1. Advent

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Die 1. Kerze einer Geschichte 

Harry Dekan war ein Feuerteufel. Er liebte es, wenn die Flammen züngelten, wenn sie ein Haus oder ein ganzes Viertel auffraßen. Er stand meist in der Nähe, an seinen Wagen gelehnt und genoss die Wärme, die wie Wasser über sein Gesicht schwappte.
“Ich bin in der Kälte aufgewachsen, keine Liebe, keine Worte des Trostes, keine Emotionen”, sagte Harry zu seiner Frau, die früher als Schaufensterpuppe für ein Kaufhaus gearbeitet hatte.

Der erste Advent war sein Startschuss. Harry fuhr mit seinem Wagen los, hinein in die Nacht, bis er eine Stadt fand, die sein Adventskranz war, und dann holte er den Benzinkanister und sein Feuerzeug und zündelte.
“Advent, Advent, ein Lichtlein brennt”, sagte er leise und sah zu, wie die Feuerwehr anrückte.
Leben schälte sich aus dem Dunkel. Schatten tanzten an den Wänden und auf Harrys Gesicht. Er war der Regisseur eines Dramas, das die Leute wieder enger zusammenbringen würde. Ehen hatte er so schon gerettet. Er sah sie vor der Katastrophe stehen, Arm in Arm, Menschen, die manchmal seit Wochen kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten.
“Ich werfe sie auf sich selbst zurück”, erklärte er Claire, seiner Frau, die stumm vor dem Kamin saß und ins Feuer starrte.
Und Harry fuhr wieder los.

“Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.”

 

Guido Rohm

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