Barmanns Sorgen

Eine Bibliothek müsse bei, man müsse alles einrichten, erklärt Barmann, darin, also in der Bibliothek, so Barmann, in der selbstverständlich keine Bücher zu finden seien, sondern nur, einzig nur, dies betont Barmann, Fernsehzeitschriften, denn das Programm, das Fernsehprogramm, also das, was da seit Jahren über die Bildschirme flimmere, sei zu bewahren, so Barmann, man müsse ab sofort jede Fernsehzeitschrift dort unterbringen, denn längst sei so vieles verloren, unwiederbringlich verloren, so Barmann, weil wir Teil eines kulturlosen Volkes seien, eines Barbarenvolkes, eines Arschlochvolkes, Fotzenleckervolkes, hier, ich komme nicht umhin, dies festzustellen, verlor sich Barmann in einem wilden Hass, der sein Gesicht verzerrte, bis er sich nach Minuten allmählich abregte und mich überrascht ansah, fragend, wo er denn stehengeblieben sei, bei den Fernsehzeitschriften, gab ich, da unterbrach er mich, da fuhr er bereits fort, es gälte die Fernsehzeitschriften zu retten, sie müssen eine eigene Bibliothek erhalten, damit man sie Nummer für Nummer dort einsehen und ausleihen könne, denn es sei wichtig zu wissen, was ein Volk sich all die Jahre im Fernsehen angesehen hat, denn, so Barmann, wir sind, was wir sehen, und dann hielt er mir eine Fernsehzeitschrift unter die Nase, zitterte mit dem Finger über die einzelnen Programmpunkte, sagte, sehen Sie doch, hier eine Gerichtssendung, dort eine Erziehungssendung, wir sind eben das Volk der Richter und Henker, so Barmann nun zufrieden, nicht nur natürlich, fügt er bei, auch ginge es ihm nicht um die Denunziation dieses Arschleckervolkes, sondern um den Erhalt der Fernsehzeitschriften, die bisher noch keiner Sammlung zugeführt wären, es wäre also an der Zeit, denn lesen tue man nicht mehr, schon lange nicht mehr, dafür fernsehen, das Fernsehen sei zum Schlüsselloch der Nation geworden, zur Wichsundabspritzvorlage Nummer 1, er sei da nicht böse, denn auf etwas müsse man ja starren, während man, so Barmann, seine Nudel behandele, dies sagt Barmann, während er mir die Anwesenheit des Kamerateams erklärt, die müssten mich nicht nervös machen, er sei Teil der neuen Serie, Ich rette das Fernsehen, sei, er fragt nach, sei am 18. August bei RTL 7 zu sehen oder 8, er sei sich da jetzt nicht sicher, und dann fragt er nach, ob ich auch für die Rettung des Fernsehens und der Fernsehzeitschriften sei, bevor ich aber noch etwas sagen kann, knallt er mir eine, er verpasst mir eine schallende Ohrfeige, befragt den Kameramann, ob er alles drauf habe und zieht dann weiter, noch rufend, ich solle dies nicht persönlich nehmen, dies sei Fernsehen, es gehe um Unterhaltung, und er habe Angst gehabt, dass die Anteile mit mir in einem Loch aus Langeweile versinken, drum habe er zugeschlagen.

Schon steht Barmann bei einer Dame, er befragt sie, fragt an, was sie von einer Bibliothek für Fernsehzeitschriften halte, während er nach ihrem Busen greift, sich darüber auslassend, wie über ein Volk zu denken sei, das sich nicht mehr um seine Kultur kümmere.

Guido Rohm

 

Bild: Samsung UE37C5100 LED-LCD Fernseher, 94cm (37 Zoll); Artikelnummer 87488684

gesehen bei: Otto

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