Film-Chat: 96 Hours – Taken 2

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

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96 HOURS – TAKEN 2   (seit 11. Oktober in deutschen Kinos)

Wolf Jahnke: 96 Hours überraschte 2009 als knallharter, rasanter und brutaler Selbstjustiz-Actionthriller. Wie schlägt sich die Fortsetzung?

Michael Scholten: Liam Neeson als pensionierter US-Agent Bryan Mills gibt auch diesmal den knallharten Erziehungsberechtigten, muss aber nicht seine Tochter (Maggie Grace) retten, sondern seine eigene Haut und die seiner Ex-Frau (Famke Janssen). Dabei füllt er wieder mal etliche Leichensäcke mit bösen Albanern. Das ist ähnlich brutal wie im ersten Teil, aber die Überraschungen bleiben aus, weil er die Latte kaum höher legen konnte als im ersten Teil.

Wolf Jahnke: 96 Hours zeigt, wie ich finde, ein fragwürdig entmenschlichtes Feindbild. Teil 1 und 2 bekamen von der FSK dennoch eine FSK-16-Freigabe, während Charles Bronsons Ein Mann sieht rot auf dem Index schmort. Kann man „gute Selbstjustiz“ erklären?

Michael Scholten: Ich finde den ersten Teil brutaler und erinnere an den selbstgebastelten elektrischen Stuhl, mit dem Bryan Mills einen der Entführer seiner Tochter zu Tode brutzelt – auch nachdem der unter Folter alles gestanden hat, was er weiß. Keine Ahnung, ob in der FSK viele besorgte Eltern sitzen. Ich bin ja selbst seit Juli Vater und kann jetzt nachvollziehen, dass man bösen Männern das Hirn wegballert, wenn man dadurch sein eigenes Kind retten kann. So viel blutige Vaterliebe kannte man ja vorher nur von Arnold Schwarzenegger, als er in Phantom Commando seine Filmtochter retten musste. Und natürlich auch von Kiefer Sutherland in 24, wo seine entführte Tochter passenderweise auch Kim heißt. So wie Liam Neesons Filmtochter in den beiden Taken-Filmen.

Wolf Jahnke: Liam Neeson rettete als Oskar Schindler 1200 Juden das Leben, als Bryan Mills tötet er etliche Dutzend Albaner. In welcher Rolle ist er besser?

Michael Scholten: Hier kann man nicht von besser oder schlechter reden, weil es zwei vollkommen unterschiedliche Genres sind. Schindlers Liste ist Steven Spielbergs wichtigster „ernster Film“, es geht um den Holocaust und eine historische Person. Taken und die Fortsetzung sind zwei kleine schmutzige Filme aus der Massenfertigung von Frankreichs Akkord-Produzent Luc Besson. Taken erfüllt seinen Zweck, nämlich knallharte Action zu liefern, Liam Neeson besinnt sich auf seine alten Qualitäten als nordirischer Boxmeister und langt richtig zu. Oscar Schindler war in seiner Karriere die viel wichtigere Rolle, aber Bryan Mills macht ihm offensichtlich mehr Spaß.

Wolf Jahnke: Kauft man Liam Neeson den Ex-Agenten ab?

Michael Scholten: Ja, weil er eben nicht der gelackte junge Schönling ist, sondern Ecken und Kanten hat. Aber: Im ersten Teil verblüffte er durch kleine technische Tricks und viel Erfahrung, im zweiten Teil schwingt er sich zu einer Art Superheld auf, der für meine Begriffe jeden Ort etwas zu schnell findet, was die Sache nicht glaubwürdiger macht. Wenn die USA wirklich über solche Leute verfügen würde, dann wäre Osama Bin Laden noch vor dem Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers am 11. September 2001 gefasst worden – und nicht erst nach zehn Jahren erschossen worden.

Wolf Jahnke: Pierre Morel drehte Teil 1 und den großartigen „Parcour“-Actionreißer Ghettogangz, Olivier Megaton drehte Taken 2 und die eher schmierigen Colombiana und Transporter 3. Sieht man einen Unterschied zwischen beiden Teilen?

Michael Scholten: Megatons Fortsetzung bietet mehr Hochglanz und zeigt die heimliche Hauptdarstellerin, nämlich die Stadt Istanbul, als schicke Metropole zwischen der europäischen und asiatischen Welt. Das schmierige Paris des ersten Teils gefällt mir besser als die Postkarten-Idylle der Fortsetzung. Zudem setzt Megaton zuweilen auf absurd komische Elemente. Wenn zum Beispiel Bryans Tochter alle paar Minuten Handgranaten zünden soll, damit Mills durch die Schallwellen den Ort ermitteln kann, an dem er und seine Ex-Frau als Geiseln gehalten werden. Und wenn die Fahranfängerin Maggie, die schon durch drei Führerscheinprüfungen gerasselt ist, plötzlich im geklauten Taxi die fahrerprobten Verfolger abschütteln muss, dann ist das auch amüsant, aber filmhistorisch nicht ganz neu. Im ersten Teil, soweit ich mich erinnern kann, gab’s nix zu lachen. Weder für die entführten Mädchen noch für deren Eltern noch für die Zuschauer.

Wolf Jahnke: Ich lache ja gern mal, sofern links und rechts ordentlich getötet wird. Gibt es denn auch unvermeidliche Verfolgungsjagden über Teppich-Basare oder Döner-Messer-Kämpfe?

Michael Scholten: Und fliegende Teppiche? Nein. Die Basare spielen insofern eine Rolle, dass sie verwinkelt sind und die Flucht oder Verfolgung erschweren. Es gibt aber auch den Filmklassiker Verfolgung-über-Dächer, wofür sich Istanbul erstaunlich gut eignet. Witzig ist, dass die Türken allenfalls Statisten sind. Es geht ja in erster Linie um die Albaner, die auf Rache schwören, weil Mills im ersten Teil ihre Söhne, Brüder und Neffen zur Strecke gebracht hat. Dass das alles böse Jungs waren, wird als Entschuldigung angeführt, aber von den rachsüchtigen Verwandten nicht akzeptiert. Albaner sind im Film übrigens alle schlecht rasiert, brutal, und fahren Mercedes. Letzteres stimmt sogar, wie ich vor ein paar Jahren bei einem Albanien-Urlaub feststellen durfte.

Wolf Jahnke: Soll ich für Taken 2 ins Kino gehen oder kannst Du mir einen anderen Selbstjustiz-Reißer auf DVD empfehlen?

Michael Scholten: Die bessere Alternative zu Taken 2 im Kino ist ganz klar der erste Taken auf DVD. Wer beide Filme noch nicht kennt, sollte sich an der Originalität und Brutalität des ersten Teils erfreuen. Teil 2 ist dann “More of the Same”, nur doppelt so teuer und bildgewaltiger produziert, aber nicht zwingend besser.

Wolf Jahnke:
Luc Besson hat schon zum Kinostart des zweiten Teils angekündigt, dass es keine weitere Fortsetzung geben soll. Ist das in Deinem Sinne?

Michael Scholten: Ja, denn es gab schon für die erste Fortsetzung keinen triftigen inhaltlichen Grund. Luc Besson hatte das Luxusproblem, dass der erste Teil knapp das Zehnfache seiner Produktionskosten von 25 Millionen Dollar wieder eingespielt hat. Da ist es kommerziell sinnvoll, noch mal nachzulegen. Die Idee, die Verwandten der Opfer des ersten Teils als Racheengel loszuschicken, ist akzeptabel und sorgt anfangs auch für emotionale Momente. Aber am Ende sind’s halt doch die tumben und unbelehrbaren Albanerdödel, die nix lernen wollen und dafür dezimiert werden. Weißt Du, was mich übrigens richtig nervt?

Wolf Jahnke: Was denn?

Michael Scholten: Die deutsche Titelpolitik! Der englische Titel Taken war gut und passend, weil es ja um entführte Teenager ging. In Deutschland hieß der Film aber – ebenfalls auf Englisch – 96 Hours, Bezug nehmend auf die Zeitspanne, in der die durch Drogen gefügig gemachten Mädchen gefunden werden müssen, weil sie danach an Zuhälter und Kunden verkauft sind und kaum noch gefunden werden können. In der Fortsetzung spielen diese 96 Stunden keine Rolle. Und nun heißt der Film in Deutschland 96 Hours – Taken 2. Kranker geht’s kaum.

JAHNKE & SCHOLTEN 17.10.2012 

 

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