Die Verschwundenen

Liegst dort – unter einer Decke, die dich versteckt. Fort bist du, niemand kann dich sehen, entschwunden bist du aller Augen Blicke, die das Zimmer mit einem unbestimmten Gefühl erkunden. Wischt dich aus der Erinnerung, einfach so, denn befragt man deine Frau nach dir, dann wird sie sagen, sie hätte keinen Mann, nein, sie sei nicht verheiratet; woher die Kinder kommen, wisse sie (aus ihrem Bauch!), aber sie könne nicht sagen, wer den Samen in sie trug. Du hörst und lauschst, deine Ohren zucken wie eine Schlange entlang des Lakens, damit sie erhaschen, was dort draußen geschieht.

Immer wieder, sehnen sich Geist und Körper nach einer Auszeit, bemühst du den Trick, der dich aus dem Leben sperrt, der dich in einem kleinen Raum wirft, der fernab der Realität als unbeachtete Möglichkeit existiert.

Schon beim frühkindlichen Spiel, auch im Streit mit den Eltern, nutzest du die Zimmer, die jenseits des Diesseits liegen; leicht zu erreichen sind sie; eine Hand bereits, starr vor die Augen gehalten, reicht aus, dem Vergessen anheim zu fallen.

Wollte der Lehrer dich mit einem Tadel bedenken, entkamst du dem Klassenbuch, dem Eintrag darin, indem du auf die Innenseiten der geschlossen Augendeckel flohst.

Stets funktionierte es, der Lehrer, eben noch in Rage, das Gesicht wutverzerrt, entspannte sich, befragte seinen Geisteszustand, war er sich doch nicht bewusst, warum er so aufgewühlt vor den Kindern stand, die ihn überrascht musterten.

Kehrst du zurück, dann ist alles vergessen, du hast das Ungemach überstanden; bist über die emotionalen Hürden gesprungen, ohne sie zu streifen, ohne sie zu sehen.

Allerhand ist das und hilft bei so vielen Gelegenheiten, sei es im Beruf oder in der Ehe. Die Momente, da du ins Exil stürmst, vermehren sich, sie nehmen – dies eine Gefahr – zu, sie nehmen Platz ein, der eigentlich belebt sein müsste, nun aber hinter deiner Hand oder unter einer Decke abgewartet werden.

Du bist zu einem Anhalter geworden, zu einem Zeitflüchtling, der inzwischen, es nimmt bedrohliche Ausmaße an, bis zu neun Monate eines Jahres im Nichts badet.

Fasziniert lauscht du deinen Freunden und deiner Frau, den Arbeitskollegen, die von einer Sekunde zur anderen nichts mehr von dir wissen, nur um, erstaunt aufzumerken, bist du erst zurück, dass man darauf schwören könne, die letzen fünf Minuten sei etwas anders gewesen, aber man könne beim besten Willen nicht sagen, was.

Mit einem Kichern, die Augenbrauen gehoben, stolzierst du davon, scheinst du doch einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige zu sein, der sich auf die Kunst des Verschwindens versteht, zumindest bis zu jenem unrühmlichen Tag in deinem Leben, da du nach dem Aufstehen das Fehlen von Frau und Kindern feststellen musst.

Freudig setzt du dich an den Küchentisch, der noch ungedeckt, erst bereitet werden muss. Mit einem Stöhnen mühst du dich an den Kühlschrank, dann zur Kaffeemaschine.

Bereits Stunden später vermisst du eine Frau, deine Hände, die bereits Betten machen mussten, sehnen sich nach einem zupackenden Wesen.

Du denkst darüber nach, ob du je verheiratet warst. Grübelnd tappst du die Treppe hinab, Nachbarsfrauen befragend, die dich mit gerunzelter Stirn ansehen, und dir bestätigen werden, dass es da niemanden gab, keine Frau, keine Kinder; im Gegenteil,  du seist als einsilbiger Sonderling bekannt, der seinem Ruf wohl heute wieder einmal gerecht werden wolle.

Zurück in der Wohnung sinnst über den Umstand, warum du ein Ehebett in deinem Schlafzimmer stehen hast, warum ein Kinderzimmer – komplett eingerichtet – spielender Kleinkinderhände harrt.

Da muss ein Irrtum vorliegen. Dies scheint nicht deine Wohnung zu sein.

Ein Flüstern kriecht in dein Ohr, keine Silbe hast du verstanden. Ein Lachen folgt, und nun wird es allmählich unheimlich, bis plötzlich Frau und Kinder vor dir stehen.

Überrascht merkst du auf, weißt du doch nicht zu sagen, wie du hier in den Flur kommst, lagst du doch noch vor Sekunden in deinem Bett, selig schlummernd und abseitig träumend.

Wieder greifst du zu einer Decke, bat deine Frau dich doch darum, den Abfall nach unten zu tragen. Schwungvoll breitest du sie über dir aus und fliehst der Welt.

Und erst hier wirst du gewahr, dass es fortan kein Entkommen mehr geben wird, hebt sich die künstliche Nacht doch, lässt das Tageslicht des Lebens einströmen – nicht nur die, sondern auch Frau und Kinder folgen, dir zublinzelnd, sie wüssten Bescheid, nun sitze man alles mit dir aus.

Du verdrehst die Augen, machst gute Miene zum bösen Spiel, während von draußen die Stimme der Nachbarin zu hören ist, die soeben einen ihrer Liebhaber in die Wohnung schiebt. Er solle sich nicht zieren, zwar sei die Wohnung möbliert, aber hier wohne niemand, sie könne sich nicht erinnern, dass hier überhaupt jemals wer gelebt habe.

Deine Frau und du bedecken die Ohren der Kinder, während ihr dem Klang einer Welt lauscht, die nichts von euch zu wissen scheint.

Guido Rohm  

Bild: via ichwillleben.eu 

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