Nicolaus Wackerbarths dritter Spielfilm hat es in sich: vordergründig geht es um eine Entlarvung der bis zur Unmenschlichkeit bizarren Strukturen im Film- und Fernseh-Geschäft. Tatsächlich zeichnet der Film jedoch ein Porträt unserer Gesellschaft, das düsterer kaum ausfallen könnte.

Das Geschehen: eine junge Regisseurin will / darf fürs Fernsehen ein Remake von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) realisieren. Drehstart soll in fünf Tagen sein. Noch hat sie keine Hauptdarstellerin. Sie lässt mehrere Schasupielerinnen vorsprechen. Und kann sich für keine von ihnen entscheiden. Schließlich wird über ihren Kopf hinweg entschieden …

Wie in Fassbinders Film, der auf einem Theatertstück von ihm selbst basiert, werden Machtstrukturen vorgeführt, das Wechselspiel von sich-klein-machen und auf-anderen-herumhacken. Viele Szenen wurden improvisiert. Man hat den Eindruck, wirklichen Ereignissen beizuwohnen. Klug: so aufgeregt die Protagonistinnen oft auch sind, so unaufgeregt mutet die Erzählhaltung an. Das verstärkt die ohnehin große Intensität noch einmal. Sentimentalität kommt dabei nicht auf, allenfalls Zorn.

Keine Nabelschau, kein Kunst-contra-Kommerz-Disput, wenn der Aspekt auch reinspielt. Vor allem geht es darum (und das gelingt), den Zuschauer zum Überdenken eigenen Verhaltens zu bringen, sich zu fragen, ob sie oder er sich – oder andere! – nicht schon viel zu oft klein gemacht hat, um nur ja keinen Vorteil zu verlieren. Moralisieren in bestem Sinn!

Peter Claus

Bild: SÜDWESTRUNDFUNK | Dreharbeiten zum SWR Fernsehfilm „Casting“ – Der improvisierte Fernsehfilm von Nicolas Wackerbarth spielt hinter den Kulissen einer Filmproduktion

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