Film-Chat: The Last Stand

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

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The Last Stand

Wolf Jahnke: Arnold Schwarzenegger, der vielleicht größte Actionstar aller Zeiten, ist wieder da. In The Last Stand gibt er den Kleinstadtsheriff. Ich habe bislang nur den Trailer gesehen. Da stürzt er in eine Bar, fällt zu Boden und antwortet auf die Frage, wie er sich fühlt, nur lapidar: “Alt!”

Michael Scholten: Die Antwort fand ich das Witzigste am Trailer. Und nachdem ich den Film nun gesehen habe, muss ich sagen, dass das auch leider die witzigste Szene in einem ansonsten unwitzigen und komplett enttäuschenden Film ist.

Wolf Jahnke: Versucht sich der Film als archaischer Neuanfang und als moderner Western oder ist das nur eine vermeintlich lustige Hommage auf Schwarzenegger und seine früheren Filme?

Michael Scholten: Das Tragische ist, dass der Film so billig wirkt und vermutlich auch war wie die frühen Schwarzenegger-Vehikel á la Phantom Kommando. Nachdem er in den Jahren vor seiner politischen Karriere immer wieder neue Budget-Rekorde aufgestellt hat (Terminator 2 war ja seinerzeit der erste Film, der über 100 Millionen Dollar kostete), hatte ich gerade für sein Hollywood-Comeback etwas richtig Großes erwartet. Aber The Last Stand wirkt wie ein Low-Budget-Film, bei dem das einzig richtig teure Teilstück vermutlich Schwarzeneggers Gage war.

Wolf Jahnke: Für die Regie wurde immerhin der Südkoreaner Kim Jee-woon geholt. Der Trailer sah nach B-Ware aus, die sich ins Kino verirrt hat. Gibt es denn bemerkenswerte Momente?

Michael Scholten: Ich war ja ebenfalls voller Hoffnung, gerade weil die asiatischen Regisseure gern mal Hollywood mit überraschenden Momenten aufpeppen. Aber hier habe ich mehr Ungereimtheiten entdeckt als zuletzt beim Remake von Red Dawn. Warum ist der flotte Wagen des flüchtigen Drogenbosses angeblich schneller als jeder Hubschrauber, wird dann aber ewig von einem Hubschrauber aus der Luft begleitet? Warum fährt das SWAT-Team gemütlich über den Freeway anstatt mal eben mit dem Privatjet Richtung Grenze zu düsen? Warum können der alte Arnold, der fehlbesetzte Johnnie Knoxville, ein paar Strauchdiebe und ‘ne Oma die bösen Jungs aufhalten, während die Spezialkräfte nicht dazu in der Lage sind? Und warum kann tagelang eine Brücke über einen Canyon zwischen US-und-Mexiko-Grenze gebaut werden, ohne dass das einer merkt und ohne dass da mal eben ein Kampfjet hinfliegt und das Ding mit einer einzigen Rakete plattmacht? Ich erinnere an Arnolds Kampfjet-Einlage aus True Lies, bei der er immerhn die Brücken der Florida Keys pulverisiert.

Wolf Jahnke: Schade. Ich fand ja auch schon Schwarzeneggers Rückkehr in The Expendables nicht so toll. Das war irgendwie spaßig, aber ich sehe die beiden Teile eher als Gags denn als gute Filme. Gestern habe ich The Expendables 2 auf DVD geschaut und fand Schwarzenegger alt und geschminkt.

Michael Scholten: Ich fand The Expendables und die Fortsetzung eigentlich ganz gut, eine augenzwinkerndes Denkmal, das sich die alten Recken der 80er selbst schufen, und das zugleich kompromisslos hart rüberkam.

Wolf Jahnke: An Expendables gefiel mir vieles nicht: CGI-Action mit Pixel-Blut und schlecht getricksten Hubschraubern, das Ganze ist so hektisch montiert, dass man den Überblick verliert, Stallone und Statham haben für mich keine Chemie, die sichtlich alten Herren sind mit maskenhaften Gesichtern auf der Leinwand unterwegs. Die Actionfilme der 80er Jahre, so mies sie auch waren und sind, leben davon, dass sie “echt” sind. Aber bei The Expendables ist einfach alles falsch. Ich hab mich ja durchaus amüsiert, die Gaga-Auftritte von Norris und Willis mochte ich, aber das ist dann halt wie ein lustiger Showabend und kein cooler Film. Dolph Lundgren muss für doofe Witze herhalten, wie sie die Amis gern und oft auf Kosten von Ausländern machen. Man hätte Lundgren auch cool in Szene setzen können, so wie es Universal Soldier 4 tut.

Michael Scholten: Universal Soldier ist auch reaktiviert worden? Wann? Und warum?

Wolf Jahnke: Schon Universal Soldier 3 wurde vom John Hyams gedreht,  Sohn des Genre-Meisters Peter Hyams. Er setzt auf straighte, harte Action mit solidem Frankenstein-Plot. Der 4. Film ist fast schon Action-Arthouse mit Enter the Void-Einlagen, die Kamera ist sensationell und am Ende wird Jean-Claude van Damme wie Marlon Brando in Apocalypse Now inszeniert. Auch Dolph Lundgren funktioniert als Übermensch, dazu brilliert Scott Adkins als Fighter und Familienvater.

Michael Scholten: The Expendables 2 fand ich besser als den ersten, bei dem vor allem der kurze Gastauftritt von Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger enttäuschte. Den flotten Auftakt von The Expendables 2 fand ich klasse. Das war wie Der Soldat James Ryan ohne Hanks, Spielberg und Normandie, aber vergleichbar intensiv und hart. Wenn in The Last Stand einem alten Farmer der Kopf weggeblasen wird (was in der deutschen Fassung, glaube ich, in dieser Deutlichkeit von Blut, Hirn und Knochensplittern nicht zu sehen ist), werte ich das als bewusste Anlehnung an die knallharten Einschussszenen von John Rambo und The Expendables. In The Last Stand wirkt diese Brutalität wie ein Fremdkörper, weil ja ansonsten alles lustig und übertrieben daherkommt. Ich finde, der Film ist nicht mal ein “moderner Western”. Django Unchained, der gerade zu Recht erfolgreich in den Kinos läuft, ist ein moderner Western und letztlich viel zeitgenössischer als der in der Gegenwart spielende The Last Stand. Dessen Figuren sind drüber, die Geschichte unausgegoren. Kein Wunder, dass er zunächst in den USA gefloppt ist und jetzt auch in Deutschland nur 75.000 Zuschauer in der ersten Woche hatte. Ich hoffe, dass die Zukunft bessere Filme bereithält für den Ex-Terminator und Ex-Gouvernator.

Wolf Jahnke: Vielleicht kann ja McClane die Ehre der alten Actionhelden retten?

Michael Scholten: Auf den fünften Teil von Stirb langsam bin ich wirklich gespannt, auch wenn ich keinen Stirb langsam-Film jemals wieder so gut fand wie den ersten. Im Trailer zum fünften Teil hatte ich unseren Deutschen Sebastian Koch vermisst. Dieser Tage stand er groß in der “Bild am Sonntag”, zwar mit schwachem Interview, aber mit coolem Foto. Ob er mit Bruce Willis gleichauf sein wird, müssen wir sehen. Aber wenn der fünfte Teil ein paar Einfälle hat wie die Szene aus Teil 4, in der McClane den Hubschrauber mit einem Polizeiwagen vom Himmel schießt, dann bin ich schon perfekt bedient.

Wolf Jahnke:  Die Hard 4 .0 war für mich schon eher ein richtiger, ernst zu nehmender Actionfilm. Umso mehr bin ich auf den fünften Teil gespannt. Der Trailer ist super. Da scheinen echte Autos zu explodieren und kein Nerd am heimischen Computer Spezialeffekte zu basteln. Mein Stadtkino bietet die lange Nacht mit allen fünf Filmen an. Die will ich sehen und hoffe nur, dass ich noch nicht zu alt für diesen Job bin.

 

JAHNKE & SCHOLTEN

Bilder: © Twentieth Century Fox

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