Hirnbruchstücke (17)

Wider dem Speiserassismus

Eine noch nicht näher bestimmbare Unruhe hat sich meines Bauchraums bemächtig. Im Dunkel – von mir unbeobachtet, konnte ich es doch nicht über das Herz bringen, einen Schnitt zu setzen – rumort es gewaltig. Eine Revolution droht. Rechtsradikale, so vermute ich, fordern die Eindämmung einer von mir bisher praktizierten ungehemmten Speisezuwanderung. Fremdkost, so der dumme Vorwurf der Faschisten, mache sich breit, tue nichts, sei nicht einmal bereit, sich verdauen zu lassen.

Eine Gegendemo mit Wurstgulasch (samt Nudeln aus italiensicher Fabrikation) ist für die frühen Abendstunden angesagt.

Das wäre doch gelacht, wenn ich dem Pack in meinem Wanst nicht Einhalt gebieten könnte.

 

Notiz mit einem gewissen weltliterarischen Dingsda, Sie wissen schon, was ich meine 

Ich könnte über dies. Oder über das. Alles nicht so einfach. Es gäbe auch noch … Sie wissen schon, was ich meine. Außerdem müsste ich unbedingt über den, na, wie war sein, helfen Sie mir doch mal auf die Sprünge.

Politischer könnte es in meinen Texten auch zugehen. Sex schadet ebenfalls nicht, aber zuvor werde ich über … Bestimmt werden ich über den schreiben. Dafür ist es doch da, mein Notizbuch. Damit ich alles eintrage. Damit nichts vergessen wird. Nicht die Sache mit …, und auch nicht die Angelegenheit um … Zum Haare ausraufen ist es, wenn einem nicht einfallen will, worüber man schreiben wollte. Fußball war es nicht. Nicht die Uhrzeit. Die wäre es aber wert, die sitzt hier vorne in meinem Bildschirm und vergeht. Schon wieder eine Minute älter geworden. Da soll man keine Angst bekommen, wenn die Zeit einem direkt vor der Nase sitzt und gemütlich, als wäre nichts, als würde es ihr nichts bedeuten, vergeht. Verblüht einfach, die Zeit. Geht ein. Wie eine Blume auf dem Feld. (Dämliches Bild. Streichen.) Also über die Zeit werde ich auch nicht schreiben, denn sonst regt sich mein Nervenkostüm nur wieder auf und reißt, und am Ende sitze ich wieder nackt vor dem Bildschirm. (Nächstes dämliches Bild. Wieder streichen.)

Weil ich mich nicht für ein Thema entscheiden kann und weil der Text mit bescheuerten Vergleichen überläuft, werde ich an diesem Morgen mein Notizbuch leer lassen müssen. Zumal es ein offenes Notizbuch ist. Kann jeder drin lesen, sich amüsieren, lästern. Da muss ich natürlich vorsichtig sein. Darf nur Notizen von Belang einstellen. Die müssen ein gewisses weltliterarisches Dingsda, Sie wissen schon, was ich meine, haben. (Alles streichen.)

Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Was wollte ich überhaupt schreiben?

 

Der Mann, den sie Schande nannten

Jetzt ist es geschehen. Sie sind tot. Alle. Gefallen im Krieg, den die Schere über meinen Kopf führte. Tausende, Millionen, ganze Völker starben an diesem Tag. Ein Vernichtungsfeldzug meines Friseurs. Kulturen, die sich nicht mehr entwickeln werden. In Massen lagen sie auf dem Ladenboden. Ich stimmte einen Trauergesang an. Minutenlang saßen wir alle dort. Verletzt. Erniedrigt. Die Gesichter entstellt von den Tränen, die wir für die Toten ließen. Dieses Haar, so jammerte ich, es hätte ein großer Schriftsteller werden können. Und jenes dort, es hätte Karriere in der Politik machen können. All die Wäschen, die sie nun nicht mehr erleben werden. Die Kämme, denen sie nicht ins Angesicht blicken werden.

Mit gesenktem Haupt, beschimpft, weil ich nicht noch für diese Untat bezahlen wollte, schlich ich von dannen.

Ich bin ein Makel, ein geschichtsträchtiger Platz, ein umkämpfter Hügel, ein Schlachtfeld, das in unser aller Erinnerung fortleben sollte, als jener Ort, an dem Ungezählte in wenigen Minuten ihr Leben ließen.

Mein zweiter Vorname sei fortan Schande.

 

Vorstellungswecker

Notizen zu einer kleinen Literaturgeschichte des Geldscheins 

Kleine gemeine Gedichte, die nicht mal über einen richtigen Inhalt verfügen. Die mehr assoziativ arbeiten. So nach dem Motto: Stell dir vor, ich sei etwas wert, und wenn du mich eintauscht, dann kannst du etwas anderes dafür bekommen. Vorstellungswecker sind sie. Sehnsuchtserschaffer, die ein freies Leben vorgaukeln. Das am meisten gelesene Werk der Literaturgeschichte. Richten sich in der Fantasie ein, bis sie sie zum Platzen bringen. Bis sie einem um die Ohren fliegt. Bis sie zu einem Panzer geworden ist, mit dem man sich abschotten muss, weil die Lyrik, die man da hat, so beliebt ist, dass sie jeder haben möchte. Man kann sie sich leihen, so wie man sich ein Buch aus der Leihbibliothek holt. Aber wehe, man zahlt seine Schulden nicht zurück. Unzählige Gedichte will derjenige, der es einem einst lieh. So viele Gedichte kann man nur drucken, wenn man selbst eine Maschine im Keller stehen hat, die sie ausspuckt. Schein für Schein. Und das nur, um an diese langweiligen Dinger zu kommen. Erzählen nichts wirklich interessantes, sondern nur das, was wir hören wollen, was längst schon in uns drin ist.

Aber welche Literatur kann schon von sich behaupten, sie hätte die Welt verändert? Diese schon.

 

Worüber man reden sollte

Schon mal darüber nachgedacht? Bestimmt nicht. Dabei sollte man es überdenken. Alles. Nicht nur überdenken, sondern auch durchdenken. Unbedingt sogar. Und vielleicht stößt man im Zuge eines lauten Nachdenkens eine Diskussion an, die sich der Sache annimmt. Man sollte das alles nicht so im Raum stehen lassen. Sollte sich informieren. Die Leute reden viel Unsinn zum Thema. Lassen sich von den Medien aufwiegeln. Das sollte man nicht mit sich machen lassen. Nicht bei einem solchen Thema. Also, was sagen Sie? Drücken Sie sich aus. Machen Sie sich Luft. Explodieren Sie nicht. Wichtig ist, dass man darüber redet. Aber zunächst sollte man darüber nachdenken. Das haben Sie doch längst getan, oder?

Guido Rohm

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