Hirnbruchstücke (16)

Überzeugungstäter

An diesem Morgen weckte mich meine innere Uhr. Noch im Halbschlaf versuchte ich die innere Uhr vom Nachttisch zu stoßen. Ich griff ins Leere, erwischte ein Stück meines Herzens. Schmerzgekrümmt stürmten meine Gedanken durch die  einsamen Korridore meines Körpers, um Krach zu schlagen. Verschlafen rieb ich meine Augen. Der Blase fiel ein, dass sie sich entleeren müsse. Die Augenrollos wurden mühsam nach oben gezogen. Es dauerte lange, bis ich mich auf Vordermann gebracht hatte, forderten ihn doch die Hintermänner meines Geistes auf, weiterzuschlafen.

Erst mit einigen gezielten Ohrfeigen gelang es mir, mich vom Aufstehen zu überzeugen.

 

Lauschangriff

An manchen Tagen kann ich den Sarg wachsen hören.

 

Steinbrück

Rasch, viel zu schnell geht es. Man wacht unter Steinbrück auf. Speichel tropft auf die letzte Habe, auf das Bündel Kleidung, gestopft in eine Aldi-Tüte. Steinbrück schweigt. Tut so, als würde sie einen Bogen über das Elend machen. Wind fegt durch die Unterführung. Kalt, grausam, zerrt er an den Löchern in den Socken. Man hält an ihnen fest, auch wenn es nur Löcher sind. (Man will ja nicht auch noch das letzte Loch verlieren.) Löcher können gestopft werden, so wie das eigene Maul. Nur zum Stopfen muss etwas aufgetan werden: ein Flicken, ein Brot, ein Schwanz. Die Knochen schmerzen, sind aber – glücklicherweise – noch ungebrochen, so auch der Elan, der Wille, es an diesen Tag ein weiteres Mal dort OBEN zu versuchen.

Steinbrück ist nur die Unterkunft, derer noch viele folgen werden. Brücken gibt es wie Öl im Getriebe, weil Brücken die Wirtschaft ankurbeln. Autos können drüber brummen, Hoffnungslose sich in die Tiefe stürzen.

 

Festschläferhorden

Ein Traum?

Tief und fest geschlafen. Sich ans Bett geschlafen. Die Hände, verwachsen mit der Decke. Statt meines Kopfes trage ich ein Kissen in den Tag. Meine Gedanken sind Federn, die wie Schnee rieseln. Gestöber im Hirn.

Wie ein Zombie wanke ich durch die entvölkerte Wohnungswelt. Ein Röcheln entringt sich meines Rachens. Futtersuche.

Kündigt sich hier eine neue Generation von Halbschläfern an, die durch die Städte ziehen werden, auf der Suche nach den Wachen? Ein Biss genügt, um das Gift in die Blutbahnen zu schießen. Die Mutation folgt. Eben noch hellwach, sinkt das Opfer zu Boden, um an Ort und Stelle einzuschlafen, einzudämmern, um sich festzuschlafen am Straßenbelag, am Gras, an den Bäumen. Erwacht, wenn auch noch dem Teifschlaf anhängend, werden sie ziehen, eine Horde Halbschläfer, an den Händen und Füßen Reste von Erdhaut, Betonhaut, mit Häuptern, die an Fußbälle oder Radkappen erinnern. Eine Verschmelzung mit dem uns Umgebenden wird begonnen haben. Mensch und Ding werden kaum noch zu unterscheiden sein, werden fortan eine Einheit bilden.

Und das alles nur, weil eine Krankheit die Menschheit anfiel, die sie zu tief und zu fest schlafen ließ.

Festschläfer werden nach dem Erwachen zu Halbschläfern, irgendwann zu Hellwachen, die sich fragen, ob alles nur ein Traum war.

Vielleicht …

 

Alles ist Kunst

Den Tag am Kunstwerk Leben gearbeitet, aus dem Stein Alltag Steinsplitter für Steinsplitter geschlagen. Speiseklumpen in  die biologische Masse gestopft. Mit Honig die Zahnzwischenräume aufgefüllt. Geschrubbt, damit mein Ausstellungsstück Körper in der Galerie Außenwelt zur Schau gestellt werden kann. Ausscheidungsverfahren bereits in den frühen Morgenstunden abgeschlossen. Unbrauchbares Material musste entsorgt werden. Ein neues Lebensjahr begrüßt. Gehörte zur Tochter, die den Gast freudig durch die Wohnung führte. Nichts getan, was nicht mit der Schöpfung zu tun hatte. Als Skulptur auf dem Küchenstuhl gesessen, später auf dem Hocker vor dem Schreibtisch.

Alles ist Kunst.

 

Ganz leise, auf Zehenspitzen

Ganz leise, auf Zehenspitzen, die – meint man es ernst mit der Geräuschvermeidung, der Verbannung, die manche Ruhe nennen -, durch die Luft schweben, glitt ich an diesem Morgen durch die Wohnung, hin zu meinem Schreibtischstuhl, über dem mein Gesäß verharrte, die Buchstaben anstarrend, gedachte ich doch, ohne die Tasten zu rühren, eine kleine Notiz zu tippen. (Diese hier?)

Weil die Kinder schlafen, weil sie sich unberührt von einem Klacken, Schlurfen, Murmeln, Schieben, Schmatzen wähnen sollen, enthalten wir uns der Berührung von Möbelstücken, Bodenbelägen, Tassen, Gabeln, Messern, Büchern.

Hat man erst etwas berührt, ist es bereits zu spät, denn dann hat man direkt in den Ton gepackt. Wie Kaugummifäden hängen die Klänge zwischen Ding und Mensch. Um nicht mit der klebrigen Masse in Berührung zu kommen, sitzen wir ungerührt vor unseren Tassen, der Tastatur, stehen wir vor dem Spiegel im Bad, da sich Bartstoppel in Wohlgefallen auflösen, werden sie nur streng und lange genug gemustert.

Stolpert man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen über ein Geräusch, dann sollte man es am Hals packen und das Quieken mit rasch zupackender Würgehand aus der Quelle entweichen lassen, bis sich die Totenstille eingefunden hat, die nötig ist, damit die Kinder nicht aus ihrem Schlaf gerissen werden.

War das Erwachen nicht vermeidbar, dann kann man mit einem Klatschen (in diesem Fall ist auf das Geräusch der linken Hand zu achten, schlägt sie doch die Einladung) die ausgewanderten Geräusche zur Rückkehr auffordern.

Man überschätze aber nicht den Lärm, den die eintreffenden Reisegruppen verursachen können.

 

Eine Sprache namens Guido 

Das Kind, ich konnte es kaum glauben, sprach Guido. (Nicht meinen Namen. Oder doch?) Nein, denn es handelte sich dabei um  die Sprache gleichen Namens. Aufgeregt sprang es durch die Wohnung, bald hierhin zeigend, bald dorthin, stets ein Guido durch die Lippen pressend, mal hoch, mal tief, Nuancen betonend, die mir entgingen. Spricht man Guido, dann besteht die Welt aus diesem einen Wort, das aber eben doch immer etwas anderes bedeutet. Geknurrt, mit etwa drei Spritzern Speichel, ist damit z.B. ein gefüllter Kühlschrank gemeint. Irritiert erfuhr ich von dieser Sprache, die momentan von etwa 7,8 Personen weltweit gesprochen wird.

Ich denke, Sie wird ihren Siegeszug antreten. In diesem Sinne verbleibe ich mit einem sanft gehauchten Guido.

 

Mild

Mild war es in der letzten Nacht, so mild, dass es die Poren der schwitzenden Häuser öffnete. Geräusche tropften aus den Öffnungen, kleinste, sich den Tag über ins Gedächtnis der Wände gebrannte Erinnerungen. Die Rufe einer Mutter. Ein paar Jungs, die Szenen aus Star Wars nachspielten, unterbrochen vom fürchterlichen Keuchen Darth Vaders, ihres Vaters also, der sie – röchelnd – um Ruhe bat, da er seinen Mittagsschlaf mehr als nötig habe. Auch ein Liebespaar, die Lust aus sich keuchend, war zu vernehmen. Jemand sprach davon, X oder Y, ich konnte den Namen nicht wirklich verstehen, abzustechen, beruhigte sich dann aber wieder mit dem Hinweis, sich einfach selbst mit einem Strick aufzuknöpfen, weil alles ja eh keinen Sinn mehr mache.

Unruhig wälzte ich mich im Bett, bis ich schließlich meine eigene Stimme schreien hörte, die eines der Kinder aufforderte, mir eine Rolle Klopapier zu bringen. Peinlich berührt stopfte ich meinen Kopf unter das Kissen.

Ich hoffe auf die Kälte, darauf, dass die Häute der Häuser mit  Eisschichten überzogen werden, damit wenigstens eine Jahreszeit lang Ruhe in diesem Viertel einkehrt.

Guido Rohm

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere