Hirnbruchstücke 38

Das totale Lachen 

Wenn Fasching in Fulda ist, verkleiden sich die Menschen. (Ihr kennt das bestimmt, weil ihr schon mal hier wart, und wenn ihr Fulda noch nicht besucht habt, dann kennt ihr sicherlich die Theorie, dass alle Menschen ursprünglich aus Fulda kamen. Sie zogen in die Welt und besiedelten sie, und so kam es, dass es irgendwann überall kleine Städte von Fuldaern gab, die wuchsen und wuchsen, bis sie Köln und New York hießen.)

Während der Faschingszeit wird ungeheuerlich viel Alkohol getrunken, mehr als das ganze Jahr über. Die Leute laufen in Verkleidungen umher und lachen und trinken, bis sie ganz erschöpft von der übermäßigen Freude sind. Es gibt sogenannte Märsche, weil Fasching auch eine Art Krieg ist. Der Spaß muss in jeden Haushalt getragen werden, sodass man die Türen derer aufbricht, die sich nicht an dem Geschrei und den Reden beteiligen wollen. (Solche Wohnungen werden zwangsbelacht.)

Reden sind der nächste wichtige Bestandteil. Über alles macht man sich lustig, über die Politiker, die sich natürlich auch über sich selbst lustig machen müssen, weil sie sich das ganze Jahr über die Bürger lustig machen. Es ist so lustig, dass es rasch ernst werden kann. Plötzlich zieht man zu später Stunde einem, mit dem man über Stunden hinweg gelacht hat, eine halbleere Flasche Bier durch das Gesicht, weil er etwas gesagt hat, dass einem so nicht in den Kram passte. Vielleicht etwas über die eigene Frau. Dass er die Grünen wählt. (So etwas kommt hier in Fulda nicht gut an.) Da kann man schon mal durchdrehen. Soweit also alles verständlich. Die anderen sehen kurz hin, aber schon nach ein paar Minuten lacht man wieder aus vollem Hals. Der, dem die Flasche einen Strich durch die Abendunterhaltung machte, ist längst von ein paar Schuldirektoren, die sich als Sanitäter verkleidet haben, abgeholt und hinter einem Busch abgelegt worden. Da kann er schreien, ohne dass er die wirklich lustigen Menschen  belästigt.

Getanzt wird auch, viel und ausgiebig, Drehung um Drehung, damit es das Bier und die Schnäpse leichter haben, aus dem Mund auf den Busen seiner Partnerin zu laufen. Die nimmt es locker, weil Fasching ist, und wischt die Brocken mit einem Kichern fort. Wo gekotzt wird, ist es schön, denkt sie, und tanzt weiter, bis in den Morgen hinein, in die ersten Sonnenstrahlen, die keinem passen, denn was soll man mit einem Morgen, wenn man nicht mal richtig besoffen ist.

Aber kommen erst die Gardemädchen, ist man nicht mehr zu halten, dann laufen den alten Männern, die sich als junge Männer verkleidet haben, die Säfte in den Hosenställen zusammen. Die jungen Damen werfen die Beine nach oben, als würden sie sie nicht mehr benötigen, als müsse man sein Bein unbedingt noch in dieser Nacht loswerden, als würde es Schläge zu Hause setzen, wenn sie mit ihren beiden Beinen wieder auftauchen. Also geben sie nicht auf, sie werfen die Beine ohne Unterlass, bis sich endlich das erste löst und dem Bürgermeister an die Stirn knallt. Dann johlen alle, und das Mädchen mit dem einen Bein strahlt ihre Kolleginnen an, die daraufhin noch wütender tanzen, denn was die geschafft hat, wird ihnen schon auch noch gelingen. Sie springen in die Luft und landen im Spagat. Kein Gesicht verziehen sie, hat ihnen die Trainerin doch im Vorfeld alle Knochen brechen lassen. Eine lustige Zeit ist es, man muss es betonen, damit hier nicht ein falscher Eindruck entsteht.

Fasching in Fulda. Das solltet ihr nicht verpassen.

 

Hat man erst (In diesem Sinne: Mahlzeit!)

Hat man erst, kennen Sie ja, kennt ihr ja, Gott! – wie reden wir uns denn nun an, Sie oder du? -, hat man also erst sein Mittagessen verspeist, so ein großes, mit extra viel Fleisch drumherum, fühlt man sich, wie soll ich sagen, davor hat man sich besser gefühlt, anders, befreiter, vogelartiger, so beschwingt, und nun liegt man wie ein Elefant vor dem Computer und starrt auf den Bildschirm, ohne Verstand, denn der ist beschäftigt, mit Verdauen und anderen lebensnotwendigen Körperumtrieben.

Nicht einfach, so ein Leben am Rand eines Küchentischs. Ständig muss was vertilgt werden, während die Kinder in Afrika und anderswo sterben. Jetzt kommt noch das schlechte Gewissen zu den Magenschmerzen. Dabei ist doch der Sonntag zum Großreinemachen der Seele gedacht. Entspannen, bis man abwinkt, bis man vom Entspannen gestresst ist, bis man das Sofa und den Küchentisch nicht mehr sehen kann. Mehr schreiben kann ich jetzt nicht, weil der Nachtisch steht und ruft, später müssen wir noch zur Familie meiner Frau, um letzte Stellen im Magen mit Kuchen auszukleistern.

Hat man sich erst an den Rand des gesundheitlich noch Zumutbaren gefressen, wird es Zeit, sich umzulegen, damit sich der Körper nicht mit einem Herzinfarkt verabschiedet.

In diesem Sinne: Mahlzeit!

 

Ein wahrhaft schwarzer Sonntag

Jetzt sind wir aus Kleinlüder zurück. Familienbesuch. Man wohnt neben der Kirche, so wie es sich gehört.

Taucht ein Dämon auf, kann man ihn gleich an seinen Feuerhaaren vor den Altar schleifen und opfern. Kann ihm auch im Weihwasserbecken die Bösartigkeit aus den Lungen quetschen. Die Kirche vor der Tür ist eine unabdingbare Notwenigkeit. Der Parkplatz des Gläubigen sozusagen. Ganz normal, dass man nach der Arbeit schnell mal in der Kirche verschwindet, um Gott zu bitten, dass es nächsten Samstag mit dem Lottogewinn zu klappen hat. Der plötzliche Unfalltod des Vorgesetzen steht außerdem auch noch aus.

Hat man keine Kirche, neben der man wohnt, sollte man sich eine zum Aufblasen besorgen, damit man zwischen Abendbrot und Tatort im Beichtstuhl die Verfehlungen des Tages einer Priesterpuppe ins Ohr flüstern kann. (Aber Vorsicht, es könnte geschehen, dass sie wegen eines Loches in ihrer Außenhaut mit einem Pfeifen in sich zusammensackt. Die Pfarrer sind nicht mehr das, was sie mal waren. Luftlose Wesen, die – wie es scheint – längst mit ihrer Berufung gebrochen haben.)

Und jetzt sitze ich hier und lese von den 10% für die FDP. Da soll man nicht den Glauben an die Gerechtigkeit verlieren, wenn die Sendboten Satans so eindeutig von seinen Jüngern an die Schalthebel der weltlichen Macht gewählt werden. Alle Vorwürfe, die ich dem Priester, der bei uns eine Art Puppenkirche bewohnt, ein Haus aus Pappe, das ich im Baumarkt kaufte, vor seinen schwarzen Lackschuhe werfe, bleiben von ihm unbeachtet. Sein Papierkörper wackelt hin und her. Der wird nicht im Fegefeuer schmoren, sondern bald schon im Ofen der Familie in Kleinlüder.

Kein Tag für mich. Ein wahrhaft schwarzer Sonntag.

 

Idyllen trügen

Montag bis Sonntag ist eine schlechte Einteilung der Woche, gerät man doch in die Verlegenheit, die Woche mit einem Montag beginnen zu müssen.

Samstag bis Sonntag. Aus einer solchen Woche würde ein Schuh, der uns Menschen passen würde.

Aufwachen, strecken, gähnen, auf die Uhr sehen, umdrehen, weiterschlafen. Ist der Sonntag erst absolviert, mit seinen anstrengenden Besuchen und Mittagessen, seinen Mittagsschläfchen und seinem Gähnen, würde man sich am Abend ins Bett quälen, die Frau darauf hinweisend, sie müsse keinen Wecker stellen, sie solle ja nicht vergessen, dass morgen Samstag ist, da müsse man zum Chinesen, durch die Stadt müsse geturnt, Einkäufe erledigt werden.

Ein Leben, anstrengend wie eine Fahrt auf einem Ausflugsdampfer. Keine Hoffnung in Sicht, kein Montag, der einen aus dieser Freizeithölle befreit, kein Sonnenlicht am Horizont, das einen von dieser geraden Straße wegführt, dafür flackernde Neonröhren.

Nachts würde man von Labyrinthen träumen, von Umwegen, von dichten Wäldern, in denen man sich verirrt, nur um einmal in die Verlegenheit der Mühsal zu geraten.

Samstag bis Sonntag wird zu einer Einkaufsladenexistenz, zu einem Passagendasein, zu einem Leben im Landesinneren, ungefährdet und so dumm wie Stroh, auf dem man liegen muss, bis einen der Tod, den man längst schon in Montag oder Dienstag umgetauft hat, in die ewige Arbeitswoche entführt.

Jedes Paradies hat den Zug, sich in eine Hölle verwandeln zu können. Tag für Tag gebratene Hühnerflügel, die vom Himmel in den Mund stürzen, Engel, die eine sanfte Melodie summen, eine, die wie auf Rosen gebettet klingt, und um die man Angst haben muss, weil jeder Ton nach einem dünnen Kristall klingt, das zerspringt, trifft es auf ein Ohr, das hält kein Mensch auf Dauer aus.

Irgendwann sehnt sich man sich nach einer Aufgabe, nach ein wenig Trubel, nach Müll und Unrat, nach Jugendlichen, die mit dem System unzufrieden sind, die eine Sieben-Tage-Woche fordern, so lange, bis man schließlich selbst eine Untergrundorganisation gründet, die damit anfängt, Neue-Tage-Bomben zu zünden, bis Löcher entstehen, die gefüllt werden müssen, mit einem Montag vielleicht, dann einem Dienstag, später einem Mittwoch. (Die Dehnung der Zeit mit den Mitteln der Gewalt.)

Montag bis Sonntag ist eine gute Einteilung der Woche, hat man  so doch das Vergnügen, die Woche mit einem Montag beginnen zu dürfen, mit einem wunderbaren kleinen Fluch auf den Lippen.

 

Wertlos

Heute ist alles anders. Der Schnee ist nichts mehr wert. Inflation. Jeder hat Massen davon, selbst im Vorgarten liegt er herum.

Früher haben wir drei Schneebälle gegen sechs Erbsen getauscht. Die Nachbarn hatten nie Schnee. Aber wir. Vater hat ihn in seinen Kühlschrank geschaufelt. Irgendwann genügte nicht einmal mehr die Schaufel. Mit einem Bagger brachte er die Ernte ein. Schneestürme wurden in alles gestopft, was zur Hand war. Einkaufsbeutel von Aldi. Leinensäckchen. Kühltaschen. Und die Jungen aus dem Viertel standen vor unserem Zaun und staunten sich ihre Seelen aus den Leibern. Alle Beschwerden bei ihren Eltern brachten nichts. Sie bildeten eine Schlange, um uns ihre Erbsen zu bringen, bis wir sie nicht mehr nur verschießen konnten, sondern auch Mutter gaben, damit sie einen Eintopf aus ihnen kochte.

Vorbei die Zeiten. Heute ist jeder ein Schneebesitzer. Die weiße Pracht fällt jedem vor die Füße, du musst dich nur bücken und sie von der Straße lesen. Millionäre, wohin das Auge blickt.

Selbst die Armen handeln mit Schnee, sodass er keinen Wert für niemand mehr hat. Die Stadt wirft Salz auf ihn, damit er sich auflöst, damit die Zeiten der Inflation ein Ende finden, damit endlich wieder Schneebälle gegen Erbsen getauscht werden können. Ich denke nicht, dass es noch mal so wird, wie es einst war. Vorbei ist vorbei.

 

Das Leben der Hälse

Jetzt sitze ich mit einem steifen Hals da. Den Kopf, als müsste ich an einer Parade teilnehmen. Schmerzen, will ich ihn schütteln. Ein steifer Hals – nie darüber nachgedacht, ich gestehe es ein –  verurteilt zur Teilnahmslosigkeit. Ist eine Rückbesinnung auf die Sprache. Auf die Zunge, die nun wieder zeugen muss. Ob sie will oder nicht. Ein steifer Hals verdammt zum Sprechen.

Und das, wo man sich doch gerade aufs Gestikulieren versteift hatte. Alles mit einem Augenrollen sagen. Mit einem Rümpfen der Nase. Die Stirn, die sich in Falten legt. Die Ohren, die Töne noch aus den hintersten Zimmern in die Muschel wehen. Die geplusterten Backen. Wangen kann man sie auch nennen. (Man spreizt dabei den kleinen Finger ab, erst dann plustert man die Wangen.)

Und dann das. Ein Unglück. Eine Kommunikationskatastrophe. Ein steifer Hals. (Obwohl der ja nicht die Gesichtszüge vereisen würde. Gut gedacht. Das habe ich übersehen. Nur Kopfschütteln geht nicht. Auf keinen Fall. Dazu werden sie mich nicht bekommen. Nicht heute. Nimmer.)

So kann doch keiner leben. Hat man sich erst an die Beweglichkeit des Kopfes gewöhnt, will man sie nicht mehr missen. Und dann das. Falsch gelegen, wo man doch lernt, dass man liegt, wie man sich bettet. Da muss ich mich wohl angespannt haben. Vielleicht habe ich zu erwartungsvoll auf den Schlaf gewartet. Oder er auf mich. Wer weiß das schon. Mein steifer Hals kann nicht sprechen, nicht mal den Kopf kann er schütteln. Schmerzen, das kann er, der Sauhund. Steht in der Gegend und äußert sich nicht. Schweigsam wie ein Grabstein. So ein Affe.

Aber ich denke, es wird vorübergehen, wird sich in Wohlgefallen auflösen, bestimmt sogar, kommen erst die kundigen Hände meiner Frau ins Spiel. Eine Heizung könnte auch helfen. Abmontieren und an den Hals binden. Mit genügend Wärme wird sich die Sprachlosigkeit schon geben. Wenn er denn sprechen will. Wenn er denn den Kopf schütteln will. Könnte es auch aufgegeben haben. Könnte mich boykottieren, weil ich sein Innenleben mit Rauch und Kaffee schände, mit Fleisch und Saucen, mit unanständigen Worten, mit einer Vielzahl Dinge, die ihn inzwischen höchst nerven, meinen kleinen Hals, der sich von mir losgesagt hat, der ein Eigenleben führen möchte, der sich wahrscheinlich eine eigene Wohnung anmieten wird. So geht das nicht. Das werde ich zu unterbinden wissen.

Mein Hals gehört mir!

Ganz erschöpft bin ich von der Aufregung. Beruhigen muss ich mich. Den Hals. Mit einer Halspastille. Gutem Zureden. Das wird schon wieder werden, das Verhältnis zwischen ihm und mir. Irgendwie. Irgendwann.

 

Aphorismen für den Hausgebrauch (4)

Duschen ist das, was man macht, bevor man zum Himmel stinkt.

 

Vorwurf und Versprechen

Gerade eben hat meine Frau gesagt, ich solle nicht so einen Unsinn schreiben. Das sei nicht lesbar. Da müsse man sich schämen. Die Nachbarn würden bereits mit dem Finger auf sie zeigen. Die Kinder würden bespuckt. Da müsse ich doch Mitleid haben. Es ginge darum, die Familie zu retten. Ein wenig mehr literarischer Anspruch könne nicht schaden. Sonst müsse man sich alle Literatur-Preise aus dem Kopf schlagen. Im Laden würde bereits alles teurer. Man verlange, dass sie die Straßenseite wechselt, begegnet ihr der Stadtdichter. Nachts schlafe sie nicht mehr richtig, weil sie sich Sorgen um den Fortbestand der deutschen Sprache mache. Die würde ich killen, abmurksen, das würde ein böses Ende mit mir nehmen. Sie müsse einen Anwalt einschalten. Die Scheidung sei vorprogrammiert. Kämpfe um die Kinder, das fehlende Einkommen, das fehlende Haus, die fehlenden Ersparnisse. Dabei müsse ich mich doch nur  zügeln. Ein klein wenig am Riemen reißen. Etwas über die Realität schreiben. Über den kleinen Jungen etwa, der kürzlich erfror. Die Probleme der Asylbewerber. Aber nichts davon fände sich in meinen Texten, dafür Unsinnigkeiten über Duschen und Schmutz. Und nur weil ich über manche Ergüsse das Wort Aphorismus schreibe, werde es noch nicht klug. Es würde die Menschen nicht zum Nachdenken bringen. Die Milch würde bereits sauer im Angesicht meiner Worte. Niemand wolle mehr etwas mit ihr zu tun haben, nicht mal die Mitglieder der SELBHILFEGRUPPE FÜR OPFER DER DEUTSCHEN LITERATUR, die würden sie meiden wie der Teufel das Weihwasser. Ich müsse ein Einsehen haben. Sie sei ja auch nur ein Mensch, der seine Grenzen habe.

Ich nickte und versprach es.

 

Umerziehungslagerkönig

Als Star hast du es nicht leicht. Und wenn du kein richtiger Star bist, sondern nur ein Z-Star, der berühmt wurde, weil er keinen Ton treffen konnte oder weil er seine Brüste vor einer Kamera schwenken durfte, ist es gleich noch mal schwieriger, denn viel Verstand hast du nicht.

Jetzt stell dir mal vor, sie bringen dich in einem Lager unter, irgendwo in Australien oder in Afghanistan. Da hast du natürlich deinen Kampf, weil es kein Studio ist, wie du die ganze Zeit über dachtest. Du sitzt mit all den anderen Z-Stars ein, und irgendwann vergisst du, dass jeder Satz, der sich in deinem Hirn mühsam zusammenschraubt, auch gesendet wird. Vielleicht nicht jeder Satz – auch nicht jeder dumme Satz -, aber eine Menge davon. Und ein Massenhersteller bist du. Keine Frage.

Die da draußen vor den Fernseher haben gut lachen. Die müssen nicht die Aufgaben erledigen, die sie dir und deinen Zellengenossen stellen. Was du nicht alles essen sollst, um deinen Ekel zu überwinden: Hoden von Tieren, ihre Ohren. Fehlt nur noch, dass sie euch getrockneten Kot präsentieren. Den du auch fressen wirst. Der Mensch lebt ja nicht vom Starsein allein.

Wie in einem Umerziehungslager geht es dort zu. Wie in einem Heim für schwer erziehbare Blitzlichtläufer. Dabei meinen die vom Sender es gut mit euch. Kümmern sich den ganzen Tag über um euch. Führen Interviews, damit ihr nicht auf den Gedanken kommt, es würde sich keiner mehr interessieren. Oh nein. Viel Interesse ist da. Oh ja.

Die ganzen aufgebauten Kameras müssen gefüttert werden, und wenn kein Bild da ist, nimmt man eben die, die sonst nie einer filmen würde: Der Z-Star beim Naseputzen, beim Arschkratzen, beim In-die-Luft-starren, beim Lästern.

Das Lästern ist ja wichtig, dieses zwischenmenschliche Zug, dem man mit den Nachbarn teilt, wenn die Nachbarn ein Haus weiter es nicht hören. Große Sache. Lässt die Seele aufblühen. Ist eine medizinische Angelegenheit. Wichtig für alles, auch für den Informationshaushalt. Ein Z-Star unterscheidet sich in nichts von einem Nachbar. Also muss das Wichtige besprochen werden. Die Orangenhaut von der und der. Dann das Schnarchen von dem und dem. Kein Thema, das nicht rasch in einer Ecke des Lagers beflüstert werden müsste. Nicht zu leise, damit der Tontechniker nicht in Probleme gerät. Der Tontechniker ist ein guter Mann, der drei Kinder hat. Da hat der Z-Star eine Verantwortung, die er, ganz Z-Star, wahrnimmt, man ist ja nicht umsonst zum Z-Star geworden.

In dem Fernsehumerziehungslager kommt einiges zusammen: Ekel, Gespräche, Aufgaben. Ist nahezu wie in der Reihenhaussiedlung, der man zu entkommen versuchte. Alles gleich, nur eben mit dem Unterschied, dass das Fernsehen unbedingt nichts versäumen will. Das wäre ein großes Drama.

Wenn man sich im Umerziehungslager genug daneben benimmt, ist die Karriere auf dem besten Sprung. Umerziehungslagerkönig kann man werden. Da folgt eine große Feier. Später dann das Frühstücksfernsehen, damit sich die Qualen gelohnt haben. Und wer weiß, vielleicht wird man in einigen Jahren – Aufstieg um Aufstieg – das Umerziehungslager moderieren dürfen. Heisa, wäre das ein Spaß. Dann muss man sich nicht mehr ekeln, sondern darf ekeln lassen. Unbedingte Freude wäre angesagt.

Wir Leser, das tut mir ja nun leid, sehen uns das Umerziehungslager nicht an, weil wir die Nasen in einem Lichtenberg hängen haben, in einem feministischen Traktat, aber dafür haben wir den Schreiber dieser Zeilen, der sieht sich jeden Scheiß an, weil er hofft, etwas vom Leben mitzubekommen. Hohlkopf.

Obwohl wir nie die Hoffnung aufgeben, dass ARTE bald ein Umerziehungslager für Schriftsteller einrichten wird. Mann, wir kämen aus dem Beifallen gar nicht mehr raus. Lästern über Grass. Die Weinprobleme vom Walser.

Wäre fast alles wie in unserer Reihenhaussiedlung, nur eben mit Schreibern. Das Ekeltraining dürfte nicht zu kurz kommen. Goetz, der laut aus einem Roman von Frau Pilcher zitieren muss.

Träume, nichts als Träume. Aber die darf man doch bitte sehr haben.

 

Intim

Jetzt habe sie eine Reise gebucht, erklärte mir meine Frau heute. Abenteuerurlaub. Direkt auf den Mount Everest. Da könne man sich inzwischen bereits auch Gräber buchen. Habe sie getan. Man wisse ja nie, was so geschieht, klettert man auf den höchsten Berg der Erde. Ich könne ja, sagte sie, ein paar Notizbücher mitnehmen, um zu notieren, was unterwegs geschehe. Die Kälte wäre zu beschreiben. Eiszapfenformen. Das Gefühl, wenn man beinahe erfriert. Später vielleicht restlos. Nahtoderfahrungen müssten adäquate Sätze finden. Ich könne da schon mal üben, wenn ich wolle. Sie riet mir, die Luft anzuhalten. So drei bis sechs Minuten, dabei aber nicht das Schreiben vergessen, mahnte sie.

Liegt die Reise zum Mount Everest hinter uns, könne sie sich einen Trip ans Meer vorstellen. Tauchen ohne Atemgerät. Das sei der letzte Schrei.

“Und schreib nicht gleich wieder alles in deinen dämlichen Blog. Was sollen die Leute denn von mir denken.” Das würde ich niemals tun, versicherte ich.

Wie käme ich denn dazu? Das sei ja Hochverrat an der Familie. Intimes hat in der Öffentlichkeit nichts verloren. Darum würde ich auch auf gar keinen Fall das Bild von ihr veröffentlichen. Dieses spezielle, über das ich mich nicht äußern will. Fragen Sie nicht, lieber Leser, sonst sehe ich mich noch genötigt, meiner Sucht zu frönen, alles und jeden Teil meiner Texte werden zu lassen, auch die Fotografien, die …, lassen wir das.

Aber die Reise, die ist gebucht. Auch wenn ich das hier nicht aufschreiben werde.

Darüber wird nichts zu lesen sein. Ganz bestimmt.

 

Hundetoilette 

Nicht zieren, auch große Hunde können in diesen Toilettenbereich gestopft werden, wendet man nur genügend Kraft auf, um sie zu zivilisieren.

 

 

 

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