3. Advent

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Die 3. Kerze einer Geschichte 

Harry liebte Claire. Und Claire liebte Harry. Er lag in ihren steifen Armen, die jeden Tag auf ihn warteten. Ihr Liebe wuchs, bis sie das ganze Haus ausfüllte.

Harry beugte sich über sie und flüsterte, dass es ihm egal sei, wer oder was sie sei. Eine ehemalige Schaufensterpuppe. Na und? Diese Zeiten lagen hinter ihr, jetzt war sie seine Frau.

Er überlegte, ob sie heiraten könnten, und schließlich machte er ihr an einem dritten Advent einen Antrag.

“Willst du meine Frau werden?”, fragte er.

Claire schwieg. Wie immer. Sie entlockte dem Schweigen ihre ganz eigenen Worte, die schließlich in Harrys Ohren JA aufschrien.

Sie wollte. Und wie sie wollte, also fuhr Harry los und suchte einen Pfarrer, der sie trauen würde.

Er fand einen, der es wollte, ein ehemaliger Priester, ein gefallener Engel, den er in einer Kneipe auflas, einer, der im Knast die Sünden der Welt erlassen hatte, der sich die Sünde erlassen hatte, kleine Kinder zu lieben.

Harry nahm ihn mit. Der Priester war betrunken, während er sie vor Gott zu Mann und Frau erklärte.

Harry war das egal. Es war getan. Sie hatten sich vor Gott das Ja-Wort gegeben, und das war das Wichtigste für ihn.

Spät in der Nacht brannten drei Kerzen. Harry spürte, dass an einem solchen Tag mehr Kerzen brennen mussten, eine Stadt, also entschuldigte er sich gegen Morgen und fuhr los.

Er fand eine Kleinstadt, die so klein war, dass er sie gleich ganz niederbrannte. Die wenigen Häuser machten ihm keine Mühe. Er hätte gerne Claire dabei gehabt, damit sie sah, was er tat. Damit sie stolz auf ihn sein konnte. Er sah die Flammen im Rückspiegel, die nach dem Himmel griffen.

Zufrieden fuhr er davon. Ein Arbeiter im Garten des Herrn, der ihm Seelen zuführte; Seelen, die längst aufgegeben hatten, die die Sinnlosigkeit ihres Lebens gegen die Herrlichkeit der Ewigkeit eingetauscht hatten.

Er würde Claire davon erzählen.

Als er die Tür aufschloss, stieg er über die Leiche des Priesters. Die hatte er vergessen, die würde er noch entsorgen müssen.

Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer, in der seine Prinzessin lag, und sang: “Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei …”

Er schlüpfte hinein und liebte sie.

 

Guido Rohm

Bild: CC BY-SA 3.0 Liesel – Eigenes Werk

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