Film Chat: James Bond 007 – Skyfall

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

 

James Bond 007: Skyfall

Wolf Jahnke: Der neue Bond wurde unermüdlich als der beste Bond aller Zeiten angekündigt. Bands bringen auch immer das beste oder härteste Album aller Zeiten raus… Selbst schuld, wer so eine Gequatsche glaubt, ich empfand Skyfall als große Enttäuschung.

Michael Scholten: Enttäuscht war ich nur vor dem Hintergrund, dass ich nach den ganzen Vorschusslorbeeren ebenfalls den besten Bond aller Zeiten erwartet habe. Der Film lief erst am 16. November bei uns in Kambodscha an, bis dahin hatte ich schon viele Lobhudeleien aus Deutschland und dem Rest der Welt gelesen. Als ich die Pre-Title-Sequenz sah, war ich optimistisch, dass das in der Tat ein großartiger Film wird: Motorräder auf den Dächern von Istanbul, ein Jeep, ein Audi, fünf VW Beetle, ein Zug, ein Bagger – das wirkte wie eine Außenwette von Wetten, dass…?, für die das ZDF die GEZ-Gebühren eines kompletten Jahres verprassen durfte.

Wolf Jahnke: Istanbul war ein Vergnügen, auch Shanghai bot aufregende Action vor einer aufregend schön diffusen Nachtlichterkulisse. Dann wurde es langsam lahm und fast schon albern. Der Film wollte partout ganz großes Drama mit Mutterkomplexen sein und setzte zeitgleich auf vermeintlich coole Sprüche wie: “Fertig?” – “Ich war schon fertig, als Du geboren wurdest.” Dazu kamen postmodern-lustige Bond-Anspielungen, was aber alles nicht zusammen passte und deswegen nervte.

Michael Scholten: Obwohl ich großer Asien-Fan bin, hat mich vor allem der Filmteil in Shanghai enttäuscht. Der Anschlag und der Zweikampf in der Neon-Atmosphäre des Hochhauses wirkte gewollt künstlicher als jeder überstilisierte Bond-Vorspann. Besonders schlimm fand ich das Bond-Girl Bérénice Marlohe als Sévérine. Sie wird in meiner Wahlheimat Kambodscha gefeiert, weil sie Khmer-Französin ist. Aber im englischen Original, das ich hier in Phnom Penh gesehen habe, hat sie einen furchtbaren Akzent, gepaart mit dem schauspielerischen Untalent einer Diane Kruger. Ich find seit jeher Bond-Girls dämlich, wenn das nur x-beliebige Models statt richtiger Schauspielerinnen sind. Zudem wird in Skyfall mal wieder bewiesen, dass “Hollywood” meint, Asiatin sei gleich Asiatin. Was soll die Kambodschanerin denn in Shanghai? Das passt optisch überhaupt nicht.

Wolf Jahnke: Bérénice Marlohe ist mir als Bond-Girl nicht sonderlich aufgefallen, und ich wusste nicht, was sie mir trotz ihrer tragischen Hintergrundgeschichte erzählen sollte. Plötzlich ist sie gefesselt und mit Bond auf einem Boot auf dem Weg zum Bösewicht. Als sie erschossen wird, macht Bond einen zynischen Kommentar. Klar hat 007 schon immer zynisch-witzige Sprüche rausgehauen, aber meist galten die den Bösewichtern. Hier wird aber eine Unschuldige erschossen und er garniert das mit einem blöden Spruch. Ich will nicht zu sehr in Details wühlen, aber das hat mich echt gestört.

Michael Scholten: Wie fandest Du den Blondie-Schurken?

Wolf Jahnke: Javier Bardem ist eigentlich immer ein Gewinn für einen Film, aber dieser Ex-Agent und Superhacker ging mir etwas hilflos zwischen Hannibal Lector, Julian Assange, Dieter Bohlen und dem Joker verloren. Am Ende kommt der noch per Hubschrauber angeflogen und spielt per Lautsprecher einen Rock’n‘Roll-Song. Damit jeder merkt, dass der Typ „crazy“ ist, wird’s auch noch gesagt und wie bei RTL2 doppelt und dreifach erklärt.

Michael Scholten: Javier Bardem fand ich völlig verschenkt. Und die blonden Haare ließen ihn wie einen unehelichen Sohn von Rolf Eden und Gabriele Kraft aussehen. Daniel Craig hat den Bond-Charakter wieder realistisch, hart und glaubhaft werden lassen, da ist es für mich umso unverständlicher, dass der Bösewicht diesmal so eine Karikatur sein soll, wie es sie nicht mal in den abgehobenen späten Pierce-Brosnan-Bond-Filmen gab. Fehlbesetzt fand ich auch Ralph Fiennes, der in der ersten Hälfte des Films so wirkt, als wolle er selbst Bond sein, das aber nicht sein darf, weil er inzwischen zu wenig Haare auf dem Kopf hat. Ich will hier nichts vom Ende des Films verraten – aber dass wir ihn nun künftig wohl noch öfter in der Reihe sehen werden, bereitet mir keine Freude. Q als jungen Computer- und Gadget-Nerd mit BritPop-Frisur fand ich auch nicht gut. Mit einer schwarzen Miss Moneypenny kann ich dagegen noch am ehesten leben. Um mal was Nettes zu sagen: Daniel Craig und Judi “Mutti” Dench fand ich gut. Richtig gut.

Wolf Jahnke: Ich will jetzt nicht auch noch das Gute madig machen, aber 007 und M fand ich im vielgescholtenen Quantum of Solace richtig klasse. Immerhin führt hier Sam Mendes Regie und man erwarten irgendwas  ganz Tolles. Aber eigentlich fällt ihm nicht viel ein, außer, dass er Albert Finney zur schottischen Witzfigur macht und M auf McGyver und Kevin allein zu Haus-Level schraubt. Wenn ich länger darüber nachdenke, ist das auch ‘ne Leistung.

Michael Scholten: An Kevin allein zu Haus musste ich witzigerweise auch denken, als M(cGyver) und 007 und der lustige Schotte, der mich an den Riesen aus Harry Potter erinnerte, ihr Herrenhaus verteidigen wollen. Ich denke, die Erwartungen an Mendes (immerin ist er der erste Oscar-Gewinner, der jemals einen Bond-Film inszenierte) waren zu hoch. Mich hat überrascht, dass die Actionsequenzen richtig deftig und klasse waren, egal ob in Istanbul, im Gerichtssaal oder im (angeblichen) Schottland. Dagegen fiel der zu erwartende Arthouse-Teil deutlich ab: ein Mix aus Blabla, Vergangenheitsbewältigung und Psycho-Schurke. Wirf mir vor, dass ich oberflächlich bin, aber am Ende zählt für mich auch bei einem Bond-Film eben doch nur die Action. Bond-Film ist wie Porno-Film: Dialoge sind zweitrangig.

Wolf Jahnke: Tiefgründigkeit hinter der schillernden Fassade ist schön, aber letztlich nehm ich lieber den Comic-Bond und hoffe, dass der nächste mit dem neugesteckten Claim stumpf rumst. Skyfall ist für mich einer der schlechtesten Bonds, ohne ein wirklich schlechter Film zu sein.

Michael Scholten: So hart ziehe ich mit Skyfall nicht ins Gericht. Er ist streckenweise gutes Popcorn-Kino, das zwischen der Action leider mehr sein will als gutes Popcorn-Kino. Ich finde schade, dass Martin Campbell offenbar immer nur dann Regie führen darf, wenn es einen neuen Bond-Darsteller einzuführen gilt. GoldenEye fand ich ebenso großartig wie Casino Royale. Da stimmt der Actionanteil und für die Dialoge muss man sich nicht schämen, weil sie weder zu stumpf noch zu hochgeistig sind. Meinetwegen dürfte Martin Campbell immer oder zumindest oft Regie führen. Vermutlich verhandeln die Produzenten für Daniel Craigs vierten Bond aber schon mit Hark Bohm…

Wolf Jahnke: Der eher umnscheinbare Campbell hat die “Frischenzellen”-Kuren sehr gut gemeistert. Unterm Strich hab ich mich selbst in dem dusseligen Im Angesicht des Todes besser amüsiert als bei Skyfall.

Michael Scholten: Ich befürchte, den Produzenten ist es völlig egal, was wir hier in Berlin und Phnom Penh über ihr Werk tippen. Skyfall ist erfolgreich wie schon lange kein Bond mehr. Und letztlich bin ich froh, dass die Reihe auch nach 50 Jahren noch kein Ende findet. Da kommt bestimmt noch so manche positive Überraschung auf uns zu. Daniel Craig macht seine Sache gut. Und obwohl er in einigen Einstellungen nun wirklich aussieht wie Boris Becker, schaue ich mir noch gern ein paar Bond-Filme mit ihm an. Angeblich bekommt er für die nächsten beiden Einsätze ja 20 Millionen pro Film.

Wolf Jahnke: So isses wohl: Egal, wie sehr wir uns ärgern, wir werden in zwei oder drei Jahren eh wieder den nächsten Bond gucken.

 

JAHNKE & SCHOLTEN 21.11.2012 

Bild: Sony

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