Unschuldsengel Gert

“Der Realitätsverlust ist – im Besonderen wie im Allgemeinen –  zu befürworten, da sich die Realität, realistisch betrachtet,  als unbrauchbar erwiesen hat.” Guido Rohm, Hymnen an Sylvester Stallone, Eigenbrötler-Verlag, Seite 7 unten bis Seite 8 oben

Wisst es wieder besser. Saubande.

Der Gert aber, der lässt sich dies nicht unterstellen, das andere auch nicht, und überhaupt, so der Gert, könnt ihr euch …

Das lassen wir jetzt unter den Tisch fallen. Das hat er nicht gesagt. Wir haben es überhört. Haben das Unaussprechliche  durch drei Punkte ersetzt.

Faul sind die, die Faules tun, sagt Gert, und das treffe nicht auf ihn zu, auf keinen Fall, denn er tue ja nichts, gar nichts, und das sei beileibe nicht so einfach, wie es sich beim Überlesen, beim Vorbeilesen zunächst darstelle. Überhaupt, schnaubt Gert, richtige Leser wünsche er sich, aufmerksame Leser, Leser auch, die vor allem Leserinnen und leicht bis gar nicht bekleidet sind. Das muss doch möglich sein. Unmöglich scheint es dem Gert nicht, der soeben den kleinen linken Finger bewegt hat, und dem nun die Röte ins Gesicht schießt, weil er ja, bei allen Göttern und Sandmännern, die Unschuld in Reinkultur ist, das Unschuldslamm schlechthin.

Nichts tut er, und gut, er gibt es zu, die Sache mit dem  kleinen Finger, das war ein Versehen, ein Unfall. Soll nicht wieder vorkommen. Guten Abend. Gute Nacht. Und auf Wiedersehen.

Gert schläft in dieser Nacht mit offenen Augen, denn ein weiteres Tun will er seiner Leserschaft nicht zumuten. Sein Blick rast über Stock und Stein, überfährt, oh weh, drei Igel. Also ab in die Eisen. Gert bremst das Blickmobil. Scheißdreck, murmelt er. Das war ja nun nicht so gedacht. Er sieht sich hektisch um. Bloß weg hier. Gas geben. Und schon jagt er das Blickmobil durch einen Wald. Hinter sich die Leichen dreier Igel, aus denen viel hätte werden können. Wie man hörte, schrieb einer von ihnen an einer Symphonie. Dahin ist dahin. Unwiederbringlich. So also geht man in manchen Träumen mit Genies um.

Musik dröhnt aus dem Radio. Keine musische Musik, sondern schreckliche Musik. Die kennt er überhaupt nicht. Wo kommt die her?

Es ist zum Verzweifeln. Selbst die eigenen Träume sind heutzutage nicht mehr, was sie mal waren.

In diesem Moment erinnert sich Gert an die Worte seines Papas, Gott und Sandmann haben ihn selig, der ihn Tag für Tag und Nacht für Nacht (eigentlich jede Sekunde seines Lebens) darauf hinweisen musste, wie gut es der Gert habe, denn er, der Papa, habe nichts als Kind gehabt, nicht mal einen eigenen Traum, den konnten sie sich nicht leisten. Erst mit Zwanzig war es soweit. Da kaufte er sich vom Geld des ersten Banküberfalls einen Traum, einen drittklassigen gebrauchten Traum aus dem Second-Dream-Laden. Mann, war der abgenutzt, erklärte der Papa dem Gert, der sich noch mit dem Autoradio abmüht. Er muss doch einen anderen Sender reinkriegen, aber nichts, der Traum scheint seine eigenen Gesetze zu haben.

Zu gern würde der Gert seinen Traum jetzt unterbrechen, um a) einen anderen Traum anzubaggern und ins Bett zu kriegen und um b) die geneigte Leserschaft auf seine Bewegungslosigkeit aufmerksam zu machen, die ja ein Beweis, er verweist auf obige Textanteile, für seine totale Unschuld ist. Denn merke: Nur wer etwas tut, macht sich schuldig. Der Bewegungslose aber mutiert zum Engel.

Gert, verwirrt von der fehlenden Struktur des vorliegenden Textes, kann das Jucken im Rücken bereits spüren. Da tut sich etwas. Da wachsen Flügel.

Sind Engel eigentlich geschlechtlos?, fragt er sich, die Leser nun endgültig aus dem Textgebäude scheuchend, und findet keine Antwort, nicht einmal hier am Ende.

Guido Rohm

Bild: Detail aus „Sixtinische Madonna“ Raffael

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