Film-Chat: Homeland

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

HOMELAND (Sat.1)

Wolf Jahnke: Nach zwei erfolgreichen Staffeln in den USA und etlichen Lobeshymnen aus aller Welt ist Homeland Anfang Februar nun auch in Sat.1 und somit in Deutschland angelaufen. Wie bist Du denn im fernen Kambodscha darauf aufmerksam geworden?

Michael Scholten: Auf sehr vertrackten Wegen. Im Internet und auf Facebook habe ich schon seit Monaten die positiven Meldungen verfolgt, aber richtig neugierig wurde ich erst nach einem gemeinsamen Frühstück mit dem ersten deutschen Botschafter in Kambodscha, als dieser jetzt 20 Jahre später wegen der Feuerbestattung von Königsvater Norodom Sihanouk nach Phnom Penh heimkehrte. Herr Lerke war bei unserem Treffen leicht übermüdet, weil er seinen Wecker auf vier Uhr Ortszeit gestellt hatte, um über irgendeine TV-App auf seinem iPhone live die erste Folge von Homeland in Sat.1 sehen zu können. Ich sagte ihm, dass er künftig nachts durchschlafen könne, weil es in Kambodscha schon beide Staffeln als raubkopierte DVD-Boxen gibt. Also gingen wir ins Einkaufscenter und kauften für eine Handvoll Dollar beide Staffeln für ihn und beide Staffeln für mich.

Wolf Jahnke: Ich habe die ersten Folgen gesehen und muss gestehen, dass ich sie sehr behäbig finde. 24 und manch andere US-Serie gefallen mir deutlich besser.

Screenshot (Detail) Website sat1.de

Michael Scholten: Mir geht es genauso. Ich fand die Pilotfolge sehr sehenswert und die Handlung interessant, auch die Cliffhanger-Rechnung der ersten Folgen ging durchaus auf. Aber inzwischen habe ich die komplette erste Staffel in drei Nachtschichten gesehen und muss sagen: Das letzte Drittel zieht sich enorm in die Länge, viele Ideen wirken halbgar, die Jazzmusik nervt immer mehr und ich wünschte mir eigentlich nur noch, dass es bald vorbei war.

Wolf Jahnke: Ist der U.S. Marine Nicholas Brody denn nun ein Schläfer und Terrorist oder nicht?

Michael Scholten: Das werde ich hier nicht verraten. Aber: Claire Danes wird später durch eine Bombemexplosion bekloppt und ab da wirkt ihr zuvor angenehmes und glaubhaftes Spiel nur noch aufgesetzt und unerträglich. Nach der ganzen Kritik, die vor Jahren die 24-Macher für die völlig überflüssige Amnesie von Jack Bauers Frau einstecken mussten, halte ich es für eine Frechheit, in Homeland mit einer vergleichbar blöden Idee zu nerven. Das ist einer Serie, die so viele Lorbeeren ernten durfte, schlicht und einfach unwürdig.

Wolf Jahnke: Wieviel „War on Terror“-Movies erträgt die Welt eigentlich noch – bzw. braucht der Rest der Welt außerhalb der USA?

Michael Scholten: Ich denke, die USA braucht diese Filme Psychiater-Couch-Ersatz. Wir Deutschen haben ja stattdessen Guido-Knopp-Dokumentationen und Bruno Ganz mit Hitlerbärtchen in Bernd Eichingers Der Untergang. Ohne die Diskussion groß verfolgt zu haben, gehe ich mal davon aus, dass Homeland nicht weniger Islam-Feindlichkeit vorgeworfen wurde als vielen Staffeln von 24. Mein Eindruck ist: Wann immer den Autoren von Homeland die Ideen ausgingen, schickten sie ihre Hauptfigur Brody in die Garage, ließen ihn auf den Teppich nieder und Arabisch murmeln, damit auch der dümmste Zuschauer merkt: Huihuihui, dieser Moslem jagt gleich Amerika in die Luft! Unterm Strich ’ne ganz billige Jahrmarktnummer.

Wolf Jahnke: Bigelows Osama-Film werde ich noch gucken, aber nur aus Interesse an ihrem Werk. Lieber wäre mir mal wieder ein Kracher von ihr nach einer frei erfundenen Geschichte. Fällt Dir trotzdem ein trifftiger Grund ein, was mich als Deutscher an Homeland begeistern soll? Ich kenne ein paar Volkgenossen, die die Serie super finden.

Michael Scholten: Man muss der Serie auf jeden Fall zu Gute halten, dass sie ein Hohelied der Schauspielkunst ist. Wir haben uns in vielen deutschen Produktionen inzwischen so sehr an schlechtes Schauspiel gewöhnt, dass uns das Untalent vieler Knallchargen oft gar nicht mehr auffällt. Der Vergleich mag hinken, aber als ich vor Jahren mal ein paar Wiederholungen der Schwarzwaldklinik sah, fiel mir gleich auf, wie verdammt gut damals die ausgebildeten Schauspieler ihre Rollen ausfüllten und ihre Textzeilen mit Leben erfüllten. Bei Homeland ist das genauso. Wenn Claire Danes nicht gerade einen an der Waffel hat und wenn Damian Lewis nicht gerade den verkappten Moslem raushängen lassen muss, kaufe ich denen die gespielten Figuren tatsächlich ab. Richtig klasse und der wahre Star des Formats ist für mich Mandy Patinkin als väterlicher CIA-Freund. Wenn dieser vollbärtige Charakterkopf als Saul auftaucht, fiebere ich regelrecht mit. Der Mann ist mir zuvor nie aufgefallen, aber ich hoffe, ihn noch sehr oft in anderen Serien und gern auch in Kinoproduktionen zu sehen.

Wolf Jahnke: Patinkin kannte ich aus verschiedenen Filmen der 80er. Aus dessen Garde sind ja viele wie Powers Boothe in Deadwood, Jon Lithgow, Peter Weller und Keith Carradine in Dexter wieder am Start und einfach großartig. Gibt es jenseits der Schauspieler noch Pro-Argumente?

Michael Scholten: Aus Sicht der Amerikaner sind es sicherlich die Nacktszenen, die vor allem im ersten Drittel auffallend häufig sind. Egal ob Brodys Ehefrau, das blonde Callgirl im CIA-Dienst oder die nächste Gespielin des Saudi-Prinzen: Jede muss mal ihre nackten Brüste in die Kamera halten, damit dem US-Zuschauer klar wird, dass er eine Serie auf einem Bezahlsender schaut, weil dergleichen ja im öffentlichen Fernsehen der USA undenkbar wäre. Als deutscher Zuschauer nimm man es halt hin – und wünscht sich mitunter etwas mehr Volumen… Die Kameraarbeit ist die bewährte aus 24, was nicht weiter überrascht, da die Macher ja dieselben sind, nur dass sie nach Jack Bauers Pensionierung einen neuen Stoff brauchten und den in dieser israelischen Serie fanden, aus der sie ein amerikanisches „War on Terror“-Stück machten. Auch das Production Value von Homeland ist hoch und sogar einer durchschnittlichen Kinoproduktion ebenbürtig. Da wirkt nichts wie Kulisse, sondern alles wie „on location“ gedreht. Durchaus ein Augenschmaus mit guten Schauspielern in guter Umgebung, aber für zwölf Folgen reicht die Grundidee dann am Ende doch nicht, zumal Splitscreen und fortlaufende Uhrzeit in 24 spannende Stilmittel waren, die Homeland nicht zur Verfügung stehen. Witzig finde ich, dass bei den 24-Machern offenbar jeder Schwarze in Führungspositon David heißen muss. Damals war das der angehende und später gewählte US-Präsident David Palmer, diesmal ist es der sehr charismatische CIA-Boss David Testes.

Wolf Jahnke: Willst Du denn noch die zweite Staffel von Homeland schauen? Da soll es ja plötzlich rasant zur Sache gehen.

Michael Scholten: Ich bin inzwischen bei Folge 7 angekommen und finde, dass die zweite Staffel genau den Schwung hat, den ich am Ende der ersten Staffel schmerzlich vermisst habe. Es wurden auch schon allerlei Fragen beantwortet, die Staffel 1 offengelassen hatte. Und: Claire Danes darf in ihrer Rolle als Agentin ab einem gewissen Zeitpunkt auch wieder normal sein, was mich wahrscheinlich noch mehr freut als sie selbst. Damals fand ich auch die zweite Staffel von 24 viel besser als die erste, weil sie das Konzept aufgriff und weiterführte, aber deren Unsinnigkeiten durch bessere Einfälle und mehr Action ersetzte. Ich bin guter Dinge, langfristig auch bei Staffel 3 am Start zu sein – wann auch immer die in Kambodscha als Raubkopie verramscht wird. Noch rasch ein Wort zu meiner Verteidigung: Es gibt in meiner Wahlheimat überhaupt keine Möglichkeit, an Original-DVDs zu kommen. Das will ich lieber ausdrücklich betonen, bevor irgendwann Claire Danes und ihre CIA-Mannschaft in meiner Mietwohnung stehen und meine Regale leerräumen. Copyright-Verletzungen sind ja in Hollywood bestimmt eine größere Freveltat als Landesverrat.

JAHNKE & SCHOLTEN

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