Hirnbruchstücke (18)

Dies und das (Kleine Zwischennotiz)

Manchmal ist das so. Keine Zeit da. Für nichts. Nicht mal für eine kleine Notiz. Aber man will ja nicht aufgeben. Nicht jetzt. Das Notizbuch ist eine Art Trainingshalle. Rein und aufwärmen. Die Finger dehnen. Ein paar Runden um den Kopf laufen. Immer fleißig üben.

Alles will notiert werden. Stimmt überhaupt nicht. Hat man die Dinge je befragt? Gab es eine Umfrage? Hat sich die Tür geäußert, ob sie Teil eines Textes werden wollte? Der Schrank? Der Boden knirscht verdächtig. Er will nicht in meinen Texten auftauchen. Diverse Wolken auch nicht. Nicht das Radio. Und nicht der Wecker. Ausgesuchte Orgasmen verwehren sich gegen eine Beschreibung. Das wäre ein Vertrauensbruch. Ein Überfall. So etwas würde sich nicht gehören. Der Stuhlgang schweigt. Niemand kann ihn leiden. Ein Abfallprodukt. Er zuckt die Schultern. Wenn ich wollte, dann dürfte ich ruhig über ihn schreiben. Später, sage ich, später vielleicht und spüle ihn runter. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der nächste kommt bestimmt. Das liegt in der Natur der Sache.

Das war es bereits. Kleine Dehnübung abgeschlossen. Nun frisch ans Werk.

 

Etwas auf die Ohren (Zwischenmeldung, weil ich auf dem Sprung bin)

Nur kurz zu Hause. Es wird angeschnitten. Ein Stück Wohnung auf die Schaufel. Auf den Teller. Rein in den Mund. Kauen. Das Zuhause kauen, schmecken, runterschlucken, nachspülen. Kaffee. Der muss sein. Nur auf dem Sprung. Die Wohnung als Sprungbrett in die Tiefe des Abends. Denn an dem gibt es etwas auf die Ohren. Da wird etwas in die Ohren gequetscht. Geflötet. Gezwitschert. Auf unsichtbaren Luftbrücken werden die Töne ins Ohr transportiert. Eine Klarinette. Eine Orgel. Keine Stalins. Wohl aber eine Gottes. Nicht direkt von ihm. Zu seinem Lobe. Ob sie ihn heute loben wird? Ich weiß es nicht. Muss man Gott denn überhaupt loben? Zufrieden muss er mit sich sein. Schmort in seinem Egosaft. Beweihräuchert sich selbst. Ich bin Gott, wird er denken, wer will mir schon an den Karren fahren? (Abschweifendes Gedankengut. Überdenken. Zur Not aus dem Text streichen.)

Jetzt futtern, den Kurzaufenthalt in der Wohnung genießen. Zur Not nachbuchen.

 

Traum vom neuen Publikum

Eine neue Generation von Publikum wird sich bilden, denen nicht mehr am Auftritt eines Künstlers gelegen ist. Sie werden die Karten für z.B. Bruce Springsteen oder Madonna erwerben, nur um dann bis kurz vor dem Auftritt unter den Wartenden zu stehen. Um das Gemurmel hören, das erwartungswolle Wippen beobachten zu können. Dieses Publikum wird sich am Publikum ergötzen, an der Stimmung, die vor einem Konzert herrscht. Sie werden ins Kino pilgern, sich mit geschlossen Augen in die hinterste Reihe setzen und lauschen. Nicht lange. Gleitet der Vorhang zur Seite, dann huschen sie aus dem Vorführraum, denn ihre Vorstellung endet mit dem ersten Wort, der ersten Werbung, die einen Kinofilm einleitet. Sie sind Fans der Fans. Werden sich Fotografien von scheinbar Unbekannten ins Zimmer hängen. An den Rändern von Fußballstadien stehen sie und harren der Fanpilgergruppen.

Sie sehen auf die Gesichter der Fans, sind verzückt von der Verzückung, sind begeistert, wenn sie Begeisterung entdecken dürfen. Lust verschafft ihnen Lust. Abhängige der Abhängigen werden sie sein, werden nicht ohne die mehr können, die nicht ohne die Stars mehr können. Sie reisen den reisenden Fans hinterher, fotografieren sie heimlich beim Baden oder beim Küssen. Teuer wird man diese Schnappschüsse handeln, auch wenn für das ungeübte Auge scheinbar nichts von Wert und Belang darauf zu erblicken ist. Stundenlang werden sie vor den Wohnungen von Fans im Regen stehen, sehnsüchtig Blicke Richtung Schlafzimmer werfend, der Hoffnung verfallen, ihm, dem Auserwählte, heute noch ansichtig werden zu dürfen.

Und ist erst diese Generation von Publikum entstanden, wird die nächste folgen, die sich am Publikum des Publikums ergötzt. Fans der Fans der Fans werden entstehen, bis irgendwann ein jeder seinen eigenen Fan hat, der ihm unentwegt folgt, der einen mit seinem Körper bedrängt, seinen Rufen im Morgengrauen.

Es wird eine Fankultur entstehen, die keine Stars mehr braucht.

 

Erschlagt den Controller

Heute war es wieder einmal soweit. Zu Hunderten strömten wir in den Seelensozialraum unserer Herzfirma, um den Vorträgen des Geschäftsführers Dr. A. Hirn zu lauschen, der den Versammelten mitteilte, dass es so nicht weiter ginge, AUF KEINEN FALL!, man werde nicht weiter untätig zusehen, wie hier Buch für Buch veröffentlicht, aber nicht verkauft werde. Die Prozesse müssten auf den Prüfstand, alles müsse auf den Prüfstand, auch die überschüssigen Pfunde. Und weil ETWAS GESCHEHEN MÜSSE, habe man sich um einen Controller bemüht, den er – wir allesamt erstaunt dreinblickenden Rohms konnten es kaum fassen – unter seinem eigenen Gesicht hervorzog, indem er die Hirnvisage von der Controllerfratze riss.

Der zum Vorschein gekommene Controller stellte sich mit den Worten vor, dass er a) keinen Namen habe, sondern Controller gerufen werde und dass sich b) in diesem verkommenen Rauchkörper eh zu viele Persönlichkeiten befänden. Das könne nicht so bleiben. Das sähe man doch ein. Es sei also bombensicher, auch wenn er das anfangs nie eingestehe, dass man die meisten von uns entlassen müsse. (HUSCH, HUSCH, WEG MIT EUCH!) Das sei nichts Persönliches, auch wenn es hier um die Persönlichkeit gehe, unsere eben.

Die Personalbedarfsermittlung werde in den nächsten Tagen durchgeführt. Er habe sich bereits mit allen Arbeitsschritten (HAHAHAHA!) auseinandergesetzt. Da werde viel Schindluder getrieben, zu viel Zeit werde für Toilettengänge und Träumen verplempert. Außerdem sei es nicht einzusehen, so viele Wörter zu benutzen. Künftig sei mit den Buchtstaben u, a und  s auszukommen. Das reiche völlig. Auch damit könne man Bücher schreiben, die sich – höchst wahrscheinlich – ihrer simplen Struktur wegen besonders gut verkaufen.

Der erste Roman trage den Titel AUS.

Er klatschte in die Hände und trieb uns dann zurück an die Arbeit. Es gebe keine Zeit zu verlieren, denn immerhin, so der Controller, sei Zeit Geld. Die Zeit überschlagend, die wir im Seelensozialraum verbracht hatten, waren wir nun etwas reicher geworden. Die Hände in den Hosentaschen vergrabend, spielten wir mit dem Luftgeld, einen Plan schmiedend, wie der Controller zeitnah und schnell mit einer Schaufel zu erschlagen und zu entsorgen wäre.

Zeit ist Luftgeld. Soviel haben wir schon mal gelernt.

 

Wie man sich ins Blaue schreibt

Wie wäre es mit einem Betriebsausflug? Ich packe mich, Socken, Kaffee, Zigaretten, die Abhandlung über den Unsinn von S. Painful, alle schlechten, guten, müßigen, geklauten und gewalttätigen Gedanken ein und schreibe mich ins Blaue. Verdrücken, sich mal aus dem Schreibleben drücken, wie Eiter, der aus einem Pickel läuft, kurz bevor das Blut kommt. Laufen, vielleicht über das eigene Gesicht, auf keine Gesetze achten, nicht mal auf die der Rechtschreibung, auf gar nichts achten, nicht auf “Rechts vor links”, nicht auf den guten Geschmack (auf den sowieso nicht, nie und nimmer), und auf die Achtung vor der Sprache wird auch nicht geachtet.

Folgt mir nach, tut es mir gleich, lasst euch gehen, werdet zu eurer eigenen Marionette. Ein bisschen an den Fäden ins Nirgendwo der Theaterbühne. Kein Publikum, niemand, der lacht oder weint, nur ihr im tiefen Schwarz des unbeleuchteten Theaters, das ihr natürlich illuminieren dürft, denn ihr seid ja hier, weil ihr einen Betriebsausflug veranstaltet, weil ihr eine Reise nach Nirgendwo macht.

Das Denken solltet ihr knebeln und fesseln. Entzündet ein Feuer, ein großes Riesenfeuer, ein Feuer, das euch blendet, wärmt, erhitzt, bis ihr es kaum noch aushaltet. Tanzt um das Feuer. Nehmt euch eine Auszeit.

Die Auszeit, das ist der Ort, der neben dem Spielfeld liegt. Dort schicken sie euch hin, wenn ihr euch plötzlich seltsam benehmt (also z.B. wenn ihr euch auf einem imaginären Betriebsausflug wähnt). Wenn euch der Tod die Rote Karte zeigt, dann müsst ihr auch über die Linie in den Auszeitbereich. (Dort habt ihr euch übrigens auch vor der Geburt aufgewärmt.) Der Gotttrainer sitzt da mit seinem Sohn und seinen Engeln und versucht das Spiel gegen den 1. FC Satan zu gewinnen.

So funktioniert das also, wenn ihr euch einen Tag im Blauen gönnt. Ihr müsst nur den Stift in die Hand nehmen (oder die Tastatur, die Axt, irgendwas, mit dem ihr eure Geschichten schreibt) und drauflosschreiben. Nicht auf den Weg achten, nicht darüber nachdenken, wo es euch heute noch hin verschlagen wird. Das ist einerlei. Es ist egal. Der Weg ist das Ziel. Und weil diese Weisheit nicht mal selbst gedacht ist, komme ich jetzt auf die Auswechselbank und muss dort das Wochenende genießen.

Horrido und fette Beute!

 

Guido Rohm

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