die Blase verlassen. Wird in die Zeit zurückkehren. Es ist Zeit, denkt sie und schließt die Badezimmertür auf.

Einsame Klasse, denkt sie, und geht in den Flur, dann ins Treppenhaus, um sich in ihren neuen Kleid auf der Straße zu zeigen, damit alle ihre Schönheit bewundern können.

 

Guido Rohm

Bild: Sissy Spacek als „Des Satans jüngste Tochter“ (Carrie, Regie Brian De Palma)

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