Film-Chat: American Diner

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

 

American Diner (USA 1982)

Michael Scholten:Vor 30 Jahren lief Dein erklärter Lieblingsfilm, Barry Levinsons American Diner, in den amerikanischen Kinos an. Beschreib doch mal bitte Dein eigenes Leben im Jahr 1982. Wie war es mit 13 Jahren im westfälischen Lengerich?

Wolf Jahnke: Lengerich bedeutete Kleinstadtleben in einer bäuerlichen Industriestadt mit zwei Kinos und dem ersten Video-2000-Rekorder in der Straße. Es war nicht die Stadt, die niemals schläft.

Michael Scholten: Waren die gealterten Filmjugendlichen aus dem Baltimore des Jahres 1959 das Ventil, das Du in Deiner Teenager-Zeit brauchtest?

Wolf Jahnke: Absolut. Allerdings habe ich den Film erst mit 18 Jahren gesehen, als er am 30. November 1987 erstmals in der ARD lief. In diesen fünf Jahren hatte sich Lengerich aber auch nicht sonderlich weiterentwickelt.

Michael Scholten: Was war und ist das Besondere an American Diner?

Wolf Jahnke: Eins vorab: Lass uns lieber vom Originaltitel Diner sprechen. Der deutsche Titel American Diner war eine plumpe Anbiederung an American Graffiti. Ich mag an Diner, dass darin ein weitgehend homogener Freundeskreis zusammensitzt und nicht die für Hollywood-übliche dramaturgisch zusammengewürfelte Clique unterschiedlicher Teenie-Typen, wie zum Beispiel in St. Elmo’s Fire, dessen Figuren im wahren Leben niemals Freunde wären, sondern eher Feinde. In Diner kommen alte Schulfreunde immer wieder zu Weihnachten nach Hause, hängen zusammen rum und schlagen die Zeit tot. Mit Autofahren und Gequatsche über Frauen, Musik und Filme. Das ist eine herrlich unspektakuläre Schilderung dieser typischen Jahresendstimmung: Baltimore war wie Westfalen und umgekehrt.

Michael Scholten: Was sind die magischen Momente des Films, die unterm Strich seinen Kultstatus ausmachen?

Wolf Jahnke: Shrevie, gespielt von Daniel Stern, schreit seine Frau, Ellen Barkin, an und fleht geradezu darum, dass sie ihn fragt, was auf der B-Seite einer 7“-Vinyl-Single ist. Sein Kumpel Fenwick, Kevin Bacon, tut ihm später den Gefallen und stellt die Frage. Toll ist auch die Diskussion, ob Frank Sinatra oder Johnny Mathis besser ist, woraufhin Boogie, Mickey Rourke, lapidar „Presley!“ sagt. Und zu guter Letzt: Eddie, Steve Guttenberg und Billy, Timothy Daly, hängen in einem Strip-Schuppen ab, dessen müde Show Billy irgendwann durch eine Jerry-Lee-Lewis-artige Musikummer aufpeppt, zu der Eddie mit einem Showgirl tanzt.

Michael Scholten: Autor und Regisseur Barry Levinson hat in Interviews gern erzählt, dass in jeder seiner Hauptfiguren auch ein bisschen von ihm und seiner eigenen Jugend steckt. In welcher Figur hast Du Dich wiedererkannt?

Wolf Jahnke: In dem manischen Schallplattenfreak Shrevie, der seine Plattensammlung liebt, sie sortiert, jede B-Seite kennt und das alles leider extrem ernstnimmt. Aber im Laufe meines Lebens habe ich mich auch zum Glück in den Problemen der anderen Figuren wiedergefunden. Der Film wirkt auf mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, anders. Das ist ja das Tolle an ihm.

Michael Scholten: Du lädst jedes Jahr Freunde zu einem Diner-Abend ein. Ich war zu unserer gemeinsamen Berliner WG-Zeit immer verhindert. Was habe ich verpasst?

Wolf Jahnke: Du hast Männer beim fröhlichen Altern verpasst. Als der Film vor 25 Jahren in der ARD lief und somit drei Jahre vor der verspäteten deutschen Kinoauswertung, habe ich ihn auf Video-2000 aufgezeichnet. Während des Studiums in Münster traf ich Kommilitonen, die ihn auch kannten und mochten. So kam die Idee, den Film gemeinsam zu schauen, bevor wir uns vor Weihnachten trennten. Stilecht gab’s viel Whisky-Cola und hinterher noch Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug. Das wurde dann zum jährlichen Ritual, wobei wir uns irgendwann auf Diner konzentrierten, weil wir uns das Jahr über immer seltener sahen und dann entsprechend viel zu erzählen hatten.

Michael Scholten: Wenn Diner inhaltlich ein Weihnachtsfilm ist, warum läuft er im deutschen Feiertagsprogramm nicht so gebetsmühlenartig wie Stirb Langsam und Der kleine Lord?

Wolf Jahnke: Keine Ahnung. In den USA wird der Film mittlerweile als einer der wichtigsten Filme der 80er Jahre gehandelt, aber bei uns gibt es ihn nicht mal auf DVD. Dabei trifft er perfekt den Zwischen-den-Jahren-Ton und sollte mindestens genauso oft im Fernsehen laufen wie Drei Nüsse für Aschenbrödel.

Michael Scholten: Steve Guttenberg, Mickey Rourke, Kevin Bacon, Ellen Barkin… Ist es Zufall, dass die Darsteller allesamt ein paar Jahre nach Diner richtig bekannt wurden, aber heute in Hollywood kaum noch was zu melden haben?

Wolf Jahnke: Guttenberg ist der perfekte Trottel, den heute wirklich keiner mehr braucht. Bacon sehe ich jedoch als einen der besten Darsteller unserer Zeit, der in ehrenwerten Dramen tätig ist, wie Eastwoods Mystic River, aber auch in Gerümpel wie X-Men – Erste Entscheidung ein Lichtblick war. Rourke brannte in den 80er Jahren lichterloh als großer Mime in gewagten, großartigen Filmen wie Rumble Fish und Angel Heart und ist heute immer noch eine Show, obgleich er sich zweifelsohne selbst ruiniert hat. Schlimm verlief in meinen Augen die Karriere von Levinson. Er war so ein cooler Regisseur, wurde dann aber nach dem Oscar für Rain Man furchtbar spießig.

Michael Scholten: Denkst Du, dass Diner heute noch mal funktionieren könnte, wenn Levinson neue junge Talente in einen Imbiss setzen würde und sie über ihr Leben philosophieren ließe?

Wolf Jahnke: Das Großartige an Diner ist die Spontanität, die den Film nicht altern lässt. Er scheint mir fast unreflektiert, vergleichbar mit dem ersten Album einer Band, die nur ein Experiment ist und nicht weiß, was sie tut, bis sie dann spätestens ab dem dritten Album die bewährte Erfolgsmasche liefert. Diner fand seine inoffizielle Fortsetzung in Clerks und Pulp Fiction. Da wird das Labern zur Action und das popkulturelle Gerede wird als wichtige Wirklichkeit anerkannt. So schön ein Remake wäre: Vermutlich würde man nur alten Säcken bei gestelztem Pseudo-Weltschmerzgelaber zuhören müssen.

Michael Scholten: Geradezu legendär ist die Diner-Szene, in der Mickey Rourke im Kino sein bestes Stück durch eine Öffnung im Popcornbecher steckt und wartet, bis seine neue Bekanntschaft versehentlich danach greift. Hast Du das selbst mal ausprobiert?

Wolf Jahnke: Nein. Die Parallelen zwischen Rourkes Figur und mir beschränken sich darauf, dass wir beide unser Jura-Studium abgebrochen haben.

Michael Scholten: Du musst jetzt ganz stark sein, weil ich weiß, wie sehr Du Musicals aller Art hasst: Laut Internet Movie Data Base arbeitet Barry Levinson an einer Bühnenmusical-Version von Diner. Soll ich Dir schon mal ein Premierenticket sichern?

Wolf Jahnke: Tja, habe ich nicht gerade was über Levinsons spätes Spießertum gesagt? Ich weiß noch, wie Menschen in den 80er Jahren vor Kinos demonstrierten, um gegen Die rote Flut oder Rambo 2 zu protestieren. Es ist wieder Zeit! Wenn Diner zum Musical wird, initiiere ich gern einen Protestmarsch und laufe ganz vorne mit.

JAHNKE & SCHOLTEN, 29.11.2012

Bild: Archiv

 

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