Pole Position

Achim Szepanski, der ehemaligen MILLE PLATEAUX-Chef und Deleuze-Fan hat in den letzten Jahren viel geschrieben. „Pole Position“ ist der zweite Roman seiner Frankfurt-Trilogie.

 

Achim Szepanski: Pole Position


816 Seiten, Paperback, rzm 002, Rhizomatique

ISBN 978-3-98-13227-0-5

24.- Euro

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Leseprobe: Pole Position

Mansfeld 2

»Sehen wir uns den Wahnsinn Mansfelds einen Moment lang etwas genauer an. Ein Wahnsinn, der gerade, weil er von sich selbst längst nicht alles, aber doch sehr viel weiß, die Konkurrenten zu infizieren oder zu stimmen vermag, weil schließlich die Konstituenten im Unbewussten unbarmherziger zuschlagen als jeder (fiktive) Willensakt das vielleicht tun könnte. Natürlich spielt sich das unternehmerische Handeln eines gut organisierten Spekulanten im Horizont von Ungewissheit ab, wobei der Futurisierung der eigenen Aktivitäten systemisch beziehungsweise systemkonform mit der wahrscheinlichkeitstheoretischen Kalkulation von Risiken begegnet wird. Und natürlich hofft unser lieber Mansfeld, dass die Würfelwürfe ihm gnädig sind und ihn gnädig stimmen und sein geliehenes Geld vermehren, um Schulden zu tilgen und zugleich zu vermehren, das heißt, der Idee der geschuldeten Schuld gerecht zu werden.» Dr. Markson, der den Posten eines creative psychologist bei der Commerzbank einnimmt, überhört den als gehässigen Kommentar auf sein intellektuelles Gesülze gedachten und doch galanten Low-Level-Rülpser Mansfelds; Dr. Markson, ein schlanker Mann, Mitte dreißig mit modischem, kurzem, silberblonden Haar, und buschigem, silberblonden Kinnbart und einem Gesicht, dessen Glätte die oft geschickt auftrumpfende Sanftmut des Psychologen weniger karikiert als zentral- und bloßstellt zugleich, weshalb er sprachlich den Modus der ersten Person Singular nicht zu häufig einsetzt, um etwa das Anbiedernde und zugleich Bedrohliche seiner Aussagen nicht zu extrem zu modulieren, so dass er eben nur ganz selten den unverschämten Exzentriker spielt, der er vielleicht auch ist, was jedoch die Funktion seines Kleinlaut-Seins schließlich nur noch stützt und multipliziert. »Man darf also zu dem Glück, das einem zufällt, getrost das Glück hinzurechnen, welches den richtigen Entscheidungen, zugegeben auch der exzellenten Personalpolitik desjenigen, der entscheidet, entspringt oder entspricht?« Mansfeld sagt diesen Satz, ohne das Wort Neugier anzuhängen, das bei ihm nur selten den Reiz inkludiert, etwas empörend Verlockendes oder Begeisterndes entdecken zu wollen, vielleicht ultraharten Sex, sondern meistens nur dem Reiz entspringt, den Berechnungs- und Finanzierungsmodellen seiner Mathematiker & Physiker folgen zu wollen, und seine Denkbilder, Sprachfragmente und Sprachfetzen erscheinen ihm selbst hier im Moment äußerst komprimiert und des Öfteren runzelt er zwanghaft die Stirn und erstaunlich selten spielt er heute mit der Fernbedienung für das Interstate-Multifunktionsgerät herum, das seine sechs Monitoren mit Daten, Informationen und Bildsequenzen aller Art speist. Tatsächlich, sagte Snaffu in einer der letzten Meetings in den Büroräumen von Mansfeld & Mansfeld im Bahnhofsviertel, der Super-Unternehmer Mansfeld konzipiere oder folge einer Praxeologie, die permanent in der Lage sei, das Glück zu korrigieren, allerdings unter Inkaufnahme der Möglichkeit des Scheiterns der verschiedenen Projekte, dennoch empfehle er Snaffu himself selbst gegen die untypischen Zweifel von Mansfeld ausdrücklich, einen Teil der Kursgewinne, die exakt am 25. Januar 2009 erzielt wurden, als drei Trader des Hedgefonds, da sowohl steigende Highs und Lows bei der Internetaktie Gangler gesichtet wurden, in eine Longposition einstiegen und den Trade mit Hilfe der Steuerung durch Candlestick-Charts durchzogen und sofort Teilsummen zugunsten langfristiger Anlagen in neue, exotische Immobilienprojekte an die Ränder des Globus verschoben, jawohl, er empfehle weiterhin in die Company Church of Sex zu investieren, zumindest würden die Andeutungen in Richtung einer strategischen Planung von Mansfeld selbst davon ausgehen (dessen scharfsinniges Denken, wenn es die strikte Ablehnung des dérive, des Treiben-Lassens, mitdenke, eine hochexplosive Marktpolitik unweigerlich nach sich ziehe, der selbst er allerdings manchmal nicht gewachsen sei), weiterhin Riesenpakte der Aktie von COS zu kaufen.

Bild: CC BY Azur_Medium

Mansfeld ficht das alles anscheinend nicht an, weil für ihn die Welt per se voller Optionen steckt, wenn er auch glaubt, dass er manchmal im Inneren einer Sprengmaschine hockt, deren Zündzeitpunkt, so Mansfelds exakte Berechnung, vielleicht mit seinem (un)wahrscheinlichen Tod zusammenfallen könnte, insbesondere, wenn er ins Innere der Nacht rast (erneuter affirmierender Einwurf von Dr. Markson: Ist Mansfeld nicht eins jener Exemplare, die in die Welt fahren, wie die Kugel in die Schlacht, ein in die Existenz geworfenes Projektil, das im Flug seine Fahrt orientieren, projektieren und programmieren muss, um inmitten des Fluges die eigene Kognition mit Wünschen aufzuladen/ zu verketten; im Fall von Mansfeld wäre vielleicht zu sagen, auch eine programmierte Fahrt in den helllichten Wahnsinn, der mit dem Dunkel der Nacht gleichauf liegt. Das erzwungene Denken korrespondiert mit der Existenz, und man kann sich nie sicher sein, auf welcher Existenzschicht bzw. in welchem Modus der Wahnsinn sich bei Mansfed gerade ansiedelt. Auf keinen Fall ist Mansfelds Existenz das Dunkel, das vom Licht der Aufklärung aufgehellt wird, vielmehr ist sein Leben eine irrsinnig grelle Offensivleistung. Als seriöses Vernunftsubjekt hält er in der Nacht immer ein drittes Auge offen).

Mansfeld unternahm lange vor dem gemeinsamen Fortsturz mit Chief K. in die Nächte des Bahnhofsviertels hinein schon zweifelhafte Exkursionen, die den Außenstehenden im unmittelbaren geschäftlichen Surrounding als vollkommen abwegig erscheinen mussten, denjenigen, die laut Mansfeld beständig auf der Suche nach dem Eigentlichen sind, das ihnen, einmal in ihrem (imaginären) Besitz, das Erreichen alles Wünschenswerten verbürgt, das jedoch den Wunsch, öfters als sie vielleicht bedenken, in formalistischen Gebilden und Fiktionen einfriert, und denen am vermeintlichen Fundort Hören und Sehen vergeht -, und es gibt derer so viele, die danach graben, immer tiefer und tiefer, bis sie im Loch feststecken und auf den warmen Regen warten, der sie wieder nach oben schwemmt, wie Würmer, die Mansfeld nicht interessieren, so wenig wie er sich für diejenigen interessiert, die über die Weltformel grübeln, mit der sie die Menge der Maikäfer in Waldmohrmichelbach im Jahr 2525 exakt berechnen können oder mit der sie die sexuelle Attraktionskraft Lara Crofts auf Sechstklässler oder auf Softwareingenieure nach Verabreichung einer handelsüblichen Dosis Mescalin abzuschätzen vermögen, ohne deshalb einer Axiomatik zu genügen, deren Aussagen sich von selbst verstehen, dass sie ohne Beweise behauptet werden können.

Nicht, dass Mansfeld die Erkenntnisse der exakten Wissenschaften oder der weniger exakten als unnütz abtut oder gar dem Denken an sich feindlich gegenübersteht, wie sonst wäre er zu seiner liebenswerten Spezialcreme gekommen, eine Mischung, die seit dem Jahr 2006 zu gleichen Bestandteilen aus Aztekensalbei, Kokain und Lidocain in einem der Labore Dr. Schönblicks im westlichen Teil der Stadt zusammengemixt wird. Dr. Markson hatte Mansfeld das Präparat vordergründig wegen dessen abrupt einsetzenden Cluster-Kephalagien im Bereich des rechten Auges und unter der rechten Schläfe verordnet, aber es stand auch zur Debatte, dass die Spezialsalbe namens goldener Windhund die Eliminierung von dessen furchtbaren Schmerzen forcieren könnte, verursacht durch ein Geschwür auf Mansfelds Rücken, das von der Sexualpraxis mit einer Prostituierten herrührte, die im Sudfass stundenlang auf seinem Rücken ritt, und glücklicherweise bewahrheitete sich in diesem Zusammenhang die Diagnose einer Syphilis dritten Grades nicht. Mansfeld wagt es im Augenblick nicht, die Spezialsalbe aufzutragen, vor allem nicht hinsichtlich der anstehenden Diskussion über Dr. Marksons wichtige Intrafeldstudie, die das interdisziplinäre Konkurrenzfeld von Bankersubjekten in die heterogenen Diskurse um das Börsenwissen einspannt, was sich mit dramatischen Folgen auch konkretisieren kann, wenn, wie im letzten Monat geschehen, eine große Anzahl an Hypotheken-Pools, die als Sicherheiten für CDOs und CMOs angelegt wurden, drastisch im Preis sanken wie die CDOs und CMOs selbst im Preis fielen, wobei die Großbank TGT. Infect total ein- oder fast wegbrach, weil die Streuung von Gerüchten innerhalb der Finanzbranche um kurzfristige Liquiditätsprobleme bei TGT. Infect genügte, dass ohne Ende margin calls auf TGT. Infect von anderen Konkurrenzbanken abgestoßen wurden und daraufhin massive Spill-Over-Effekte eintraten, die sogar weitere Großbanken zu killen drohten, alles nichts unbedingt weltbewegend Neues für Mansfeld, dessen Hedgefonds aufgrund von variablen Berechnungsmodellen und Risikomodellen sehr früh jede Geschäftsbeziehung zu TGT. Infect eingestellt hatte, was für Dr. Markson eigentlich auch kein Geheimnis sein müsste, und deshalb würde Mansfeld die Diskussion gerne so schnell wie möglich beenden, um die Spezialsalbe in seiner Privattoilette im 7. Stock des Walter-Beyer-Hauses at once aufzutragen, denn die amphetaminen Substanzen energetisieren defintiv seine luzide Wirklichkeit, verschaffen ihm stundenlang eine bemerkenswert energiegeladene Off-Persönlichkeit, die beispielsweise das spröde Zahlenmaterial, das Dr. Markson da gerade herunterbetet, total nebensächlich oder primitiv erscheinen lässt, zumal der blöde Clou bzw. der krudeste Teil der Analyse erst noch bevorsteht, wenn Dr. Markson nämlich auf die Krankheitskosten der stark neuronal ge- oder beschädigten Broker und Salesmanager zu sprechen kommt, deren immer extremer auftretenden ADHS oder Burnout-Symptome in Zukunft den massiven Aufbau neuer Klinikkomplexe erfordern könnten, wobei Dr. Markson auf dem von ihm gerne beackerten Gebiet neuronaler Erkrankungen die wesentlichen Finanzierungsfragen zur Regeneration von Hyperaktivitätsbestien vom Schlage Mansfelds erstmal auszuklammern bereit ist. Obwohl Mansfeld die Spezialsalbe meistens nur anlässlich deftigster Sexorgien aufträgt, sind die Sekundäreffekte des Salbenkonsums überhaupt nicht zu vernachlässigen, er will nicht sagen die Nebenwirkungen, deren zudem schräge Wechselwirkung sich aus der zusätzlichen Injektion von Wachstumshormonen ergibt, was zu schweren gesundheitlichen Schäden führen kann, Anzeichen einer Akromegalie wären da beispielsweise zu erörtern, oder die Deformatierung von Gesichtszügen, das leise Auseinanderrutschen der Zähne oder das metastatische, ja ekstatische Wachstum der inneren Organe, wodurch in Zukunft zu 100% Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten werden, auch ein vielfach erhöhtes Krebsrisiko ist eben auch nicht auszuschließen. Egal, wenn Mansfeld seinen Penis mit der Salbe bestreicht, ja, dann könnte er das ganze chinesische Volk, die Männer eingeschlossen, nageln.

Während Dr. Markson verzweifelt versucht, ein etwas lebendigeres non-binäres Kommunikationsumfeld in Mansfelds sonnendurchflutendem Büro mit Hilfe der Aktivierung von ausgestäubten Fliedergerüchen aus einem stark ventilierenden Duftgerät zu erzeugen, um  seine stinklangweilige Präsentation von Overhead-Folien mit dem laut quietschenden schwarzen Marker halbwegs erträglich zu machen, gleitet Mansfeld unwillkürlich wie jemand, der langsam und bedächtig ins aufregend eiskalte Wasser eintaucht, in das komplexe imaginäre Spannungsfeld hinein, dass ihn jetzt schon den Nachthimmel erahnen lässt, und er will heute des nachts ausnahmsweise nicht ausschließlich im Bahnhofsviertel ausgehen, um vielleicht die eigene Fantasie etwas mehr als sonst zu beschäftigen bzw. hervorzukitzeln, deren Friktionen in den Tabledance-Bars durch den Einsatz der Platinkreditkarte ja wie aus dem Nichts herbei und weg gezaubert werden können, vielleicht muss auch die Spezialsalbe plus vielleicht eine kleine Dosis bzw. die Injektion von Somatotropin der Fantasie etwas auf die Sprünge helfen, um der gottverdammten Absorption durch kurzfristig auftretende Apathie zu entkommen, die dem dérive bzw. dem Drift zur irenischen Neutralität manchmal gefährlich nahekommt, und Mansfeld gedenkt jetzt sofort, diese absolut nutzlose Diskussion mit Dr. Markson mental weit hinter sich zu lassen, und zwar allein schon wegen dessen unmittelbar bevorstehenden Dokumentation aktueller ADHS-Fälle, deren Symptomatiken ihn nur insoweit tangieren, als er die sicherlich unbewusste Modulation dieser Hyperaktivitätsstörungen längst für sich selbst eruiert hat, indem er die Hyperaktivität sozusagen an- und übertreibt, und natürlich weiß er, dass die fatale Harmlosigkeit von Dr. Marksons Ausführungen die Verharmlosung der Krankheitsgeschichten und Krankheitstheorien inkludieren, und darüber will er ausgerechnet jetzt nicht resümieren.

Bild: CC BY-NC-ND JaBB

 

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