42

Freund Remus sagt, ich solle mich nicht so anstellen, denn 42 sei doch nur eine Zahl, noch würde ich nicht zum alten Eisen gehören, die Überquerung einer wenig befahrenen Nebenstraße traue er mir noch zu, ebenfalls die Besteigung meiner Frau, obwohl man dafür wohl inzwischen einige Tage veranschlagen müsse, aber auch, wenn einem langsam die Zeit davonrenne, so Freund Remus, solle ich das mit dem Alter nicht so ernst nehmen, denn die Wissenschaft arbeite an der Unsterblichkeit, man werde inzwischen älter, 150 bis 200 Jahre werde wohl jeder, eher müsse man von 300 Jahren ausgehen, und unter diesen wissenschaftlichen Gesichtspunkten sei ich als Jungspund anzusehen, als einer, der noch grün hinter den Ohren ist, nur beim Treppensteigen und beim Atmen solle ich zukünftig vorsichtiger sein, denn die Schnelligkeit, so Remus, lasse einen, er verweise hier auf den Aufsatz von Doktor Westrom, regelrecht dem Tod in die Arme stürzen, ein zu rasch verlebtes Dasein münde – müht man sich besonders – in fünf Minuten im Jenseits, aber die Langsamkeit, so Remus, würde die Zeit innehalten lassen, man könne die Zeit anhalten, man müsse sich nur darauf konzentrieren, sich – wenn möglich – fast überhaupt nicht mehr zu bewegen, ja, diesen Ratschlag gebe er mir, ich solle ganz auf Westrom vertrauen und seine “Untersuchungen der Atemlosigkeit” studieren, darin er Tipps gibt, wie man sich auf die rechte Art kaum bis gar nicht mehr bewegt, es gälte, laut Westrom, sich in den Sessel zu setzen und dort zu verharren, während man, Westrom verlangt es, kaum bis gar nicht mehr atmet, um so den Fängen der Zeit zu entkommen, die ja schließlich nur eins wolle, nämlich den Tod dessen, den sie so emsig auf Schritt und Tritt begleitet, die Zeit sei laut Westrom ein garstiges Vieh aus dem Weltraum, die Invasion von der Science-Fiction-Romane künden und warnen, sei längst erfolgt, nämlich durch den Einsatz von Zeit, die, man müsse sich doch nur umsehen, dabei sei, sich zu beschleunigen, eiliger und eiliger habe es die Zeit, darum müsse man ihr, Remus überschlägt sich beim Reden, er hat einen puterroten Kopf, fast scheint er einem Ohnmachtsanfall nahe, ein Schnippchen schlagen, man müsse ihr eine Nase drehen, ihr die Zunge rausstrecken, indem man sich, Könner vermögen dies, erst gar nicht mehr aus dem Bett bewegt, denn dort sollte man verbleiben, und, so Remus, dann könne das Wunder geschehen, dass man die Zeit stoppt, manche hätten gar eine Zeitumkehr bewirken können, eine Verjüngung des Körpers, bis sie schließlich spielend und sabbernd im Bett gesessen hätten, darauf wartend, dass man ihnen eine Windel anlegt, aber so weit müsse ich es ja nicht kommen lassen, es reiche, wenn ich die Zeit zu packen bekäme, um so, er wird es im nächsten Jahr überprüfen, meinen 42. Geburtstag ein zweites Mal zu feiern, so Remus, der auf seine Uhr blickt und aufschreit, was, es ist schon so spät, sich aus dem Sessel drückend und aus dem Zimmer stürmend, mit seinen letzten Worten an diesem Tag, keine Zeit mehr, aber nächstes Jahr, mein lieber Rohm, nächste Jahr feiern wir deinen Geburtstag bestimmt gemeinsam, ich werde Zeit ansparen, aber dieses Jahr rennt sie mir davon.

Ich bleibe verwundert zurück, denke über seine Worte nach und beginne damit, die Luft anzuhalten. Mal sehen, was geschehen wird.

Guido Rohm                   

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