Hirnbruchstücke (15)

Plötzliches Rollenangebot

Ob er denn nicht aufhören wolle, fragen sie ihn, er sei doch nun alt, da müsse man ans Aufhören denken, ans Sterben, an einen stilvollen Abgang, sagen sie zu ihm, sich über sein Haupt beugend, es begutachtend wie eine Stelle die Mitleid verdient, weil, so flüstern sie sich zu, dort einstmals so viele Haare wuchsen, die sich alle, ausnahmslos alle, verabschiedet hätten, ins Waschbecken hinein, in den Abfluss der Dusche, in unzählige Laken, die Haare, so tuscheln sie, direkt über seinem Kopf, seiner Haarabwesenheit, seien bereits den Weg gegangen, den Weg, diesen Weg, der ihm, so schlagen sie ihm vor und zur Unterstreichung als Backpfeifen auf die Wangen, jetzt auch bevorstehen würde, denn es sei einem Schauspieler nicht gegeben sein Publikum auf Ewig zu langweilen, zumal nicht in den heutigen Zeiten, die nach Frischfleisch verlangen. Man werde sich um alles kümmern, erklären sie und lassen ihn dann alleine zurück.

Mit weit aufgerissen Augen sitzt er da und fährt sich über seine Glatze, sich darüber wundernd, warum seine Haarlosigkeit nach fünfzig Jahren Bühnenpräsenz plötzlich eine Rolle spielen soll.

 

Wiederwahl

O wurde als Präsident wiedergewählt. Dabei glaubte er gar nicht an die Theorie von der Wiederwahl. Alles Schwachsinn, maulte er. Wir werden nur einmal gewählt. Und das war es dann! Man kann nicht unzählige Male ein Amt auf Erden durchlaufen. Aber jetzt hat er den Beweis. Er reibt sich im starken Scheinwerferlicht seine Augen. Er wird sich keiner Rückführungssitzung unterziehen müssen. Wohl einer ersten Sitzung mit seinen Ministern. Er hätte den Prognosen vertrauen sollen. Die Welt wird ihn wiederwählen, bis er den wahren Weg erkannt hat, der ihn aus diesem Kreislauf der Wiederwahlen führen wird.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bis dahin wird sie wiedergewählt.

 

Zeithändler

Berufsgruppe der Zukunft: Zeithändler.

Eine alte Frau, in ihrem Bett abgelegt, weil alles, was man – vorerst – nicht mehr benötigt, archiviert werden muss. Der Zeithändler bietet ihr eine halbe Stunde für eine Perlenkette, die sie einst von ihrem Mann geschenkt bekam, wollte dieser sie damit zwar nicht an die Perlen, wohl aber an die Kette legen. Hoffrau war sie, lag in des Mannes Schatten, trank Wasser aus dem Hahn, den er ihr in den Nächten ins Maul stopfte.

Dem Zeithändler sind die Worte der Frau einerlei; er packt sie in sein Gedächtnis, um sie bei Bedarf an einen zu verkaufen, dem sie etwas Wert scheinen, ist der Zeithändler doch, findet er Zeit dafür, auch Erinnerungshändler.

 

Antikriegsnotiz

Ist ein Text erst eingezogen worden, kann ihn nichts mehr retten. Trainieren müsse er. Zu fett sei er. Ist der Text erst in die Hände eines Autors geraten, der ihn in den Krieg schicken will, dann ist sein Ende bereits besiegelt. Dabei will der Text das gar nicht. Singen und feixen und fressen und huren will er. Und jetzt? Wird er bereits in den frühen Morgenstunden durch den Kopf gehetzt. Löcher soll er ausheben, um in ihnen zu liegen und auf den Feind zu warten. Harren,  ausharren, nennt das der Idiot, der es verlangt. Kein Leben ist das. Nein! Und dann erst die Paraden. Marschieren muss er, Schritt für Schritt, die Beine von sich werfend. Irgendwann wird er eins verlieren. Und dann? Die Uniform, der Krieg, die Paraden, das Geschrei, die Befehle. Er wird desertieren, wird sich über Seitenstraßen in die Stadt schlagen.

Lieber ein gesuchter Text in Freiheit, als ein toter Text in Uniform.

 

Selbstverstümmelungsnotiz

Wenn man nicht weiß, worüber man schreiben soll, weil der Kopf hohl und leer ist, weil er sich wie eine endlose Eiswüste im Nirgendwo verliert, weil er an ein paar löchrige Hausschuhe erinnert, die jemand vor dem Sofa vergessen hat, dann könnte man ja wenigstens davon berichten, von diesem Nichts, das sich wie ein tödliches Gas ausbreitet. Schreib doch: Bin müde. Schreib: Nix gefunden, was in einen Text gesperrt werden will.

Wer will sich schon Tag für Tag in einem Käfig wiederfinden, um dumm aus der Wäsche zu gucken, besichtigt von ein paar lebensmüden Lesern, die nichts Besseres zu tun haben, als Worte zu begaffen, die sich, weil sie kein Futter bekommen, momentan sogar selbst die Hand abnagen.

Das hat was! Jetzt sollte ich am Ball bleiben. (Könnte ihn anschneiden, damit er den Drall bekommt, der ihn überraschend ins rechte obere Eck befördert.) Da. Hinsehen! Jeden Augenblick beißt sich eines der Wortmännchen den Schwanz ab.

Wahnsinn, jetzt zerfleischen sich schon meine eigenen Notizen.

Meine Welt geht vor die Hunde, aber kommt nie an, weil sie sich bis dahin längst selbst vertilgt hat.

 

Guido Rohm

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