Hirnbruchstücke (29)

Der Tag, an dem ich mir einen Tag greife, wird ein guter Tag sein

Die Tage entkommen mir, täglich, es ist ein Desaster. Sie lassen sich nicht greifen. Erwische ich doch mal einen, lässt er sich nicht zwingen. Er soll sich setzen. Ganz aus der Puste ist er. Wird noch an einem Herzinfarkt sterben. So erreicht er die Weihnachtsfeiertage nie.

Und alle trampeln auf ihm rum. Wollen rasch in ein Geschäft. Lebensmittel für die nächsten dreißig Jahre müssen auch noch eingekauft werden. Der Tag, dem ich zurede, sieht mich entgeistert an. Blass ist er. Ob ich einen Notarztwagen rufen sollte? Ich weiß nicht, ob sich Ärzte mit Tagen auskennen. Mit den Tagen, die die Frauen als Tage bezeichnen, bestimmt. Aber solche Tage meine ich nicht.

Ich könnte ihn verstecken. Die Menschen würden es nicht bemerken. Ein Tag mehr oder weniger in ihrem Leben. Es würde ihnen nicht auffallen. Sie würden einen anderen Tag verplanen und diesen hier vergessen.

Der geflohene Tag, der Tag, dem ich Unterschlupf gewähren würde, könnte in einem der Betten meiner Jungen schlafen. Er bekäme die Bettwäsche mit dem Star-Wars-Überzug. Er müsste sich für Darth Vader oder Luke Skywalker entscheiden. Ich denke, dass er sich von Luke wärmen lassen würde.

Wenn wir ins Kino oder in die Stadt gehen, würde ich ihm ein Buch hinlegen, damit er sich nicht langweilt. Bekommen Tage Migräne? Schlafen Sie auf ihrer Nachtseite?

Nur draußen, da kann er sich nicht sehen lassen. Das gäbe ein Riesendurcheinander. Zwei Tage, die sich in ein und derselben Stadt bewegen. Das kann nicht gut gehen. Die Leute würden von den verschiedenen Uhrzeiten ganz wirr im Kopf werden. Vielleicht wäre das gut. Wenn sie nicht schon so verwirrt wirken würden, würde ich sie mit Verwirrung behandeln. Aber was sie scheinbar wirklich brauchen, ist Ruhe. Abwesenheit von Zeit.

Hätte ich einen Tag an der Hand, der auf mich hört, würde ich ihn bitten, den Tag, durch den sich die Menschen eben schleppen, darum zu ersuchen, die Luft anzuhalten.

Das wäre was! Ich würde es lieben. Der Tag hält die Luft an, plustert die Backen auf, bis sie alle den Bodenkontakt verlieren. Sie würden in seinem Mund schweben. Es könnte ihnen gefallen. Sie würden den Tag von oben, von seitlich oben sehen. Sie würden endlich einmal über dem Tag stehen, schweben.

 

Dieb und Diebesgut (Zwischennotiz)

Die Flucht ist geglückt. Ich habe mich aus dem Gebäude gestohlen, ein Dieb, der sich im Rucksack trägt, verhaltend lachend, scheint der Beutezug doch gutgegangen zu sein.

Habe mich in den Fluchtwagen geworfen, vorne auf den Beifahrersitz und zweifach (als Dieb und Diebesgut) gerufen: Abfahrt!

Das Auto raste zur Tankstelle. Mein Mittäter, eine Frau (behalten Sie das für sich, es geht niemanden etwas an!), stopfte dem Tank seinen Strohhalm ins Maul. Das Auto soff, als hätte es seit Kairo nichts mehr bekommen. Literweise gluckerte es sich glücklich. Nach so viel Suff hätte es mich nicht weiter verwundert, hätte sich das Auto in den Sand fallen lassen, um zu dösen. Zum Glück für uns fand sich kein Sand. So ging es weiter.

Am Rathaus musste eine Karte abgeholt werden, denn ohne Karte verirrt man sich leicht. Es war eine für die Zukunft. Nun ist die auch geplant und kann befahren werden.

Kaffee, Zigarette, dieser kurzer Eintrag, dann schlagen wir uns nicht in die Büsche, sondern zwischen die Weihnachtsmarktbuden, um an ihren Theken zu verglühen.

Ein späterer Bericht ist nicht abwegig, und selbst wenn er an einem solchen Ort zu finden wäre, würden wir ihn dank unserer neuen Karte aufspüren.

Ende der Zwischennotiz.

 

Die Dame am Nachbartisch

Es würde mich nicht wundern, wenn sie kleine Kinder frisst. Sie sitzt am Nebentisch, thronend, ein tausendarmiges Wesen, das bald nach dem Salzstreuer greift, bald nach der Serviette, die sie faltet, die Welt imitierend. Sie stellt eine kleine Ausgabe der Erde her, hustet rasch einige Brotbrocken auf die Oberfläche, denn Menschen müssen auf den Planeten, damit sich jemand um den Untergang kümmern kann. Sie redet mit unzähligen Zungen, spricht von ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Tochter aus erster Ehe, ihrer Tochter aus siebter Ehe. Nebenbei bestellt sie ein Pizza, löscht ein Feuer in Fernost, blinzelt uns zu und gebärt Geruch. Nicht sehr angenehm, wir verdrehen die Nasen, bis sie uns schmerzen. Die Frau bemerkt es und lacht sich tot, dann lacht sie noch die Kellnerin und drei weitere Gäste ins Jenseits. Wir verharren, rühren uns nicht, behaupten, Teil des Inventars zu sein, Teil des Tisches.

Die Königin, so betiteln wir sie jetzt, glaubt uns, sie glaubt denen, die an Erich von Däniken glauben und löst sich dann in Luft auf, die wir rasch einatmen, kauen, runterschlucken und vergessen.

Wir sehen uns um und fühlen uns wieder sicher.

 

Hirnweg mit dir, Sinn

Eine sinnlose Abendnotiz

Die Schreibhaltung spielt eine Rolle, also wie man vor dem Text sitzt oder liegt. Eine gerade aufrechte Position flößt den Buchstaben Respekt ein, der flöten gehen kann, versucht man, sie nach dem Zufallsprinzip zu treffen. Alle zehn Finger sollten bereit sein, zuzustoßen, wenn das Hirn es von ihnen verlangt.

Das Hirn sitzt im Kopf, wähnt sich unbeobachtet. Die Augen mühen sich um einen Einblick, der ihnen verwehrt bleibt. Pech gehabt!

Das Hirn bleibt somit Legende. Behauptetes, das abgestritten werden könnte. In einem Krankenhaus könnte der Beweis geführt werden, dass im Kopf ein Hirn sitzt. (Was tut es dort? Strickt es? Isst es? Bedenkt es Kant? Sehnt es sich nach einem zweiten Hirn, gar nach einem dritten oder vierten Graugewürm?)

Aber, so die Frage, die sich justament einmischt, sollte man sich jetzt (bei diesem Sauwetter!) auf den Weg machen? Was da alles passieren könnte. Ein Unfall mit Todesfolge etwa. Plötzlich landet man – und hatte es gar nicht für diesen Tag im Kalender stehen – im Sarg und nicht, wie geplant, auf einem Krankenbett.

Zwingt einen die Kollision mit einem anderen Verkehrsteilnehmer in die Notaufnahme, könnte man das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden.

Alles sei bedacht, ob nun mit oder ohne Hirn.

 

Abendhimmel

Der Abendhimmel, dieser, jetzt, den du erblickst, wenn du dich von deinem Stuhl mühst, aus deinem Sessel quälst, ist keiner, den du in deinem Kopf behalten wirst. Der Kopf merkt sich keine Wetterlagen, keine Liebeslagen, keine Lebenslagen. Schwarz ist es in deinem Kopf, auch wenn du ihn wieder und wieder blau ausmalst.

 

Aufzucht und Pflege sinnloser Vorkommnisse

Meine Gebrauchsanleitung, irgendwie

Man schreibt halt eine Menge. Auch wenn man es gar nicht so meint. Dafür ist es doch da, ein Notizbuch, um auch etwas niederzuschreiben, das, wenn man es später überliest, gar keinen Sinn mehr ergibt. Trotzdem gibt es Leser, denen es sinnvoll erscheint, was man in einer schwachen Sekunde zu Papier brachte, auch wenn es gar kein Papier ist, auf dem man sich auslässt. Die Welt ist unfassbar geworden. Alles bewegt sich in und durch die Luft. Man findet es in anderen Räumen, die man mit den Augen betreten kann, nicht aber mit dem Rest des Körpers. Es ist wie in einem Zauberland.

Das ist doch wundervoll, wenn Sinnloses für einen anderen zu einer großartigen Entdeckung wird. So funktioniert es, erst recht im echten Leben. Die Religionen ernähren sich von solchen Funktionsweisen. Immer recht geheimnisvoll predigen, dann wird sich schon einer finden, der aufschreit, so habe er es auch gesehen, aber er habe nicht die Worte gefunden, um es zu beschreiben. Das Mystische wallt ja alle paar Meter durch die Gegend, das, was den Schleier des Geheimnisvollen um sich trägt, das darunter spazieren geht.

Da muss man nur auf den Balkon gehen, um solche Momente zu sehen. Heute Morgen etwa: Nebel, dass man die eigene Hand kaum sehen konnte. Da kann man doch auf den Gedanken kommen, dass etwas nicht stimmt, nicht mit einem selbst, nicht mit den Augen, nicht mit dem Nebel. Man könnte nun auf den Gedanken kommen, über ihn stolpern, weil er wie ein Ast im Weg des Denkens liegt, dass der Nebel ein Geschöpf ist, das die Gegend verspeist. Ein hungriges Monster, warum nicht, denn im Märchen findet man die ja auch, also warum nicht hier vor meinem Balkon. Was wäre, wenn da ein ausgehungerter Nebel durch die Landschaft stampft, um sich an Häusern und Kühen und Weiden und all dem, was bei uns so rumsteht, satt zu fressen? Ehe man sich versieht, erwacht man im Magen eines Nebels, nur weil einem bisher nicht klar war, dass Nebel leben und Beutetiere sind.

Alles sehr mystisch, aber zu entdecken, wenn man den leicht schiefen Blick für solche Vorkommnisse entwickelt. (Einen Müllwagen sah ich übrigens auch. Blinkte und knurrte, schluckte ganze Wohnzimmerkombinationen in seinen orangefarbenen Bauch. Gefüttert wurde er von einer Gruppe Sklaven, die ihm folgten, die die Reste des erlegten Wilds in seinen Schlund stopften. Die taten mir schon leid, die armen Sklaven, denn wer will schon einem Müllwagen in so frühen Morgenstunden bei der Jagd folgen. Und dann immer die Angst im Nacken, dass er einen irgendwann später am Tag selbst in seinen Magen schlürft und verdaut. Da hat man sich zum Sklaven gemacht, hat geholfen, an allen Ecken und Enden, hat aufgelesen, was die Hände hergaben, Schweiß auf der Stirn und unter den Achseln, und das nur, um am Ende die Nachspeise zu werden. Lieber nicht!)

Jetzt habe ich schon wieder zahllose Buchstaben für einen sinnlosen Notizbucheintrag verbraucht. Gut, dass sie kein Ende finden, dass sie nie ausverkauft oder nicht mehr vorrätig sind, denn sonst müsste man sich genau überlegen, was man mit seinen Buchstaben anfängt. Nehmen wir mal an, man hat gerade einmal siebenhundertvierzehn Buchstaben zur Verfügung. Die darf man ver(s)schreiben, mehr nicht. Das wäre eine Tragödie. All die Texte, die ich dann nicht gepinselt hätte, all die Bücher, die es nicht geben würde. Mal ganz abgesehen von den Gesprächen, die nie stattgefunden hätten. Die Reden der Politiker, die ungehalten geblieben wären.

Eine schreckliche Vorstellung, denn es ist doch die Massenbuchstabenhaltung, die die Worte, die in freier Wildbahn aufgefunden werden, die vor dem Ausstreben bedroht sind, auch jene, die noch nicht entdeckt und benannt wurden, so wertvoll macht. Die Vermutung ist es, dass es noch mehr Worte zwischen Himmel und Hölle gibt, als nur die in den Nachrichten und den Krimis vorgefundenen, die uns weiter suchen und lauschen und zugreifen lässt.

Sollte es einen Leser geben, sollte sich einer finden, der irgendeine Form von Sinn in diesem Gebet (denn nichts anderes sind sie, meine Notizbucheinträge; Anrufungen einer mir unbekannten Instanz, die es irgendwo dort draußen geben soll) gefunden hat, darf er sich diesen Eintrag ausdrucken und zu Hause an die Wand hängen. Er darf ihn auf dem Klo lesen, in der Küche beim Kochen. (Ich werde es ja eh nie erfahren.) Diejenigen, die keinen Sinn darin sehen, sollten ihren schiefen Blick trainieren.

Es gibt so viel Unerhörtes, Geheimnisvolles, Mystisches in der Welt. Man muss es nicht verstehen, nur sehen.

Man muss es nur entdecken.

Guido Rohm

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