Filmchat: Hänsel und Gretel – Hexenjäger

Wolf Jahnke
Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

Hänsel und Gretel – Hexenjäger

Wolf Jahnke: Fantasy war lange Zeit „out“. Als Terry Gilliams im Jahr 2005 Matt Damon und Heath Ledger als The Brothers Grimm auf Hexenjagd schickte, war das alles andere als ein Welterfolg. Nun kommen Hansel & Gretel: Witchhunter in die Kinos. Hat Dir der Film Spaß gemacht und ist das was für die Ewigkeit, so wie die Vorlage?

Michael Scholten: Ich fand den Film großartig. Schon jetzt eine der schönsten Überraschungen des Kinojahres 2013. Die Märchenvorlage wird schnell in der Pre-Title-Sequenz abgefrühstückt und stark verknappt, dann beginnt der Spaß mit perfekten Drehbuchideen und hervorragenden Darstellern. Gemma Arterton als Gretel ist heißer als der Ofen im Knusperhaus, Famke Janssen ist mit und ohne Hexenmaske gut, Jeremy Renner mimt lakonisch den coolen Hänsel, der als Kind mit zu viel Süßem gemästet wurde und jetzt unter Diabetis leidet. Mit einer abenteuerlichen Spritze muss er sich ständig Insulin in die Venen jagen, damit er beim Hexenjagen nicht schwächelt.

Wolf Jahnke: Klingt ja nach gutem Pfefferkuchen-Popcorn-Kino. Ist es denn „nur“ oberflächliche Action oder hat der Film, wie auch die Grimmschen Märchen, eine Moral? Die Original-Märchen sind in ihrer „Aussage“ oft sehr hart und haben mich im besten Sinne an die Twilight Zone und deren Pointen erinnert.

© Paramount Pictures Germany

Michael Scholten: Und die Moral von der Geschicht: es gibt keine! Es geht wirklich nur um Wald-und-Wiesen-Gaudi und das ungehemmte Abfeuern von Ideen, die irgendwo zwischen Horror, Grusel, Märchen und Splatter liegen und gekonnt mit den Jahrhunderten spielen. Seit Ritter aus Leidenschaft ist das der erste Film, der alte Zeiten mit modernen Gimmicks mischt und dabei nicht dumm und aufgesetzt wirkt. Die Waffen der Hexenjäger wirken modern, bestehen aber aus Material, das es auch zu Zeiten der Grimm-Brüder gegeben hat. Man hätte nur drauf kommen müssen, sie zum Maschinengewehr oder zur seitwärts schießenden Armbrust zusammenzubasteln.

Wolf Jahnke: Ich will ja nicht als lustfeindlich gelten, aber mit den meisten Modernisierungen komme ich nicht klar. Nicht, weil es neu ist, sondern weil mir ganz persönlich Vertrautes fehlt. Das Geheimnis des verborgenen Tempels mit dem jungen Sherlock Holmes mochte ich vor vielen Jahren wiederum, obwohl andere da lautstark „Sakrileg!“ riefen. Snow White and the Huntsman hätte mir im letzten Jahr auch gut gefallen, wenn der nicht so unendlich lang gewesen wäre, da zig Sachen zigfach erzählt wurden – eine CGI-Waldschildkröte, noch ne CGI-Waldschildkröte, da noch ne CGI-Elfe. Sind Hänsel und Gretel denn wenigstens „Es war einmal in Germanien“? Im US-Original ist Hänsel ist ja ein Hansel…

Michael Scholten: Sogar der Wald ist deutsch. Ich muss gestehen, dass ich beim Abspann über die ganzen deutschen Namen gestolpert bin und erst dann begriffen habe, dass quasi der ganze Film im Studio Babelsberg und in deutschen Wäldern entstanden ist. Das Team war zu großen Teilen deutsch, der Regisseur ist Norweger, das Ergebnis ist Hollywood in Reinkultur. Da sieht man aber wieder, dass man auch in Potsdam international konkurrenzfähiges Kino drehen kann, sofern man 50 Millionen Dollar zur Verfügung hat.

Wolf Jahnke: Stimmt, der Norweger Tommy Wirkola hat ja auch Dead Snow mit Nazi-Zombies gedreht, Teil 2 folgt bald. Die Skandinavier haben ja generell viel Spaß an Nazis wie in Iron Sky und Frostbite. Von daher frage ich nochmal, ob es in Hansel & Gretel: Witchhunter irgendwelche inhaltlichen deutschen Bezüge gibt. Das ist ja kein Muss, aber ich freue mich halt über sowas. Was wäre Stirb langsam ohne Alan Rickman in der Rolle eines Deutschen, der in der Originalfassung „Jürgen, schieß den Fenster“ sagt?

Michael Scholten: Hm, ich kann mich an keine Nazi-Hexen oder Ähnliches erinnern. Das ist ein Märchenwald, die Dörfer und Einwohner wirken wie im Mittelalter, aber explizit deutsch wirkt das alles weniger. Eher wie ein Euro-Pudding, aber diesmal ein leckerer.

Wolf Jahnke: Einst hatte Disney die Märchen der Brüder Grimm fest im Griff, in den 80er Jahren gab es so traurige wie erfolglose Grimm-Verfilmungen der Chuck Norris-Filmfirma Cannon. Jetzt leben die Brüder mit  Schneewittchen und Hänsel und Gretel wieder auf, während in der Fernsehserie Grimm ein moderner Nachfahre der alten Märchensammler übernatürlichen Phänomenen auf den Grund geht. Sind die Grimms plötzlich wieder hip oder dank geringer Verfilmungsrechtegebühren dran?

Michael Scholten: Naja, hip sind die Grimm Brüder natürlich immer, sonst hätten sich ihre Geschichten nicht über Jahrhunderte gehalten. Es ist doch sehr dankbar, einen Stoff, den nahezu jeder kennt, als Grundlage für einen Film zu nehmen. Das ist ja das Prinzip wie bei einer Parodie. Je mehr man, trotz aller Überspitzung, vom Original wiedererkennt, desto größer ist der Spaß. Und dass der obendrein nix kostet, weil die Rechte an den Storys Allgemeingut sind, dürfte die Studios umso mehr freuen.

Wolf Jahnke:
Was bleibt denn im Film überhaupt noch vom original Märchen über?

Michael Scholten: Außer dem Titel und der Grundkonstellation Bruder und Schwester versus Hexe so gut wie gar nichts. Insofern kann man hier kaum von einer Grimm-Verfilmung sprechen. Die sieht man allenfalls in den ersten fünf Minuten, wobei die Maske der Hexe und die Deutlichkeit ihres Todes schnell deutlich machen, dass es sich um keinen Märchen- oder gar Kinderfilm im klassischen Sinne handelt. Mit den lieben Kleinen sollte man dann doch lieber die starbesetzten ARD-Degeto-Märchenfilme schauen. Auch wenn die aus Elternsicht bei weitem nicht so viel Spaß machen wie Hänsel und Gretels moderne Splattervariante.

Wolf Jahnke: Von den ARD-Degeto-Märchenfilme weiß ich wiederum nix. Ich vermute mal, nix verpasst zu haben! Wo wir grad bei deutschen Märchen sind, Ottfried Preußler ist gestorben – leider war unsere deutscher „Harry Potter“ als Film ziemlich vermurkst. Wer die Grimm-Bücher zu Hand nehmen will, sollte „Gevatter Tod“ lesen – das hat was von Twilight Zone und Final Destination. Im Trailer von Hänsel und Gretel sieht man die Hexen auf Besen durch den Wald flitzen, wie einst die Stormtroopers in Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Welche Szene muss man gesehen haben?

Michael Scholten: In puncto Action ist die Verfolgungsjagd mit den Besen in der Tat der Höhepunkt. Nett finde ich den Vorspann, in dem die Zeitspanne zwischen der Kindheit von Hänsel und Gretel und ihrem Dasein als professionelle erwachsene Hexenjäger in Form von Holzschnitt-artigen Zeitungsberichten gerafft wird. Das ist einer von vielen gelungenen Versuchen, die Zeitebenen miteinander zu verschmelzen. Gleich darauf wird das Verschwinden der Kinder eines Dorfes durch Suchmeldungen auf alten Milchflaschen dargestellt, was ich auch nett finde. Genre-Fans kommen aber vor allem dann auf ihre Kosten, wenn Hänsel und Gretel ihre großartigen Waffen zücken und mit jeder Art von Munition nicht gerade sparsam umgehen. Wenn die Hexen im Kugelfeuer des Maschinengewehrs in Stücke platzen, wirkt das wie eine Hommage an den jungen Peter Jackson, als er Neuseeland noch nicht zu Hobbingen und Mittelerde umfunktioniert hatte.

JAHNKE & SCHOLTEN

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere