Film-Chat: Django Unchained

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

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DJANGO UNCHAINED

Wolf Jahnke: Django Unchained ist in Deutschland mit Riesenerfolg angelaufen. Du hast ihn in Phnom Penh auch schon gesehen: Warum ist der Film so heiß?

Michael Scholten: Er ist eine großartige Wundertüte voller schöner Überraschungen: Christoph Waltz ist in seiner zweiten Tarantino-Rolle nach Inglourious Basterds mal wieder ein Traum. Und Drehbuchideen wie die völlig sinnfreie Diskussion über die Kapuzen von Don Johnsons Ku-Klux-Klan sind der Hammer schlechthin. Außerdem ist seit Lucy Lius Schwertkampf in Kill Bill in keinem Tarantino-Film so viel Blut gespritzt wie durchgehend in Django Unchained. Das ist Splatter á la früher Peter Jackson. Ich habe einen Western erwartet, aber einen Streifzug durch die Filmgeschichte bekommen.

Wolf Jahnke: Bei Inglourious Basterds rechnete man mit einem Remake der Inglorious Bastards und „Mission-Movies“ wie Das dreckige Dutzend, doch dann kam alles ganz anders. Wie verhält sich der Streifen zum Original-Django?

Michael Scholten: Ich kann mich nur noch sehr vage an die Italowestern mit Franco Nero erinnern. Aber da es ja in Django Unchained vorrangig um Sklaverei in den Südstaaten Amerikas geht, dürften die Parallelen eher gering sein. Franco Nero hat einen kurzen Gastauftritt im Film. Er sitzt neben Django (Jamie Foxx) an der Bar und lässt sich dessen Namen buchstabieren. Als Django drauf hinweist, dass das D stumm sei, sagt Nero lapidar: „Ich weiß.“

Wolf Jahnke: Trägt der neue Django keinen Sarg mit einem Maschinengewehr hinter sich her?

Michael Scholten: Nö. Er trägt allerlei Waffen, die ihm Christoph Waltz als deutscher Zahnarzt gibt. Und er trägt zunächst alberne Klamotten. Das ist noch so ein schöner Tarantino-Dialog: Eine Sklavin, die den freien Django über eine Plantage führt, kann nicht begreifen, dass ein befreiter Sklave freiwillig so ein albernes blaues Märchenprinzenkostüm trägt.

Wolf Jahnke: Wie macht sich Jamie Foxx als schwarzer Django?

Michael Scholten: Er hat die Titelrolle, aber die heimliche Hauptrolle spielt Christoph Waltz. Angeblich soll Tarantino das Drehbuch für Will Smith geschrieben haben. Der lehnte die Rolle aber ab. Ich kann verstehen, dass er nach so vielen guten Parts, in denen seine schwarze Hautfarbe keine Rolle spielte, keinen Bock darauf hatte, einen befreiten Sklaven zu mimen, der in einem fort von der Gesellschaft diskriminiert wird. Mit Will Smith als Django hätte die Rolle vermutlich einen ironischen Unterton bekommen, der sich am Ende mit den heiteren Einlagen von Christoph Waltz gebissen hätte. Insofern ist Jamie Foxx bestimmt die bessere Besetzung, da er die Rolle dezenter ausfüllt.

Wolf Jahnke: Freitag war ich noch bei Deutschlands Pop-Export-Erfolg Kraftwerk in deren Heimatstadt Düsseldorf. Wie schlägt sich Waltz als deutscher Kopfgeldjäger aus Düsseldorf?

Michael Scholten: Er dominiert diesen Film. So wie er in Inglourious Basterds alle an die Wand gespielt hat, tut er es auch hier. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er wird im etwaigen Sequel wohl kaum in dieser Rolle auftauchen können, was aus meiner Sicht ein Sequel von vornherein ausschließt. Auf Deutsche Welle habe ich heute einen Ausschnitt aus Django Unchained in deutscher Synchronisation gesehen und leider auch gehört. Im Gegensatz zum englischen Original, das ich in Kambodscha gesehen habe, geht da viel verloren. Waltz als Arzt mit deutschem Akzent ist dann doch noch mal eine andere Hausnummer als Waltz in seiner Eigensynchronisation mit leicht österreichischem Akzent. Was mich sehr interessiert: Was sagen die Leute eigentlich in der deutschen Fassung, wenn im Original hundertfach vom „Nigger“ die Rede ist? In einer Zeit, in der aus Kinderbüchern wie Pippi Langstrumpf der „Negerkönig” und aus Die kleine Hexe jeder “Neger” gestrichen wird, kommt der Film mit seinem rassistischen Vokabular natürlich zu einer höchst sensiblen Zeit.

Wolf Jahnke: Dazu habe ich noch nichts gehört. In Tarantinos Jackie Brown wurde es bei „Nigger“ belassen.

Michael Scholten: Witzigerweise spielt ausgerechnet Samuel L. Jackson in Django Unchained den größten „Nigger“-Hasser. In Jackie Brown und vielen anderen Filmen war gerade er die coolste Sau auf der Leinwand, aber diesmal gibt er den griesgrämigen Opa mit weiß gefärbten Augenbrauen. Er sieht nicht nur nicht aus wie Samuel L. Jackson, er spielt auch komplett gegen sein sonstiges Image an, was in diesem Fall leider gar nicht gut ist. Er und seine Rolle sind für mich die einzige wirklich große Enttäuschung in diesem Film. Umso besser, dass Will Smith nicht auch noch mitgespielt hat. Dann hätten wir zwei solcher Fälle von Fehlbesetzung.

Wolf Jahnke: Nochmal „Wir Deutschen“. Tobey McGuire spielte in Ride With the Devil schon einen Cowboy mit explizit deutschen Wurzeln, dann gibt’s noch Oskar Schindler, Graf von Stauffenberg und Hugo Stiglitz. Werden wir Wende-Deutschen nach Jahrzehnten des Film-Nazi-Daseins jetzt die Vorzeige-Guten?

Michael Scholten: So weit würde ich mich nicht aus dem deutschen Fenster lehnen wollen. Waltz‘ Charakter in diesem Film ist ja eher einem Comic entsprungen als dass er eine nationale Identität zum Ausdruck bringen sollte. Man merkt ab der ersten Minute ganz deutlich, dass Tarantino einfach nur eine neue coole Rolle für Waltz schreiben wollte. Der Typ spricht mit Akzent, quatscht genauso lange Opern wie sein Landa aus Inglourious Basterds und knallt gern Leute ab. Im ersten Film tut er das, weil er Juden hasst, im zweiten Film, weil er damit als Kopfgeldjäger sein Geld verdient. Anfangs empfindet man ihn deshalb noch als kaltblütig, aber schon beim zweiten Toten, vor dem Saloon, hat er seinen Freibrief, da er ja nur die Bösen tötet, die der Staat „tot oder lebendig“ haben will. Waltz ist im Film aber kein Westernheld, sondern ein lustiger Laberheld. Und das ist auch gut so.

Wolf Jahnke: Wie schlägt sich Leonardo DiCaprio im Film?

Michael Scholten: Dass sich Leonardo DiCaprio und Christoph Waltz im Film die Wort- und Kugel-Gefechte liefern, ist insofern interessant, als Tarantino die Rolle des Landa in Inglourious Basterds mit DiCaprio besetzen wollte. Der konnte oder wollte nicht, deshalb begann das große Casting und somit die späte Hollywood-Karriere von Christoph Waltz. Leonardo DiCaprio, den ich nach wie vor für einen der besten Schauspieler unserer Zeit halte, macht seine Aufgabe – nicht weiter überraschend – gut. Einmal spielt er sich so sehr in Rage, dass ihm die Splitter eines Glases die Hand aufschlitzen. Er hat beim Dreh einfach weitergespielt – und Tarantino hat diese authentische Szene mit großer Freude in den Film genommen. Zum Schluss interessiert mich noch: Warum ist der original Django eigentlich in die Filmgeschichte eingegangen? Ich fand Clint Eastwoods Spaghetti-Western immer cooler als das Gesamtwerk von Franco Nero.

Wolf Jahnke: Das ist halt ein guter Film. Wie gesagt, der zieht einen Sarg hinter sich her und hat darin ein MG, mit dem er den Bodycount in die Höhe treibt. Das ist, finde ich, cooler als der Cowboy ohne Namen auf dem Muli mit ‘ner kleinen Knarre. Eastwood muss im Bus zahlen, Django nicht! Hat denn Django Unchained das Zeug zum Kultfilm?

Michael Scholten: Den Kultfaktor halte ich langfristig für eher gering. In 20 Jahren wird man Tarantino weiter in einem Atemzug mit Pulp Fiction und meinetwegen auch mit Kill Bill und Inglourious Basterds nennen, aber frühestens im dritten Atemzug mit Django Unchained oder Jackie Brown. Doch da wir ja im Hier und Jetzt leben, sollte man Django Unchained unbedingt in den nächsten Tagen und Wochen auf der großen Leinwand sehen und jeden Moment mit Christoph Waltz genießen.

JAHNKE & SCHOLTEN

Bilder: Sony Pictures

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