Gerts Ausflug

Schon recht. Es kommt selten vor. Der Gert ist kein unternehmungslustiger Mensch. Daheim ist daheim. Da will er bleiben. Meist.

Er vertraut auf seine Mutter. Auf ihren Herd. Auf sein Bett, weil er darin die Welt zu Kopf bereist. Aber manchmal, da kommt es über ihn. Er schleift sich aus dem Königreich des Kinderzimmers an die frische Luft, auch wenn es ihm zunächst gefährlich erscheint. Atmet ein. Hält inne. Spürt die schlechten Gedanken der Menschen. Er hält nicht viel von der Außenwelt. Sie ist durchdrungen von üblen Gedanken, von Gerüchten und Nachreden. Ganz schlecht wird ihm von der Luft. Also überlegt er, rasch ins Haus zu schlüpfen, unter die Haut seiner Decke, denn nur sein Bett und seine Träume können ihn vor all der Unbill schützen.

Aber wo er hier schon mal steht, denkt Gert, kann er auch ein gutes Werk tun und etwas in den Vorgarten pflanzen.

Nur wenige Atemzüge gönnt er sich, denn erst beim letzten, so Gert, schluckte er den bösartigen Wunsch eines Nachbarn, der sich das Ableben seiner Frau erhofft. Ach, die Leute, denkt Gert, und dann schüttelt er den Kopf, damit die bösen Fremdgedanken in der Glut seines Hirnfeuers verbrennen. Ein böser Gestank entsteht. Das ist immer so. Seine Mutter wird ihm unterstellen, er habe sich falsch ernährt und ihn auf seinen Mundgeruch hinweisen.

Mundgeruch. Pah. Nix da.

Gert kniet sich vor das Rosenbeet und hebt mit der Hand Erde aus. Drei Fuhren führt seine Handschaufel zur Seite. Er greift in seine Tasche und befördert ein aus der Zeitung des gestrigen Tages geschnittenes T zu Tage. Dies T wird er eingraben, es gießen, damit es wächst und gedeiht. In einigen Tagen wird er Mutter danach sehen lassen, denn auf keinen Fall kann er nach einem solch gefährlichen Ausflug wieder ein derartiges Wagnis auf sich nehmen. Vielleicht in einem halben Jahr. Eher in vier Jahren wieder.

Und dann überlegt er, was er mit einem sich der Sonne entgegen reckenden T alles tun könnte, aber leider, und dies verunsichert ihn, fällt ihm nicht viel ein. Er könnte es von der Mutter abschneiden und sich in einer Vase auf das Fensterbrett stellen lassen. Dann würde er es vom Bett aus sehen können, das T. Knospen könnten ausschlagen, kleine t, die er später einem Buchladen zum Verkauf anbieten könnte. Oder in einer Gärtnerei. Er kann sich nicht entscheiden. Schweißperlen schlüpfen auf die Stirnfläche. Sorgsam streicht er sie von der Hirnaußenwand. Schnuppert daran. Sein Schweiß. Keine Frage. Aber leider von der Hand zerstört. Keine Perlen mehr. So eine Sauerei. Am liebsten würde er seine rechte Hand mit der linken züchtigen, damit sie in Zukunft vorsichtiger zu Werke geht.

Die Handschaufel bedeckt das T mit Erde. An eine Beerdigung erinnert ihn die Zeremonie. Trauer steigt in ihm auf, lässt den Körperbrunnen überlaufen, bis sich Tränen über das frisch gesäte Gut ergießen.

Zufrieden klatscht er in die Hände. Alles getan, was nötig ist, denkt Gert.

Er hält ein letztes Mal die Luft an, schmeckt den unkeuschen Gedanken eines Priesters, der vor Stunden durch diese Straße gefahren sein muss. Die Augen geschlossen betet er rasch noch zu allen verfügbaren Göttern, auch denen der Moderne, man kann ja nie wissen. Sie sollen sich, so sein Anruf, die nächsten Wochen um das Gewächs kümmern, da er, sie würden es sicherlich wissen, in seinem Bett unabkömmlich sei.

Gert drückt sich nach oben, wankt benommen, getroffen von den Gedankenblitzen einer älteren Dame, ins Haus zurück. Er schlägt die Tür ins Schloss, schreit auf: Geschafft!

Nein, das wird ihm so schnell nicht wieder passieren. Eine dumme Idee war es, sich aus der Deckung des Kinderzimmers zu bewegen.

Getroffen, halb dem Tode nah, zieht er sich am Geländer in die Höhen seiner Bergwelt. Will schon rufen, Mutter, ich kann nicht mehr, will schon schreien, Mutter, jämmerlich werde ich sterben, da hat er die oberste Stufe erklommen. Benommen sackt er zusammen. Seine Hände suchen nach einem Halt in den Fliesen. Nichts.

Es könnte sein, dass er hier sterben wird; allerdings würde ihn, er gedenkt es seiner Mutter, ist sie erst von der Arbeit zurück, mitzuteilen, eine heiße Schokolade den kalten Händen des Todes entreißen.

So liegt er und wartet, bis er sich schließlich, weil die Lage seinem Rücken nicht eben zuträglich ist, kraft seiner Gedanken, die nun wieder nahezu rein und ungetrübt wirken können, ins Bett verfrachtet.

Warten und sterben kann er schließlich auch hier, denkt Gert und konzentriert sich auf eine kontrollierte Nahtoderfahrung. Stoff immerhin, den er am morgigen Tag bedenken kann.

Kein Ausflug mehr, flüstert er, nie wieder, und stirbt.

Guido Rohm

Bild: gesehen bei selecta-spielzeug.de

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