Film-Chat: Ein Colt für alle Fälle – und die 80er Jahre

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

 

EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE und die 80er Jahre

Wolf Jahnke: Eigentlich war ich froh, als die 80er endlich vorbei waren, doch dann ging es mit Helmut Kohl, den Scorpions, David Hasselhoff und ersten Revival-Parties einfach weiter. Auch im 21.Jahrhundert leben die 80er durch vermeintlichen „Kult“ wie „Ein Colt für alle Fälle“ weiter. Du hast ja auch durchgesetzt, dass wir die Serie in unserem Actionbuch aufgreifen. Ist das reine Nostalgie oder hat Colt Seavers irgendeine kulturgeschichtliche Relevanz?

Michael Scholten: Naja, in meinem Leben hat Colt ganz eindeutig die Relevanz, mich in meiner Jugend etliche Vorabende an den Fernseher gefesselt zu haben. Ich glaube, Stunts und Action habe ich damals eindeutig über diese Serie defininiert, weil es ansonsten im deutschen Fernsehen ja allenfalls die Verkehrserziehung “Der 7. Sinn” gab.

Wolf Jahnke: Klingt irgendwie nach „Wir hatten ja nichts!“ Worin liegt denn der Reiz, das heute noch zu gucken?

Michael Scholten: Der Charme ist weiterhin vorhanden, auch wenn ich mit zunehmendem Alter immer kritischer auf die grottenschlechten Rückprojektionen reagiert habe, wann immer Lee Majors mehr schlecht als recht in Actionsequenzen bestehender Hollywood-Filme montiert wurde. Andererseits waren die Rückpros bei vielen alten James-Bond-Filmen genauso schlecht. „Ein Colt für alle Fälle“ fiel bei mir zeitlich mit dem ersten VHS-Rekorder meiner Familie zusammen. Da habe ich die einzelnen ZDF-Folgen nicht nur aufgezeichnet, sondern die Actionszenen auch gern in selbstgemachten Zeitlupen geschaut.

Wolf Jahnke: Wenn ich heute in eine alte “Dallas”-Folge gerate, denke ich „Um Gottes Willen!“ und „Warum hab ich die Zeit damals nicht besser genutzt und Schularbeiten gemacht oder Stricken gelernt?” Ich fand früher auch “Das A-Team” schrecklich. Gibt’s bei Dir denn gar keine Reue?

Michael Scholten: Nein. Im Gegenteil. Was ist schon Stricken gegen die Sprünge, die Colt Seavers mit seinem Pick-up GMC Sierra Grande absolviert hat? Ein Fan hat sich die Mühe gemacht, für ein Video auf Youtube ALLE diese Sprünge zusammenzustellen. Wenn ich diesen Clip sehe, der mit dem original Titelsong unterlegt ist, bekomme ich Gänsehaut. Streng genommen, habe ich und hat meine ganze Generation (ich bin Jahrgang 1971) die Serie wegen dieser Sprünge und Stunts geschaut. Ich hatte einen halbwegs vergleichbaren Wagen auch als Matchbox-Auto. Und ich habe es – wen wundert’s? – sehr viel springen lassen. Hast Du die Serie denn nie geschaut?

Wolf Jahnke: Ich kann mich daran erinnern, “Wickie und die starken Männer” ganz gesehen zu haben, bin mir aber sicher, keine einzige Folge “Ein Colt für alle Fälle” gesehen zu haben. Beim “A-Team” habe ich versucht, ein oder zwei Folgen zu gucken, fand es aber furchtbar. Kürzlich sah ich zufällig “Dirty Harry kehrt zurück” und “Ein Mann sieht rot 3”, deren Faschismus ich heute belächeln kann, insbesondere, wenn die harten Kerle einem das mit schlechten Witzchen oder einem pinkelnden wie pupsenden Hund als Buddy verkaufen wollen. Ich sah letztens “Lockout”, ein “Klapperschlange”-Rip-Off von Luc Besson, in dem der Held die Präsidententochter aus der Gewalt von Schwerverbrechern in einer Raumstation retten muss. Der Held sagt keine komplexen Sätze, sondern haut immer nur einen Spruch raus. Da fiel mir auf, wie sehr ich diesen nihilisitschen-schnodrigen Heldentypus zuletzt vermisst habe.

Michael Scholten: Colt hatte auch immer einen launigen Spruch auf den Lippen. Rückblickend, war das ganz klar eine Kinderserie bzw. eine Serie auf Kinderniveau. Colts Cousin Howie war ja auch ganz klar als welpenhaft dusseliger Kindskopf angelegt. Und Jodie war die Schulschönheit. Dass sie in jedem Vorspann im blauen Bikini auftauchte, ist vermutlich der Grund dafür, dass ich früher mal kurz auf Blondinen stand. Ist aber lang her… Und Heather Thomas sieht heute nicht mehr aus wie Heather Thomas. Dass ich sie unlängst auf Youtube in einer aktuellen Talkshow sah, hat mir deutlich weniger Freude bereitet als der besagte Clip mit den Autosprüngen.

Wolf Jahnke: Launige Sprüche können auch gut nach hinten losgehen. Deshalb frage ich ja nach der Relevanz. Carpenters Helden passten vermutlich perfekt in die „apokalyptische“ Welt des Kalten Krieges, kamen danach aber aus der Mode. War Colt denn nur der Clown für den Kindergeburtstag, an dem heute auch noch Kinder Spaß haben sollten?

Michael Scholten: Ja, ein Clown für alle Fälle. Da war nun wirklich keine politische oder historische Botschaft drin á la Thomas Magnum, der in vielen Folgen noch sein Vietnam-Trauma beackern musste, was aber bei den deutschen Ausstrahlungen in der ARD eh rausgeschnitten oder bei der Synchronisation ausgemerzt wurde. Colt Seavers war die sinnfreie TV-Antwort auf nicht minder sinnfreie Kinokost wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ und „Auf dem Highway ist die Hölle los“. Die Produzenten hatten ja auch erst geplant, Burt Reynolds als Colt Seavers zu besetzen, aber der war zu erfolgreich und zu teuer, sodass man halt Lee Majors fragte, der als “Der 6-Millionen-Dollar-Mann” schon seine Serienreife bewiesen hatte. Kurze Gegenfrage: Welche Botschaft siehst Du denn heute in “Alarm für Cobra 11?”

Wolf Jahnke: Es soll nicht so klingen, als ob ich eine Botschaft bräuchte. Mich interessiert grundsätzlich der Reiz einer Sache. “Cobra 11” ist bestimmt nicht für den autofreien Sonntag oder für die Mehrwertsteuersenkung, aber neben dem Zirkus-Entertainment mit fliegenden Autos, lebt es ja von der anarchistischen Note der beiden Helden und hat das sympathische Credo der „Vernunft zur Unvernunft“. Bei “Derrick” ging’s immer sehr gesittet zu, was in dieser Konsequenz auch seinen deutschen Charme hat. Aber zu wissen, dass der Typ mit dem Mantel jeden Fall löst, hat’s nicht gerade hochspannend gemacht. Was mich bei “Schlitzohr” und “Highway” genauso wie bei “Superman” stört, ist dieses amerikanische Heldentum, das den Helden so unantastbar und so wenig spannend macht. Oder tue ich Colt damit Unrecht?

Michael Scholten: Ich finde nicht, dass er unantastbar ist. Er steckt ja viele Schläge ein, schon allein von Berufs wegen. Aber er trägt’s mit Humor, was Colt für mich eher zu einem frühen Vorläufer von Bruce Willis alias John McClane aus den “Stirb Langsam”-Filmen macht. Der steckt auch mehr weg, als gesund ist, und macht es einem leicht, ihn zu mögen, weil er cool und amüsant ist und dank einer gewissen Lausbübigkeit seinen Gegnern auch noch in scheinbar ausweglosen Situationen überlegen ist.

Wolf Jahnke: War eigentlich mal ein Kinofilm geplant?

Michael Scholten: In den 80er Jahren, glaube ich, nicht. Aber es gab vor ein, zwei Jahren die Idee eines Remakes. Das möchte ich aber genauso ungern sehen, wie ich das Remake vom “A-Team” gesehen habe. Das war ein schlechter Film, der auf einer mittelguten Serie basierte. Colt würde auf einer, in meinen Augen, besseren Serie basieren, wodurch die Fallhöhe und somit meine Enttäuschung über einen schlechten Kinofilm viel größer wäre. Wer soll, bitteschön, Colt Seavers spielen? Die Rolle war mit Lee Majors perfekt besetzt. Da will ich heute keinen Hollywood-Schnösel in derselben Rolle sehen. Okay, die Stunts, Explosionen und Crashs, die man heute aus anderen Filmen übernehmen und in den Film schneiden könnte, wären um Klassen besser. Aber ohne den (jüngeren) Lee Majors will ich mir das Remake gar nicht vorstellen. Und wenn dann noch ein 2013er Automodell an Stelle des ollen Pick-ups aus den 80ern zum Einsatz käme, wäre meine Entscheidung GEGEN den Kauf einer Kinokarte eh vorprogrammiert. Gab es, jenseits von David Hasselhoff, irgendjemanden, der die Fernseh-Neuauflage von “Knight Rider” gut fand? Eben.

 

Auszug aus gemeinsam das Buch“Die 199 besten Actionfilme & -Serien” von Wolf Jahnke und Michael Scholten im Schüren-Verlag:

Ein Colt für alle Fälle

OT: The Fall Guy. USA 1981–1986. 5 Staffeln mit 112 Folgen á 45 Min. Idee: Glen A. Larson. Titellied: «The Unknown Stuntman» gesungen von Lee Majors. D: Lee Majors (Colt Seavers), Douglas Barr (Howie Munson), Heather Thomas (Jody Banks), Markie Post (Terri Michaels). DVD: 20th Century Fox.

Unknown Identity

Colt Seavers ist Stuntman und arbeitet zwischen seinen Filmjobs als Kopfgeldjäger für eine Firma, die Kautionen für Angeklagte stellt. Wenn diese Leute abhauen, müssen Colt, sein Cousin Howie und das Stuntgirl Jody die Gesuchten mit mindestens einer heftigen Verfolgungsjagd wieder vor Gericht bringen.


Der Eintrag in einem Fanforum spricht Bände: „Diese Serie erzeugte in mir Testosteron-Schübe, als ich noch nicht mal wusste, was dieses Testosteron überhaupt ist.“ Ob die vorpubertäre Körperreaktion aufs Konto der blonden Stunt-Schönheit Jody Banks alias Heather Thomas im blauen Bikini ging oder ob die Verantwortung bei den serienmäßig eingebauten Rekordsprüngen von Colt Seavers Pick-up GMC Sierra Grande lag, ist nicht überliefert. Fest steht aber, dass dieser verfilmte D&W-Autozubehörkatalog den Nerv des vorwiegend männlichen Publikums mit einer Punktlandung traf. Auf dem Höhepunkt PS-starker Kinohits wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ und „Auf dem Highway ist die Hölle los“ wollte Produzent Glen A. Larson eigentlich Burt Reynolds als Star einer Serie verpflichten, doch der war zu teuer und zu beschäftigt. So ging die Titelrolle an Lee Majors, der von 1974 bis 1978 schon mit „Der 6-Millionen-Dollar-Mann“ seine Serienreife bewiesen hatte. Der Vorspann und die Serie selbst sind gespickt mit markanten Stunts, die man günstig aus Kinofilmen «stehlen» und durch nachgedrehte Szenen mit den Serienstars ergänzen konnte.

JAHNKE & SCHOLTEN 06.11.2012 

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