Hirnbruchstücke (25)

Mit einem Wort: Chillen!

Liest man, dann muss man vorsichtig sein. Es gibt Sätze, die einen vergiften. Die das Augenlicht rauben. Den Frieden, der es sich im Hirn bequem gemacht hatte. Der dort saß und eine Zigarette rauchte. Sich ausstreckte. Der Frieden, der mir einflüsterte: Lass sie. Klopfte auf den Platz neben sich. Nimm Platz. Nö!

Lief auf und ab, weil ich hoffte, mir den schlechten Geschmack, den ich mir auf die Zunge gelesen und später runtergeschluckt hatte, aus den Sohlen laufen zu können. Wischte mit den Füßen. Kein Erfolg.

Was tun? Essig trinken. Sich übergeben. Haben sich die falschen Wörter im Körper verteilt, wird man krank. Man könnte mit dem Kopf gegen eine Wand laufen. Einen Schrank. Im besten Fall gegen eine Schrankwand.

Manche Kollegen sind das, was man sich ersparen sollte. Hinter jedem Satz, der nicht von ihnen stammt, vermuten sie eine persönliche Kriegserklärung. Sie fühlen sich berufen, die Welt vor schlechten Texten zu schützen. Sie sehen sich als Bewahrer. Schließe ich die Augen, dann erblicke ich sie mit Hakenkreuzbinde beim Aufteilen der Literatur. Die Guten ins Feuilleton. Die Schlechten ins Triviallager. Schäbige Nazibande, denke ich. Schäme mich. Ein bisschen. Nicht immer die ganz starken Geschütze auffahren, denkt der Anti-Broder in mir. Ein wenig unter dem Dritten Reich geht es doch auch.

Also Rückzug ins Hirnstudio. Chillen. Gott, dieses Wort werden die Hochliteraturübermenschen auch wieder verachten. Werden es als Zeichen benennen, an dem man “solche wie mich” erkennt.

Nennen wir es also anders. Entspannen. Bringt es auf den Punkt. Die Spannung rausnehmen. Sich einen Wein eingießen. Nichts denken. Nichts lesen. Deichkind hören.

Mit einem Wort: Chillen!

Kurznotiz eines Überlebenden

Unruhig geschlafen. Geatmet wie eine Hochschwangere. Schmerzen aus dem Körper wie Wasser aus einem leckgeschlagenen Rettungsboot gepumpt. Getrieben auf der offenen See der Nacht, der Gedanken, die mit den Schmerzen in Fontänen eindrangen. Hilflos sah ich mir beim Schöpfen zu. Eine Fuhre Schmerz, eine Ladung Gedanken. Zwischendurch fiel mich der Schlaf an. Riss mich wie ein verletztes Tier, das er am Rand seines Reviers aufgespürt hatte. Verdaute mich und schied meine Reste am Morgen aus.

Allerlei Fälle

Abfallender Gedanke

Ein Kratzen. Schaben. Schieben. Der Bürgersteig wird befreit. Von Eis. Schnee. Drunter findet man Altbekanntes. Drauf kann man laufen. Fällt nicht auf die Knie. Die Hände. Sieht sonst aus, als würde man Richtung Irgendwo beten. Der Bank entgegen. Sicher will man spazieren. Ohne sich zu verlieren. Oder den Halt. Die Stabilität muss gewährleistet werden. Kennt man aus den Nachrichten.

Weltweit wird gewehrleistet. Man handelt mit Gewehrleistungen. Panzer befreien die Straßen. Irgendwo. Schieben ab. Lassen abkratzen. Erklären Menschen zu Schaben. Unter dem Krieg findet man Altbekanntes. Fällt auf die Knie. Die Hände. Stirbt. Betet Richtung Erde, drin man, bleibt Zeit, verscharrt wird. Sicher wollte man spazieren. Verliert sich. Den Halt. Dies nur einer Gewehrleistung wegen, die am Ende des Tages eine weitere Nachricht von vielen sein wird.

Eine über Schneefälle wird es geben. Eine über Todesfälle.

Leben und Sterben im Wohnzimmerpark

Ich liege auf dem Sofa, seitlich, den Kopf auf der Lehne. Der Fernseher schnattert, er gackert durch das Zimmer, aufgeregt steigt er aus seinem Teich. Dabei wollte ich doch hier in meinem Wohnzimmerpark liegen und ruhen, auf meinen Füßen eine Decke, auf dem Tisch eine Zeitung, daneben ein Teller mit Brotkrumen, die ich den Zeitungsenten in die Schnäbel werfen wollte.

Niemand im Park zu sehen, keine Seele weit und breit, auch A nicht, die an der Arbeit ist. Da ich krank bin, ein wenig mit Kopfschmerzen gesegnet, mit einem wunden Hals, rühre ich mich kaum, ja, jede Rührung scheint mir unangebracht, auch wenn im Fernsehteich gerade gestorben wird. Man trägt zu Grabe, muss doch auch eine Leiche mit einem Bett und einem Zuhause versehen werden. In Gräbern liegt man sich dünn, man erschläft sich eine Menge Platz, bis man sich irgendwann kaum noch erkennt. Eine Autotür schlägt, ein Gespräch im Treppenhaus verebbt. Der Park gehört in diesen Stunden ganz mir und meinen schweifenden Gedanken, die quer über die Stirn ziehen.

Ich könnte meine Füße in den Redefluss eines Nachrichtensprechers hängen, auf einem eingebildeten Halm kauen, während aus der Ferne die Dampfer um die Wette tuten. Das werde ich nicht tun, weil ich viel zu sehr mit dem Nichtstun beschäftigt bin. Unbeschäftigt bin ich. Ganz und gar nimmt es mich gefangen, stresst mich bereits. Es bindet mich und meinen Kopf an die Lehne des Sofas, meiner Parkbank.

Beredtes Schweigen

Das zu führende Gespräch ist angekommen.

Ich wollte es aus dem Mund ziehen, in dem es sich verbarrikadiert hatte. Dort saß es hinter Türmen aus Wortunrat und verschanzte sich. Nein, so das Gespräch, es wolle nicht geführt werden. Es vermute da eine Art des Faschismus. Allein das Wort: Führen! Das sage bereits alles. Es werde sich nicht beugen. Niemals.

Härtere Mittel mussten eingesetzt werden. Mit Zigarettenqualm räucherte ich das widerspenstige Geschöpf aus, bis es   hustend ins Zimmer stolperte, dort ich es mit ein paar Backpfeifen an seinen Wortlaut erinnern konnte.

Schicksalsergeben sprang es mein Gegenüber an, warf sich ihm in die Arme, und dies mit den Worten: “Nimm mich!”

Nein, das wolle er nicht haben, so mein Besuch. Mit einem solchen Gespräch könne und wolle er nichts anfangen. Es sei nicht in seinem Sinne. Das Gespräch sei zu beenden (an dieser Stelle zitterte das Gespräch wie Espenlaub). Es sei an anderer Stelle fortzuführen.

Dieser Hinweis warf die Frage auf, wo das Gespräch, wenn es denn demnächst fortzuführen, hinzuführen sei. Antwort erhielten weder ich noch das Gespräch.

Ein Gespräch besteht aus zwei Partnern, deren einer sich hier – man lese es an obig beredtem Schweigen ab – aus dem Gespräch stahl.

Beleidigt, keine Auskunft erhalten zu haben, auch verängstigt ob der Zukunft, sprang das Gespräch aus dem geöffneten Fenster und ward bis dato nicht mehr gesehen.

Die nächste Auszeit kommt bestimmt

Die Auszeit ist vorbei. Einen Tag dieser merkwürdigen Zeitblase gönnte ich mir. Einer Krankheit wegen, die noch in meinem Körper schlummert. Sie wütet momentan nicht. Stellt sich nicht zur Schau. Deshalb konnte ich die Auszeit verlassen, um die reguläre Spielzeit wieder zu betreten. Während der Spielzeit verrinnt die Zeit im Takt der Dinge, die wir gewohnheitsmäßig tun. Die Auszeit atmet langsamer. Fast scheint es, als würde die Zeit den Atem anhalten. Stunden können zu Tagen werden. Man läuft langsamer, gleichsam wie in einem Astronautenanzug. Verpackt wie ein Tiefseetaucher durchstöbert man den Meeresgrund des Lebens. Alles treibt an einem vorüber. Nachrichten werden zu Schwärmen, die sich teilen, tritt man ihnen entgegen. Die Welt ist dunkler geworden. Träger. Der Weg zum Sofa kann einen bereits ermatten.

Die Spieler, die nicht in der Auszeit leben, bewegen sich mit einem kaum fassbaren Tempo. Wie nur, so denkt man, schaffen wir es, die Spielzeit ohne einen Herzinfarkt zu überstehen. Man sollte sich hin und wieder, zumal wenn ein Virus sich ins Körpersystem geschlichen hat, eine Auszeit nehmen. Sie kündigt sich durch einen langgezogenen Pfiff an, der vom Spieler selber stammt. (Tragen Sie daher stets eine Trillerpfeife bei sich. Auch einige rote und gelbe Karten rate ich Ihnen an.) Die gelbe Karte kann gezogen werden, wenn ein Mitspieler Sie foult, wenn er Sie etwa betrügt. Dann unterbrechen Sie kurz das Spiel. Zeigen Sie ihm die Karte. Erklären Sie ihm die Situation und zeigen Sie zum Spielfeldrand, an dem bereits ein Notfallmöbelwagen steht.

(Auf all das wollte ich gar nicht eingehen. Dies ist ein Notizbuch und soll mir eine Erinnerungsstütze für meine eigentliche Arbeit sein. Komme ich mit der nicht weiter, kann ich Seiten aus dem Computer brechen, um aus ihnen eine Krücke zu fertigen. Zumindest hoffe ich, hier keinem Selbstbetrug aufzusitzen.)

Die Auszeit ist vorbei. Ich stampfe auf der Stelle. Jeden Moment wechsele ich mich wieder ein.

Das Spiel geht weiter. Und noch liege ich zurück.

Frankensteinnotiz

Es gibt nicht nichts zu berichten. Da ist stets etwas. Eine Kleinigkeit, die sich in einer Ecke versteckt. Die man anheben kann, um sie zu präsentieren. Und wenn sie keinen Namen hat (weil sie ihn uns nicht verrät oder weil sie ihn für sich behalten will, vielleicht auch einfach, weil sie stumm ist), dann verleiht man ihr einen. Man steckt ihr den Namen wie einen Orden an. Sagt: Das ist LEERE TÜTE.

Traurig wirkt sie. Verlassen von den Dingen, die in ihr sein könnten. Unerfüllt. Wie ein ausgenommenes Tier. Ausgeweidet. All die Organe, die sie am Leben hielten, befinden sich im Kühlschrank. Sie könnte auch glücklich sein. Erfüllt von der Luft des Zimmers. Den Geräuschen, die sie aufschnappt.

Alles hat einen Sinn, den man nur entdecken muss. Man kann  ihn fassen. Ihn vor seine Augen halten, weil die Augen den Gegenstand in unseren Kopf schleifen. Jedes Ding ist eine Leiche, die wir in den Kofferraum unserer Fantasie zerren können. Wir fahren los und überlegen, was wir mit der Leiche tun könnten. Sie schänden? Sie zu neuem Leben erwecken? Elektrizität könnte eine Lösung sein. Ein Labor, darin wir sie auf einen Operationstisch schnallen. Wir könnten den Toten Leben einhauchen.

Schreiben ist übersetzen. Es ist ein Transportunternehmen. Mit gesenktem Haupt knattert der Schreiber durch die Nacht seines Lebens, Tote einsammelnd, um ihnen Leben zu schenken, auch wenn es nur ein vorgegaukeltes, ein falsches Leben ist. Die Leiche ist ein aus Buchstaben zusammengenähter Leib. Es kann ihr passieren, dass sie gejagt wird. Von Lesern. Von Kritikern. Mit Fackeln treibt die Meute das vermeintliche Monster vor sich her.

Es gibt nicht nichts zu schreiben, weil überall etwas kauert, das belebt werden kann.

Morgengeplänkel

Eine Planwirtschaftsnotiz

Ich könnte … Nein. Warum auch? Es gibt etwas anderes zu tun. Stets. Das Regal müsste umgesiedelt werden. Mitten in den Raum hinein müsste es. Warum? Weil es dann im Weg steht. Es würde zu einer Hürde. Zu etwas, dass man umgehen muss. Ein Hindernis ist nicht die schlechteste Methode, um sich zu konfrontieren. In diesem Fall mit dem Gelesenen, mit dem Ungelesenen. Man stände wie vor einer Mauer. Egal, von welcher Seite aus man es betrachtet: Drüben ist das Jenseits. So gesehen … Hm … Man befände sich im Himmel, im Reich der Toten. Religiös betrachtet. Politisch gesehen, ist man zum Außenseiter geworden. Zu einem Mexikaner. Zu einem Palästinenser. Zu einem, der abgehalten werden muss. Um diesen Moment zu festigen, müsste ich aber … Ja! Ich müsste die Umgehungsstraßen schließen. Einen Grenzposten errichten. Oder errichten lassen. Waffen fehlen mir noch. Ich wüsste im Augenblick auch nicht, wie an eine zu kommen ist. Aber warum sollte ich das tun? Mich vom Durchqueren der Wohnung abhalten? Bin ich eine Gefahr für mich? Dann sollte ich mich abtasten lassen. Von wem? Meiner Frau. Das würde mir gefallen. Jetzt habe ich … Um was ging es? Um eine Räumungsaktion. Ein Verschieben der Gegebenheiten. Um eine Veränderung. Deshalb wollte ich … Das Bücherregal. Es könnte auch ein anderes Möbelstück sein. Ein Stuhl, den ich auf einen Stuhl setze. Stuhl nimmt auf Stuhl Platz. Hätte der Stuhl Gefühle, würde es ihn dann nicht freuen, sich endlich einmal ausruhen zu dürfen? Nicht nur Stuhl sein, sondern auch Besitzer. Der Stuhl auf dem Stuhl könnte uns beim Mittagessen Gesellschaft leisten. Er müsste sich erhaben vorkommen. So über allen anderen Stühlen thronend. Kann man da von einem Aufstieg sprechen? Ich weiß es nicht. Wer kann so einem Stuhl schon in die Holzseele blicken. Denn – wir sollten dies nie vergessen – Holz lebt. Es einen toten Gegenstand zu nennen, würde dem Holz nicht gerecht werden. Immerhin arbeitet es. Es dehnt sich, zieht sich zusammen. Je nach Wetterlage. Ein launischer, wetterwendischer Geselle. So könnte man denken. Holz knackt. Man kann es verheizen. Regierungen machen das täglich mit ihren Soldaten in irgendeinem Krieg, den sie führen. Kriege sind die Feuerstellen der Landesfürsten. Sie werfen ihre Soldaten hinein und lauschen dem Knacken. Jetzt schweife ich ab. Es ging doch nur … Ja! Um die Wohnungseinrichtung. Die sollte man verändern. Sollte die Sachen, die man gekauft und hingestellt hat, umstellen. Sonst wird eine Wohnung zu einem Urteil. Zu einem richterlichen Spruch. Zu einem Gefängnis. Ich könnte … Ja! Ich werde mit dem Staub beginnen, der auf dem Boden lagert. Massen sind eingefallen. Ungefragt. Unerlaubt. Ich werde den Staub verhören müssen. Werde ihn in ein Übergangslager bringen lassen. Dann werde ich mir in aller Ruhe darüber Gedanken machen, was mit dem Staub geschehen wird. Ich könnte ihn einer Prüfung unterziehen. Ihn meine Hymne singen lassen. Wenn ich doch nur eine hätte. Die könnten wir singen. Frau und Kinder würden am Morgen die Wohnungshymne schmettern, während ich die Flagge hisse.

All die Pläne, die ich unausgeführt lassen werde. Oder auch nicht.

Kommt Zeit, kommt Rat.

Guido Rohm

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