Hirnbruchstücke (20)

GNTT (Über hässliche und schöne Literatur)

Eine Welt mit lauter schönen Texten. Eine schreckliche Vorstellung. Die Worte würden sich auf Dauer ähneln. Lang müssten sie sein, um auf den Laufstegen des Betriebs bestehen zu können. Beurteilt von sogenannten Literaturexperten, die am Ende eine Show moderieren werden. Man kann es bereits vor seinem inneren Fernsehauge sehen. Texte werden gegeneinander antreten. Man wird sie einfärben, sie schwitzen lassen. Die Texte werden in einer Anthologie untergebracht, damit die Menschen sie auf einem Fleck erleben können. Die hässlichen Texte werden vor den Bildschirmen sitzen und davon träumen, wie es wäre, wenn sie ein schöner Text wären. Sie könnten sparen. Könnten sich unter das Messer legen. Heute muss ein Text so vieles sein. Jung muss er sein. Eine Frau soll er sein, auch wenn es einen kleinen Markt für Männertexte gibt. Die Mehrzahl der Kollektionen entstehen für Frauen. Sie sind es, die lesen. Die in die Boutiquen stürmen und sich nach den Modellen erkundigen. (Dieses da. Nein. Das dort. Ob es mir passen wird?)

Der Literaturmarkt kreiert Trends. Vampire sind in es in dieser Saison. In der nächsten sind es kleine Jungen auf Zauberschulen. Im nächsten Jahr wird es etwas anderes sein. Die Maschine muss laufen. Zu viele hängen an ihren Hebeln, wollen von dem leben, was die Maschine aufs Laufband spuckt. Geld muss produziert werden. Die Texte sollen den Verkauf steigern. Seht, sollen die Texte rufen, wir tragen Worte, die ihr euch alle leisten könnt.

Ich mag die hässlichen Texte, die schlechten Texte. Die Ausgestoßenen. An denen nicht alles stimmt, die zu fett oder zu dürr sind. Die eine dicke Nase durch die Gegend tragen. Sie prügeln sich. Davon kommt das. Sie werden es nie auf die Laufstege schaffen, aber sie haben eine Geschichte zu erzählen, die tatsächlich etwas mit ihnen zu tun hat, mit ihnen ganz persönlich. Sie haben einen Leidensweg hinter sich. Sie sind melodramatisch. Die Worte wackeln. Sie werden bald schon die ersten verlieren. Kein Schönheitslektor der Welt wird sich an ihnen vergehen. Sie sind nicht Teil des Circus. Sie sind die Vergessenen. Die Loser. Ich mag sie.

Geschichten können Brüche aufweisen, Arme, die schon mehrfach gebrochen sind. Sie können Segelohren haben, denn manchmal gibt es Texte, die dank dieser Ohren abheben können. Sie dürfen weinen, dürfen sich anlehnen. Man sollte sie nicht aufgeben. Sollte ihnen auf die Beine helfen, wenn sie straucheln. Nehmt diese Texte mit in eure Wohnungen. Gebt ihnen Essen, Trinken. Perlen befinden sich darunter. Ihr werdet schon sehen.

Die Modeltexte werden weiter stolzieren, werden um einen Platz an der Sonne kämpfen, um einen Platz auf den Listen dieser Welt. Erzählt ihre Geschichte, aber werdet zum Teufel nicht so schön, dass ihr zu Objekten der Anbetung werdet. Denn dann seid ihr tot. Mausetot.

Genießt euch so, wie ihr seid.

 

Das Elend des eingebildeten Fremden 

Ein Kindheitserinnerungsfetzen

Ich kann mich daran erinnern, wie ich als Kind in der Badewanne lag, umspült vom warmen Badewasser; ganz eingehüllt war ich davon, gebettet wie in einer hautengen Höhle aus Tropfen, kleinen einzelnen Tropfen, die sich in jede Hautfalte setzten, in den Nabel, unter die Fingernägel. Das Nass löste die Haut allmählich auf, ganz schrumpelig wurden die Finger, die ich mit einer gewissen Faszination betrachtete, mir vorstellend, dies könnten meine Hände, meine Finger, als alter Mann sein. Es war ein wohltemperierter Augenblick, der durch den Wind, der am Rollo rüttelte, nur gewann. Umso stärker es draußen stürmte, desto leichter schwebte ich in meinem Wasserbett. Gedanken kreuzten die von Seifenblasen übersäte Oberfläche. Meine Augen wurden zu einem Segler, der glücklich an den Gestaden diamantener Gebilde zerschellte. Untergehen war eine Angelegenheit, die ich mir nicht ersparen konnte.

Ich stellte mir vor, wie ein Penner, nie dachte ich an sie als Landstreicher, weil das Wort Penner mir von Eltern in die Wortstube geworfen worden war, durch die Kälte draußen humpelte. (Die Wortstube war mir von meinen Eltern eingerichtet worden, obwohl das Sprechen es sich schwer mit ihnen machte. Es wollte ihnen nicht von der Zunge gehen, weil es sich nie in ihren Körpern eingerichtet hatte.)

Je schlimmer das Los, um ins Badezimmer meiner Kindheit zurück zu kehren, des Penners, umso mehr Behaglichkeit kochte aus der Wärme der Wanne nach oben. Es war, als würde das Elend des eingebildeten Fremden, meine müde Freude verstärken. Die Wärme wurde erst Wärme durch die Kälte, die ich am Haus zerren hörte. Meine Heimat wurde erst Heimat durch die Vorstellung eines Heimatlosen. Ein böser Kinderaugenblick, ein verspielter Traum, den ich in den Wintermonaten in der Wanne aus meinen Poren in die Bergwerke aus Seifenschaum schleppte.

 

Bauchkrähen

Die Unruhe ist kein Ort. Sie ist eine Bewegung, die kein Ziel kennt. Sie lässt dich durch die Wohnung tigern. Keine Gitterstäbe, nirgends. Du blinzelst durch die Scheibe nach draußen, schnüffelst den Autos und Fußgängern hinterher, als würdest du sie zerfleischen, wenn du fliehen könntest. Dabei kannst du jederzeit gehen. Und das tust du ja auch.

Die Unruhe lässt sich nicht beruhigen, lässt sich nicht mit Wein und Brot besänftigen. Sie flattert wie eine ausgewachsene Krähe durch deinen Bauch. So viel Platz und so viele Ecken, an denen Krähen sich stoßen können, um ins Trudeln zu geraten, hättest du deinem Bauch gar nicht zugetraut. Alles ist unendlich groß, gleichzeitig winzig klein. Die Dinge ergeben keinen Sinn. Alles ordnet sich der Unruhe unter, die ein Befehlshaber ist, der dich marschieren lassen will, bis du tot umfällst. Nicht nur deine Beine müssen marschieren, sondern auch die Gedanken, die sich überschlagen, als hätte sich ihr Marsch dem Flug der Bauchkrähe angepasst. Die Welt stürzt eine Röhre hinab und dreht sich dabei unentwegt selbst. Du denkst über alles und nichts nach, vor allem über das Nichts, dann wieder über das, was keinen Sinn ergeben will. Was geschieht mit der Welt, wenn sie untergeht? Liegt hier nur ein falsches Wortbild vor? Geht sie unter wie die Sonne, um also am nächsten Tag wieder aufzugehen? Verschwindet sie in einem großen Weltbrandmeer? Wohin verschwinden die Dinge, wenn doch nichts verschwinden kann? Gibt es eine große Waschmaschine des Universums, die linke Socken frisst, Planeten, die später nicht mehr aufgefunden werden, obwohl sie ja irgendwo sein müssen? Fragen über Fragen, die durch das Katapult Unruhe in deinen Hirnkasten geschleudert werden, der bald schon mit derlei überläuft. Der Kopf wird überschäumen, überkochen. Das Hirn wird sich über den Küchenboden ergießen. Du schüttelst den Kopf und läufst weiter, damit die Unruhe sich über den Boden wischt, damit sie sich festtritt. Unruhe ist nicht für Menschen gemacht.

Und dann reibst du dir den Bauch, um die Krähen, schon sind es mehrere geworden, an eine Wand deines Körpers zu locken. Ruhig sitzen sollen sie, tun es aber nicht, weil sie doch Bauchkrähen sind. Getrieben von einer Unruhe, die sie selbst nicht verstehen.

 

Verzweigungen ohne Trauben (Eine Fahndungsmeldung)

Nichts Böses ahnend, betrat ich an diesem Morgen das Eingangskapitel des von mir seit Jahren immer wieder aufs Neue gelesenen Romans Verzweigungen ohne Trauben, um erstaunt feststellen zu müssen, dass sich Teile des Personals ohne einen weiteren Kommentar aus dem Geschehen entfernt hatten. So fehlte unter anderem – noch weiß ich nicht, wo sie sich befindet, noch ob es ihr gut geht -, die von mir geschätzte Oberärztin Dr. Manuela Sommer, die mir noch beim letzten Besuch (gestern!) ein “Auf Wiederlesen” ins Gesicht hauchte.

Heute Morgen aber war von ihr weit und breit nichts mehr zu sehen. Nachfragen bei Kollegen ergaben, dass sie nichts weiter über ihren Verbleib wüssten. Man zeigte sich bestürzt, sehr sogar, denn wie, so fragten sich und mich die Hinterbliebenen, solle die Romanhandlung, die seit der Niederschrift in festen Bahnen verlief, weiter schreiten, wenn sich Dr. Manuela Sommer nun nicht in Karin Störmer verlieben könne, was wiederum den Fall des Kanzlers zur Folge hätte. Das sei ja nun keine Kleinigkeit, so die eifrig nickenden Buchseitenbewohner. Ob ich denn die Rolle von Frau Dr. Manuela Sommer, wenn auch nur vorübergehend, übernehmen würde? Nein, nein, das könne ich nicht. Ich solle mich nicht so haben. Eine endlose Diskussion entspann sich, die ich mit einem überraschenden Sprung aus dem zweiten Kapitel beendete.

Zurück in meinem Zimmer, denke ich nun darüber nach, ob es Sinn macht, Verzweigungen ohne Trauben morgen bereits wieder zu belesen. Ich sollte Frau Dr. Manuela Sommer genügend Zeit geben, sich zu besinnen und wieder den von ihr so vortrefflich ausgefüllten Platz einzunehmen. Noch ist Zeit.

Sollten Sie also eine Person mit Eselsohren und Kaffeeflecken, die leicht verwirrt wirkt, auf der Straße antreffen, dann melden Sie dies bitte umgehend in der nächsten Buchhandlung. Danke.

 

Nichts Kluges, nichts Gescheites

Eine Mail des Autors, dass ich ihn doch bitte mal anrufen solle. Gesagt, getan, schon rauschte seine Stimme durch die Leitung, eine rauchige Stimme, als würden die Schwellen eng beieinander liegen. Die Wortwagen holperten unruhig. Ganz schlecht muss es manchen Buchtstaben bei der Fahrt durch die Luft geworden sein, von dort nach hier; das ist ein langer Weg, der für einen Zug aus lauter Sätzen erst einmal bewältigt werden will. Eine alte Lok schien mir der Mund, der die Wörter zog, Rauch spuckend, Dampf in die Weite der fremden Wohnung speiend. (Ja, ich bin davon überzeugt, der Autor ist Raucher. Und da ich ebenfalls rauche, stellte sich mir natürlich die Frage, ob meine Stimme nach einer ebenso alten Bahn klingt.)

Ich hätte doch dieses Buch geschrieben, und wenn ich wolle, dann könne ich etwas darüber schreiben, in seinem Blog, eine Abhandlung, etwas Gescheites, Kluges. Ich bedankte mich für den Vorschlag, wies ihn aber darauf hin, dass mir zu meinen eigenen Büchern nie etwas Kluges einfalle. Und das war es schon. Er legte auf, ich legte auf. Zwei Discjockeys, die ihre Melodien wieder einsam dem Bildschirm vorspielten.

Wie soll ich etwas Kluges, Gescheites über meine Bücher schreiben, wenn schon nichts Kluges, Gescheites drinsteht. Es ist unmöglich. Von Grund auf. Man kann sein Gesicht nicht beschreiben, kann nichts über seine Augen sagen, weil man sie ist, weil man in seinem Gesicht drinsteckt. Es geht nicht, nie und nimmer, und wenn es doch einer tut, weil sich auch solche finden, Selbstbeschreibungskünstler, die tatsächlich Abhandlungen über die eigenen Romane schreiben, dann ist das mutig. Es ist, als würde man mit Worten die Worte erklären. Man kommt ja doch nicht aus ihnen raus. Man umkreist die Feuerstelle, aber man wird nicht zum Feuer, weil man sich dann auflösen, weil man zum Feuer selbst würde. Man kann über das eigene Schreiben schreiben, aber es wird nur ein Umkreisen bleiben, ein hilfloser Annäherungsversuch, der mit einer Backpfeife oder Schweigen enden wird. Ich werde dem Rat des Autors nicht folgen, auch wenn er mir einen Weg gewiesen hat. Ich bleibe hier sitzen und spiele mein Leben.

Vor Minuten erst betrat ich die Theaterbühne, Schlaf in den Augen, der sie mir verklebte. Schlaf ist ein zäher Klebstoff, den ich nicht so einfach aus den Augen reiben kann. Ich muss Zeit und Kaffee benutzen und tüchtig putzen. Nach einer Weile können sie dann wieder blicken, meine Augen.

Jetzt ist die Zeit abgelaufen, und ich bin ganz überrascht wie viele Worte ich mir an diesem Morgen aus dem Kopf stochern konnte.

 

Guido Rohm

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere