Über die Idee und den Umgang mit ihr

Ideenzettel, gefunden im Geheimen Tagebuch des Guido Rohm

Jeden Morgen. Diese Qual. Eine Idee muss bei. Sitzt sie nicht bereits auf dem Schreibtisch, dann muss sie gefangen werden. Ideen verstecken sich an den merkwürdigsten Orten. Mit der Tastatur in der Hand tappe ich los. Halte sie wie einen Baseballschläger. So einer Idee – dies nur eine Idee von mir – muss man es ordentlich besorgen. Totschlagen muss man sie. Mehrmals, bis das letzte Blut aus ihrem Körper gelaufen ist. Das Blut ist aufzufangen und dann auf dem Bildschirm zu verschmieren. Sie können es auch über den Rechner kippen. Schnappen Sie sich die Idee. Braten kann man sie, in reichlich Schmalz oder Öl.

Ideen finden sich in Büchern. Das sind die Fremdideen, die einst einem anderen gehörten, der, wenn er von uns gegangen ist, sie nicht mehr benötigt. Schneiden Sie die Idee sorgsam aus dem Buch und foltern sie die Idee, bis sie bereit ist, einzugestehen: Ich bin Ihre Idee, hören Sie auf, hören Sie auf, ich bin ja Ihre Idee.

Hat die Idee erst eingesehen, dass sie von Ihnen gefunden und annektiert wurde, ist sie in den Text des Tages zu operieren. Schneiden Sie mit einem Skalpell Ihren Textkörper auf. Zeigen Sie keine Angst vor dem Blut und dem Eiter; den fangen Sie in einem Eimer auf und stellen ihn anschließend zur Fliegenjagd auf den Balkon. (Fliegen kann man stets gut gebrauchen, in großer Anzahl, etwa, um sie abzurichten und mit ihnen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zu ziehen.)

Setzen Sie die Idee tief unter das Fleisch, nähen Sie Idee an den Knochen. Sollte es mit dem Nähen nicht klappen, dann benutzen sie Hammer und Nagel. In einigen Jahrzenten wird die Idee ein Teil des Textkörpers sein. Nur in wenigen Fällen wird sie den Körper verunstalten, der die Idee abstoßen will.

Geben Sie nie auf. Ideen sitzen an allen Orten und unter allen Gegenständen. Suchen Sie nach Ideen im Schlafzimmer Ihrer Nachbarn, aber lassen Sie sich nicht dabei erwischen. Hocken Sie sich in den Schrank und lauschen sie. Sie könnten Ihre Nachbarn auch beim Verkehr filmen und sie anschließend erpressen. Auch das wäre eine Idee.

Sie sehen, die Welt steckt voller Ideen, die man sich nur nehmen muss. Würgen Sie die kleinen Dinger, bis sie Ihnen ihr Herz ausschütten.

Eine gewisse Brutalität ist in der Kunst vonnöten, so werden wir in einem künftigen Artikel auf die Jagd nach dem Publikum gehen.

Das werden Sie schaffen. Besorgen Sie sich nur schon eine Waffe, vielleicht eine mit Schalldämpfer.

Guido Rohm

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