Hirnbruchstücke (14)

Ein Tag wie am Mississippi

A und ich haben den Nachmittag zersägt. Ritsch! Ratsch! Wir haben ihn mit raschen Filmschnitten zerlegt, haben ihn Scheit auf Scheit geschichtet. Saßen gemeinsam unter einer Decke wie unter Deck eines Schiffes, das ziellos durch den Tag treibt. Wir haben den Tag vertan, haben ihn vertrödelt. Haben ihn in unsere Backentaschen gepackt, ihn später zerkaut. Haben ihn wie Tabaksaft ausgespuckt.

Ein Tag wie ein Grashalm, den man sacht über die Lippen gleiten lässt. Ein Tag wie am Mississippi.

 

Geflohener Gedanke 

Eine Notiz hatte ich schreiben wollen, gefunden in den tieferen Schichten des Schlafs. Als ich erwachte, da war sie, so bildete ich mir ein, als Ahnung noch vorhanden. Der Gedanke wollte mit aus dem Bett gehoben, durch das Dunkel der Wohnung getragen werden, um so einen letzten Atemzug im Notizbuch zu tun. Hier sitzend wollte ich ihn packen, am Hals, um ihn zu würgen, damit er sich erleichtere, damit alles, was ihn als Wesen auszeichnet, einen Weg auf das virtuelle Papier findet. (Zur Not hätte ich ihn auch geschlachtet und sein Blut auf dem Bildschirm verschmiert.)

Das unwillige Tier muss geflohen sein, muss sich irgendwo verstecken, hinter dem Schuhschrank, hinter der Fußleiste, denn ein Gedanke kann alles werden, auch eine unsichtbare Lachnummer, gar ein Nichts.

So blieb mir an diesem Morgen nichts weiter übrig, als seinen Verlust zu besingen. Kein Gedanke, dafür eine andere Notiz. Eine über die Flucht. Aber ich werde die Hoffnung nicht fahren lassen, dass mir just dieser eine Gedanke irgendwann zu einer späteren Stunde plötzlich vor die Füße läuft. Sollte dem so sein, werde ich ihn mit einem Buch oder einem Stuhl totschlagen.

Platz findet das Vieh hier allemal. Und freilaufende Gedanken kann ich nicht dulden, denn am Ende vermehren sie sich, und allüberall findet man ihren Kot. Löcher graben sie in die Wände. Ja, es soll schon Gedanken gegeben haben, die ganze Häuser zum Einsturz brachten.

 

Und jetzt?

Ob das? Natürlich. Aber wenn ich es Ihnen doch sage. Hören Sie doch zu. Perfekt. Absolut. Keine Abstriche. Auf das Wetter. Reden wir nicht darüber. Hin. Her. Sonne. Wolken. So geht das. Leben. Dafür. Sie haben es doch gelesen. Ja. Eine Besprechung. Und dann. Sag ich doch. Die jagen sich. Natürlich nicht. War. Genau. Nur ein Witz. Setzen Sie sich. Bloß nicht. Ich kann jetzt. Niemanden. Sie auch nicht. Inhalt? Wer redet davon. Das ist er. Alles was gefüllt wird. Eben. Ist Inhalt, was in etwas drin ist. Warum Sie das lesen sollen? Was weiß. Ich weiß es nicht. Sie haben es doch. Schon gelesen? Ging doch. War ja auch nicht viel. Die paar. Eben. Die wenigen Buchstaben haben Sie einfach. Weggeatmet. Meine Rede. Und jetzt? Nichts.

 

Vorsicht: Warteschlangen!

Ein Text wäre zu schreiben (seltsamerweise ist ständig irgendein Text zu schreiben, es mutet an vielen Tagen an, als würde das Leben nur aus Sequenzen bestehen, die mich beim Schreiben überraschen; es würde mich nicht wundern, wenn man mir dereinst Bilder vorlegt, die mich beim Schreiben auf dem Klo, im Bett, neben dem Herd, auf dem Küchentisch, unter dem Küchentisch, auf dem Balkon zeigen), steht doch eine Veranstaltung an, so als wäre ich selbst eine Veranstaltung, weil – drehe ich mich um – da immer etwas oder jemand steht, der auf mich oder auf den ich warte. Ich bin sicherlich nicht das Ende einer Warteschlange, aber ich bin wie alle Menschen ein Teil einer solchen. Wir stellen uns am Leben an und warten auf den Tod, darauf, dass wir an der Reihe sind, wenn wir an der Käse- oder Biertheke stehen; unablässig warten wir, worauf auch immer, manchmal auch, dass jemand da ist, der uns ein Handtuch reicht, wenn wir nass unter der Dusche stehen.

Ich warte also auf die nächste Veranstaltung, auf die nächsten Worte, die mir einfallen oder nicht. Meist fallen sie nicht ein, sondern ich muss sie mir nehmen, gewaltvoll und mit einem verzerrten Gesichtsausdruck, der den Worten Angst machen soll. Man muss manche Worte erschrecken, muss sie in die Ecke treiben, sie anbrüllen, andere sind sensibel und wollen umsorgt werden. Nur selten fallen sie ein, aber auch das gibt es.

Und während man auf die Worte wartet (oder sie sich schnappt und würgt), wartet man auf Antwort von einem Verleger, auf eine Rezension, einen guten Film, den sie für den späten Abend angekündigt haben; man wartet, bis man an der Reihe ist, nur um festzustellen, dass die Reihe nie endet. Sie wird nur unterbrochen, und selbst, ich las davon in einem mystischen Buch, einem Buch, das – so das Vorwort des Buches – alle Geheimnisse von Diesseits und Jenseits entschlüsselt habe, wenn man stirbt und ins Paradies eintritt, wird sich nichts ändern: auch dort wird man warten, zunächst auf einen Platzanweiser, dann auf  Trauben, die, so das Buch, meist erst nach etwa 4 Millionen Jahren geliefert werden. Nicht weiter schlimm, so das Buch, denn man hätte ja Zeit, niemand würde auf einen warten, nur die Endlosigkeit der Ewigkeit, und die, nur so nebenbei, sei sinnlos und wüsste nichts von einem. Also kein Grund, sich ihretwegen in Schale zu schmeißen. Sie erwarte nicht, dass man ihr mit Gel in den Haaren unter die endlosen Augen trete. Sie erwarte gar nichts, so das Buch, denn schließlich und undendlich sei sie die Ewigkeit, die bereits alles und nichts gesehen habe, die alles und niemanden kenne.

Ich kann es nicht glauben. Wir warten alle. Die Ewigkeit wird da keine Ausnahme sein.

 

Ich denke ja immer, irgendwann ist es vorbei mit Guido Rohm

“Ich denke ja immer, irgendwann ist es vorbei mit Guido Rohm.”

Henny Hidden

 

Vorbei wird es sein, wenn der letzte Atemzug bestiegen ist, wenn ich am offenen Maul sitze und den Himmel, vielleicht die Decke meines Schlafzimmers mustere. Auf einem Zahn werde ich hocken, einem goldgefüllten, einem letzten Thron. ES könnte mich auf dem Klo erwischen, die Hosen unschicklich über den Füßen hängend, Gestank verbreitend, der von meinem bereits Wochen dort lagernden Körper ebenso aufsteigt wie aus der von Fliegen okkupierten Schüssel.

Vorbei wird es sein, wenn ich die Augen ein letztes Mal aufgerissen habe, damit das Licht nachsehen kann, was sich in meinem Kopf befindet. Unsanft wird man ihn betten, denn hier kann keine Ruhe mehr gestört werden.

Wenn der Sarg sich senkt, tief ins Dunkel, dann werde ich mich nicht zur Seite drehen, wie es der Körper von mir gewohnt ist. Keine Nachtgewohnheit wird zum neuen heimeligen Ort.

Nichts wird sein, und davon wird es im Übermaß geben. Man wird das Nichts verschenken.

Vorbei wird es sein, wenn es vorbei ist.

Guido Rohm

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