Hirnbruchstücke (19)

Hinweiszettel

Solltet ihr mir eine Nachricht schicken (oder einen Kommentar hinterlassen), möchte ich – zumindest solange wir uns nicht besser kennen – darum bitten, mich zu duzen. Ein späteres Siezen ist aber nicht ausgeschlossen.

 

Die Zeit ist schuld

Ein vertrödelter Nachmittag, der vollgestellt war mit altem Plunder. Erinnerungsstühle, die brachen, wenn man sich auf ihnen niederließ. Kommoden, in denen sich Spinnen und anderes Getier wie trostlose Gedanken eingerichtet hatten. Ein Bild ohne Rahmen fand sich auch. Ich packte es in meinen Schlafbeutel, den ich mir umhängte, während ich auf dem Sofa lag und mit einem Geräusch wie ein klappriges Mofa in den Nachmittag ratzte. A saß mir gegenüber und las mir nicht die Leviten, weil das Buch, das sie aus dem großen Romanteich gefischt hatte, sie fesselte. So konnte ich sie erst nach meiner Rückkehr aus Schlummerland befreien. Glücklich vereint spazierten wir vom Nachmittagströdelplatz in den Abend, der sich bereits wie eine große schwarze Wolke über alles gelegt hatte.

Man muss den Abend gar nicht suchen, dachten wir noch verwundert, denn der Abend findet dich, egal wo du dich auch gerade befindest.

Es ist die Zeit. Sie ist an allem schuld.

 

Die Hungertage werden länger

Wenn man drin sein will, worin auch immer, dann ist es keine Katastrophe, wenn man nicht drin ist, sondern nur eine Überraschung, die wie ein bunt geschminkter Clown aus dem Nichts direkt vor der eigenen Fresse auftaucht und schreit: Lach doch mal!

Aber man will ja nicht lachen, ist man ja auch nicht wegen des Clowns gekommen, sondern wegen des Ortes, in dem man nicht drin ist, obwohl man ihn betreten darf, aber nicht um zu bleiben, wie man sich das dachte. Man darf – stellen wir uns mal vor, es wäre ein Restaurant – von Tisch zu Tisch schlendern, nur setzen darf man sich nicht, weil die Tische alle reserviert sind. Jeder Tisch hat seinen Gast, dessen Blick einen mit breitem Grinsen begleitet, während man vom Kellner gezeigt bekommt, wie es gewesen wäre, wenn man einen Platz gehabt hätte. Sie könnten dies und das und jenes bestellen, wird der Kellner flüstern, damit er seine Gäste nicht beim Essen oder in ihren Gesprächen stört. Man ist ein Fremdkörper in diesem Organismus, der einen bei Zeiten abstoßen wird.

Man ist nicht wirklich wütend, nein, das nicht, man hatte auf einen Platz gehofft, obwohl man nicht reserviert hatte. Nur angefragt. Und nun die Fragen. Hätte man seinen Tisch vehementer einfordern müssen? Hätte man das Restaurant unter Druck setzen sollen, indem man behauptet, man würde das Gesundheitsamt einschalten, wenn man am Soundsovielten keinen Tisch am Fenster erhält?

Nein, das hätte einen auch nicht weitergebracht. Wer weiß, was der Chefkoch mit dem Essen gemacht hätte, das sie einem serviert hätten. Es hätte versalzen sein können. Vielleicht hätte er auch in den Topf mit der Suppe gepinkelt.

Es ist, wie es ist. Man war mal dort, man hat sich umgesehen, jetzt kann man eine Runde durch den Stadtpark drehen. Ist eh besser für die Figur.

Ja, so sollte man es sehen. Man bleibt schlank, schlanker als man es möchte, denn man hat vor wenigen Tagen die 17 Kilo unterschritten. Noch ein paar Hungertage und man weiß endlich, wie es sich anfühlt, ein Luftballon zu sein.

In diesem Sinne: Bon Voyage, mein liebes Selbst.

 

An meine Untergeher

Der Sonntag ist eine Insel. Die Hände verkrallen sich im  Deckensand. Der Körper wird zum Gezerrten, zum Hinübergeretteten. Auftauchend aus dem Werktagsmeer. Freitag ist kein Wilder, sondern ein Ausläufer der Woche. Eine Brücke, auf der man steht, bevor man das Schiff kentern und auf Grund laufen lässt. Wunderbar. Dieses Ersaufen. Dieses Verrecken. Sich untergehen lassen, um gefüllt mit neuer Kraft, am Montag wieder zu erstehen. Die Türme von Golem-City sind bereits am Mitternachtshorizont zu erahnen. Und schon besteigen wir wieder den Dreimaster Richtung unserer Sonntagsinsel. Segeln durch die Woche, die Stürme und ruhige See zu bieten hat. Jedes Meer, das wir überqueren, könnte das letzte Meer sein. Vergesst den Ausguck nicht. Seid auf der Hut. Achtet auf die dunklen Wolken. Auf Piraten. Und ist Freitag erreicht, packt eure Axt und versenkt den verfluchten Kahn.

Untergehen ist die Pflicht derer, die auferstehen wollen.

 

Gespräch über die Landschaftseinheit mit dem amtlichen Kennzeichen 28.11.2012

Heute steht ein Gespräch an. Es wird darüber zu sprechen sein, wie das Gespräch in nicht mehr ganz zwei Wochen verlaufen könnte. Die Wege des zukünftigen Gesprächs werden großzügig abgesteckt. Fragen werden zu klären sein, weil es Antworten geben soll. Dort in der Zukunft, im Gespräch, das es noch nicht gibt. Bei einem Kaffee wird abzuklären sein, was ich erklären könnte. Welche Höhen sollen begangen werden? In welche Spalten sollte man steigen? Es wird heute zu einer ersten Gesprächstour kommen, zu einem Ablaufen der möglichen Zielpunkte. Man könnte Fähnchen hinterlassen, um die Punkte, die man erläuft, wiederzufinden. Ist eine Stelle aufzusuchen, von der die Aussicht besonders schön ist?

Nicht nur die Gesprächswanderung ist auf einer Karte zu vermerken. Der Ort, der in der Zukunft liegt, will beschrieben werden, damit man ihn findet, wenn die Stunde gekommen ist. Worte, die fallen werden, existieren bereits. (Das ist bei Lesungen so.) Ich habe sie schon vor einiger Zeit in einen Textrucksack gepackt, den ich an diesem Abend in der Zukunft vor der mir folgenden Gruppe entpacken werde. Satt wollen sie werden. Wir werden sehen.

Es gibt alle Landschaften der Zukunft bereits. Sie befinden sich in einer unaufhörlichen Bewegung. Erd- und Gefühlsbeben formen sie noch.

Berg- und Taltouren, auch die in die Ebene, können im Grunde nicht geplant werden. Und doch sitzt man dem Versuch stets aufs Neue auf, die Zukunft vor dem Betreten ausloten und bestimmen zu wollen.

Grobes kann gesagt werden. Drum werde ich mich heute einem Gespräch über die Wetterbedingungen, die Abgründe und Stolperfallen hingeben, die mich in der Landschaftseinheit mit dem amtlichen Zeichen 28.11.2012 erwarten könnten.

 

Worte saufen, bis man ins Koma fällt

Zugegeben. Ich bin eine Worterbrechungsmaschine. Hat man erst die rechte Stichwortmünze geworfen, dann rattert und klappert es in meinem Körper, aus den Ohren steigt Dampf, bis sich plötzlich ein grünlicher Wortbrei ergießt, der dem Gegenüber alle Gesprächslust raubt. Würgend erbreche ich Satz um Satz, verbreche ich These um These, so heute wieder geschehen, bis auch das letzte Worthülschen gespuckt im Gesicht meines Gesprächspartners hängt. Ich beuge mich vor, halte mir den Bauch, nicht vor Lachen, sondern vor Schmerzen, wollen doch all die durch die Stichwortmünze geforderten Worte als sämige Brühe den Raum verunstalten. Zufällig des Weges kommende Unbeteiligte rümpfen die Nase, machen einen groooooooooßen Schritt und schütteln den Kopf. Ich kann es ihren Augen ansehen, die ihre Gedanken fangen: Wenn er die Sprache nicht verträgt, sollte er gefälligst die Finger davon lassen.

Ich kann es nicht. Ich habe es versucht. Ich bin Wortsäufer, der Buchstaben trinkt, bis ihm ganz schlecht davon wird. Bis er sie Fremden vor die Füße kotzt.

Prost!

 

Eine Stoppuhr müsste man haben, die die Zeit anhält

Zeit schwindet. Passt auf einen Stecknadelkopf. Ist gefaltet wie ein Stück Papier. Nichts ist mehr zu erkennen. Man müsste die Zeit entfalten, um den Zettel lesen zu können, um die Zeichnung die darauf ist, erkennen zu können. Man versucht,   die Zeit aufzuhalten, sie am Kragen zu packen, sie in die Wohnung zu reißen, weil sie nicht ziehen soll. Wie ein Windstoß, der Blätter und Gedanken und Ruhe mit sich reißt. Eine Stoppuhr müsste man haben, die die Zeit anhält. Sie einfrieren, sie langsamer laufen lassen. Sie soll in Zeitlupe um den Ascheplatz hetzen. Sie soll sich zu uns setzen, sich ausruhen. Mensch, Zeit, atme durch. Verschnauf mal. Komm zu Atem. Besinn dich. Die ganze Eile, die nutzt dir doch nichts. Du wirst noch mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus landen.

Sie ist über das Haus geflogen, sie ist ein Vogel, ein Blatt, das vom Ast schwebt.

Das kennt man doch. Nach Hause kommen und sich fragen, wo die Zeit geblieben ist. Sie hat sich aus dem Staub gemacht. Hat sich verdrückt. Hat sich dünne gemacht. Fort ist fort. Man kann sie nicht mit einem Schmetterlingsnetz fangen. Nicht mit einen Trupp Leute aufspüren und in die eigene Wohnung treiben.

Jetzt ist sie wieder da. Sitzt neben mir und fragt mich, warum ich sie so vergeude.

Ich sollte sie knebeln und fesseln. Sie flieht schon wieder. Und ich spüre meine Brust, die sich aufgeregt hebt und senkt, die Panik, die sich ausbreitet.

Bis mir klar wird, dass ich die Zeit bin. Ich kann sie langsam gehen lassen, schnell. Ich kann sie zum Teufel jagen.

Nur aufhalten, anhalten, kann ich mich nicht. Könnte ich schon.

 

Viva la Revolución!

Ist ja alles möglich.

An solchen Tagen würde man gern aus dem Leben scheiden, sich ausdrücken (tu ich ja!) wie ein Pickel, wie eine Verstopfung, die zum reinsten Geburtsakt wird. Schreiend möchte man der Welt sein LECKT MICH ins Gesicht schleudern, weil aber keiner auf der Straße zu sehen ist, spielt man mit dem Gedanken Onkel J aufzusuchen, um ihn zu bitten, drei Kaninchen schlachten zu dürfen. Weil die kleinen Fellträger aber nichts für das eigene Ungemach können, demoliert man (aus Kostengründen) die Puppenstube der Tochter. Ein leere Packung Streichhölzer imitiert den aus dem Fenster katapultierten Fernseher. Scheppernd zerbirst das Guckdichblöd auf einer imaginären Straße. Die Polizei ist informiert. Die Frau muss die Sirenen spielen. Schon geht es einem besser, wenn auch nur leicht, aber wenn erst der Mob (Teddy, Barbie) durch den Wohnungsflur marschiert, dann wird man auch diesen trüben Tag zu einem Fest der Sinne umgestaltet haben.

Viva la Revolución!

 

Guido Rohm

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