Hirnbruchstücke (21)

Lass dir von der Zeit ein paar Wunden beibringen, aber lass dich nicht von ihr umlegen

Keine Zeit für nichts? Klar, denn mit dem Nichts kann man eh nichts anfangen.

Zeit für alles ist gefährlich, weil sich die Zeit dehnt, wenn es sein muss bis übermorgen, oder nächstes Jahr. Die Zeit wird so breit, dass man aufhört sie überhaupt noch wahrzunehmen. Man nennt sie irgendwann nicht mal mehr Zeit. Man nennt sie Wand. Tür. Finger.

Hat sich die Zeit erst aus dem Staub gemacht, dann ist man im Arsch. Man ist ein Buddha. Hockt vor dem Fernseher, fett, grinsend, und starrt ins Nirgendwo, ins Nirwana, in den Fernseher also. Auf den kommt es nicht mehr an, weil man den Zustand erreicht hat, der einen überall hinstarren lassen kann, ohne dass man es noch wirklich bemerken würde. Man ist da, man ist mit dem Universum verschmolzen, mit dem eigenen Gestank, mit der Abwesenheit eigener Gedanken.

Keine Zeit haben ist auch keine Lösung. Besser ist es, von ihr gejagt zu werden. Auf der Flucht sein. Das ist es. Einen leichten Schweißfilm auf der Stirn, der beweist, dass das Leben ein Movie, von mir aus auch ein B-Movie ist. Ab sofort ist Action angesagt. Der Samstagseinkauf wird zum Schlängeln durch das Feindgebiet einer fremden Stadt. All die Töne. All die Gerüche. Die Stimmen, die nach einer längst ausgestorbenen Sprache klingen. Und dann geht es mit dem Wagen nach Hause. Irgendwer ist hinter einem her. Hat sich als kettenrauchende achtzigjährige Oma verkleidet, die einen auf harmlos und leicht angetrunken macht.

So wird das was mit dem Leben. Mit der Zeit. Lass sie zum Jäger werden. Lass dich nicht von ihr abknallen. Es wäre schade um die Zeit, die du in die Zeit investiert hast.

 

Über Autos, Garagentore und Finger, die nicht ruhen wollen

Abendlied

Ich bin müde, so müde, dass mir die Augen zufallen wie zwei Garagentore. Der Wagen bleibt drin, der das Außen erkundende Wagen, der auf keine Tour mehr will, der sich anhört, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen. Vielleicht ist der Auspuff kaputt.

Ich sitze da und schreibe, berichtige, könnte also gut sein, dass Sie den einen oder anderen Fehler entdecken. Behalten Sie ihn, stecken Sie ein, und wenn Sie irgendwann in die Situation geraten sollten, einen Fehler zu benötigen, dann können Sie mit einem zufriedenen Grinsen zugreifen und ihn ans Licht holen. Ob man sich über den Fehler freuen wird, steht auf einem anderen Blatt, das ich heute nicht auch noch beschreiben werde.

Die Hände sind zwar noch flink (meine, nicht ihre), erklären kann ich es mir aber nicht. Als wären sie auf Buchstabenjagd, erlegen sie, was ihnen unter die Finger kommt, auch wenn es nur des Schreibens wegen geschieht, das ja ein Laufen ist, ein unentwegtes sich bewegen. Die Finger laufen, als hätten sie Angst vor dem Halt, vor dem Stoppschild, vor dem, was man als das Ende ansehen könnte. Das Ende der Fahnenstange oder der Straße.

Da wären wir also wieder beim Verkehr, beim Fahren, bei meinen beiden Augenautos, die in ihren Garagen stehen und auf die Nacht warten.

Die Garagentore fallen, heben sich, fallen; irgendetwas scheint mit der Elektrik nicht zu stimmen, und wenn es nicht besser werden sollte, dann werde ich einen Fachmann rufen müssen.

Die Sache mit dem Augenarzt lasse ich vorerst, hat mir doch mein letzter Besuch bewiesen, dass der Mann keinerlei Ahnung von Autos, geschweige denn von Garagentoren hat.

 

In einem Wald aus Purzelbäumen, darin die Kopfstände ihre Rechte einfordern

Dies könnte ein wilder Tag werden, einer, der Purzelbäume schlägt, der sich in den Kopfstand schwingt. Alles was unten liegt, wird nach oben fallen. Die Gedanken, die unter der Kopfhaut treiben, werden ächzen, wenn sich erst das Gewicht all der Geister des Unterbewusstseins auf ihre Füße gesetzt hat. Den unterdrückten Ideen wird es recht sein, sie werden sich über den Kopfstand freuen, werden verlangen, dass man fortan so (und nicht anders) durch die Welt hopsen soll. Sie werden nicht verstehen, dass das nicht geht, weil wir in einer Fußgängerwelt leben, und wenn nicht in einer Fußgängerwelt, dann zumindest in einer, die das Unten mit den Schuhen fühlt. Nur im Kopfstand sich bewegen, das geht nicht, das würde den Kopf, der mit Blut und Erinnerungen (die der Arme, der Beine, die all der anderen Extremitäten) überlaufen würde, zum Platzen bringen. Aus den Ohren, den Nasenlöchern würde es sich ergießen. Ein Blut- und Erinnerungsbad, in dem die Menschheit rasch ersaufen würde, zumal wenn die Atemwege so nah der Untergründe leben würden. Es ist schon alles an seinem richtigen Platz. Gedanken müssen gen Himmel streben, müssen die Astronauten des Kopfes sein, die an den Rändern des Kopfuniversums forschen. Sie ahnen, wir wissen es: Es muss mehr geben, als nur diesen einen Kopf, unzählige Köpfe vermuten sie, angeordnet wie Luftblasen die in einem aufgeschäumten Etwas dicht an dicht sitzen. Jede Blase ein eigenes Universum mit weiteren Köpfen darin, die nur Teil eines größeren Universums aus weiteren Köpfen sind.

Aber nicht nur in den Kopfstand soll man heute erniedrigt werden, sondern es sollen auch Purzelbäume ausschlagen, bis die Wohnung von einem unsichtbaren Wurzelwerk durchwachsen ist, bis sich die ältere Dame unter uns beschweren wird, dass ihr ein knotiges Holzstück den Kaffee umrühre, und nicht nur das, sondern auch saufe, als gäbe es kein Morgen. Dem ist so, denn morgen wird alles vorbei sein. Die Purzelbäume werden geschlagen sein. Scheit auf Scheit werden sie an einer Wand der Abteilung mit der Türaufschrift ERLEBTES sitzen. Wir werden sie an kalten Tagen, an denen die Welt inne hält, an denen scheinbar nichts geschieht, in unserem Traumofen verfeuern und uns wärmen.

Morgen werden die Kopfstände ihre Rechte verloren haben. Sie werden Fußvolk sein, werden sich um Arbeit mühen.

Heute aber feiern wir einen Kindergeburtstag.

 

Zweite Sätze (1)

“Und dann, so gänzlich erwartet, waren sie gestorben, die Großeltern ärztlicherseits.” Georg Hornung, In einem Jahr ohne J

 

Zweite Sätze (2)

“Und dann schrieb er in seinen Facebook-Status: Und dann schrieb er in seinen Facebook-Status.” Georg Hornung, Alphabet der Idioten

 

Die totale Einzigartigkeit

Siri hat sich eine Warze ins Gesicht operieren lassen. Dunkel, mit drei Haaren in der Mitte, thront das Ungetüm auf der linken Backe. Seit Siri die Warze trägt, ist sie das Gespräch an ihrer Schule. Die anderen Mädchen tuscheln hinter ihrem Rücken. Bewunderung mach sich breit. Schon sparen die ersten von ihnen, um sich auch eine Warze leisten zu können. HATE bietet Warzen in jeder Größe an. Man kann sich auch die Ohren “abstehen lassen”. So nennt das Boris, der bei HATE arbeitet. Segelohren kämen bald in Mode, erklärt er. Dann zeigt er seinen Buckel und sein Holzbein. Das war keine einfache Entscheidung, murmelt er. Amputationen bleiben. Er grinst. Da muss man wissen, was man tut, sagt er und zündet sich eine Pfeife an, während eine junge Frau den Laden betritt. Sie hat sich für eine Hasenscharte entschieden. Boris führt sie nach hinten. Er ist ein verantwortungsvoller Operateur. Das Aufklärungsgespräch vom Band muss sich das Mädchen anhören. Ob sie will oder nicht. Denn sonst, so Boris, können sie gleich wieder gehen.

Siri spielt inzwischen mit dem Gedanken sich eine zweite Warze zuzulegen. Bald schon, so fürchtet sie, wird sie nicht mehr einzigartig sein.

Ihr Blick schweift in die Ferne. Später, so verrät sie uns noch, würde sie sich gerne Arme und Beine entfernen lassen. Das wäre der ultimative Kick. Der letzte Schritt in Richtung einer totalen Individualität.

 

Die Sage vom Lachschlucker

Die Wohnung lebt. Arme und Beine hat sie bekommen, die über die Wände streichen, über den Fußboden laufen. Hände greifen aus der Tischplatte nach Kuchenstücken und reiben, bis das letzte Stück von der Haut aufgenommen wurde. Münder erscheinen, die laut und grell lachen. Lachschlucker lachen, vor denen man sich hüten muss, denn kommt man in ihre Nähe, kann es geschehen, dass eines der Lachen einen packt und in die Tiefe zerrt. Tief im Lachschlucker, so die Sage, herrschen abertausend Lacher aller Stärken, die einen zerreißen. Helle Lacher, glucksende Lacher, tiefe Lacher; Lacher, die an ein Erbrechen, andere die an ein Verbrechen erinnern. Lacher, die wie ein Hilferuf klingen. Lacher, deren Kanten scharf wie die einer Klinge sind. Rasiermesserlacher. Ein Lachen, das verhöhnt. Eines, das aburteilt. Tiere können sie imitieren, die Lacher. Manche Lacher klingen nach einer Waschmaschine im Schleudergang. Andere nach stumpfen, ungefärbten Lederriemen, die man über den Rücken gezogen bekommt.

Lachschlucker sind zu vermeiden. Sie rollen, hat man sich ein solches Wesen in den Wohnungspelz gesetzt, hat es einen angesprungen wie ein Floh, unaufhörlich von Zimmer zu Zimmer; durch all jene Zimmer, die sich des Irrsinns wegen, der ausgebrochen ist, bereits im Kreis drehen.

Und so tappt man durch die Wohnung, die in fremden Händen und Beinen ist, die von einem Lachschlucker befahren wird, sich ängstlich umsehend, denn ist die Gefahr eingezogen, kann sie sich überall befinden. Sie sperrt sich im Klo ein und kichert. Sie hat ihren Spaß daran, den Leidensausdruck in der Visage auszumachen, sie zu erspähen wie ein Wild in weiter Ferne. Die Gefahr steht auf ihrem eigenen Hügel, den sie sich erschaffen hat und sucht einen in den Tiefen des Wohnzimmers, das man mit gesenktem Haupt durchquert, auf der Suche nach einer Fernsehstelle, einem Weinloch, will man doch nicht im Nirgendwo zwischen Sessel und Sofa verrecken, während die Lampe unbarmherzig das ausgemergelte Gesicht ausleuchtet.

Wenn die Wohnung zu einem eigenständigen Land, einem Körper, der einen verdauen will, geworden ist, dann ist es Zeit zu fliehen, auch einschlafen kann man, so wie ich es tat, der sich in seinen Schlaf flüchtete, in das Dunkel, das nur Teil eines weiteren Dunkel zu sein scheint, das wiederum Teil eines weiteren Dunkel sein könnte, weil alle Dunkeltöne sich im Schlaf befinden. Der Schlaf ist wie eine Zwiebel aus Dunkelhäuten.

Und erwacht man dann, denn sicher ist so etwas nie, kann es sein, mir geschah es, dass die Wohnung wieder ohne Arme ist, ohne Beine, ohne Lachschlucker, auch die Gefahr hat sich aus dem Staub. Ist vielleicht in sich selbst umgekommen.

Aufatmen heißt nun das Tun des Tages.

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