Mehr motivlos statt frech
Wer hätte das für möglich gehalten – im Kinojahre 2008 des Herrn sind Filmemacher in der gesinnungstechnisch adäquaten Lage, um das längst totgeglaubte Genre des Heimat- und Schnulzenfilms wiederauferstehen zu lassen. Diese buntgefärbte mit lebensoptimistischer Intention versehene cineastische Idee wäre einer der größten Filmflops aller Zelluloid-Epochen geworden, hätte Ute Wieland es versäumt moralingetränkte Urbilder deutscher Idealvorstellungen über unseren fleißigen braven und sensiblen Nachwuchs mit einer paradoxen Substanz aus 68er Lebensrealität und den Synergieeffekten gegenwärtiger Multimedialität audiovisuell geschickt zu verarbeiten. Dafür spricht der mit Bravour getimte Einsatz von Zeichentricksequenzen und Split-Screen – „Berlin Berlin“ mit seiner liebenswürdig-chaotischen Comicheldin Lolle lässt grüßen! Die 16-jährige Hauptdarstellerin deutsch-russischer Abstammung Emilia Schüle als schwärmerisch verliebte Schülerin Mila hebt samt Laptop vom Sofa ab, während sie an diesem ein Liebesgedicht an den jungen Schulreferendar Pit Winter (David Rott) tippt. Der leiht ihr während des Biologieunterrichts prompt seinen grauen V-Ausschnitt-Pulli, da Mila von ihrer Mitschülerin Vanessa mit voll Pflanzenresten durchtränktem Wasser beschüttet wird. In ihrem naiv-verträumten Teenie-Status agiert Schüle zwar authentisch, passt aber mit ihrer verbürgerlichten ‚Aus guten Hause‘-Manier nicht ganz in die Diegese des Films. Die gewohnten Problem- und Konfliktlinien von Jungs wie Mädchen dieses Alters nähern sich lediglich im Anbahnungsmodus dem Betrachter.
Worauf genau sich der lapidare Filmtitel bezieht bleibt einem individuellen Hinterfragen überlassen. Sind die der Narration zu entnehmenden Mädchen rein umgangssprachlich frech oder bezieht sich diese semantische Miniaturform kausal auf die soziale Kommunikation der weiblichen Teenager unserer Tage? Ute Wieland löst sich mit der Wahl ihrer frei dramaturgischen und stilistischen Mittel von klassischen Regelsystemen und Erzählmustern des Teenagergenres. Wogegen die häufig auf tiefenpsychologische Emotionalität setzten und am Ende meist eine abwechslungsreiche weiland heitere Dramödie stand – gerne erinnern wir uns an „My Girl – Meine erste Liebe“ mit Anna Chlumsky und Macaulay Culkin aus dem Jahre 1991.
„Freche Mädchen“ liefert uns einen bunten aber kurzlebigen Jahrmarkt an Handlungskonfigurationen, bei dem sich die Karussells nur dann mit Schwung drehen wenn sie effektreich und bildästhetisch aufgemotzt sind. Einzelne Handlungsfigurationen verselbständigen sich zu einem unschlüssigen Interaktionsgefüge aus Eventualitäten, Eröffnungssequenzen und Anspielungen, womit der nach Aufklärung heischende Betrachter sich selbst und seiner Phantasie überlassen ist. So erfährt niemand warum es für Hannas (Selina Shirin Müller) übersportiven Lover Branko (Ben Unterkofler) zum riesigen Problem wird, wenn seine Freundin beim Talentwettbewerb ‚The Voice‘ vielleicht den Ersten macht. Oder Klassenkamerad Brian (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) mit seiner musischen Aura Mila und Kati (Henriette Nagel) imponieren will, worüber sich beide Mädchen vor lauter Schwärmerei in die Haare kriegen. Alles für die Katz – Brian hat sein junges wildes Pop-Herz längst an eine Dritte verloren! Die langweilig-spießige Erwachsenenwelt wird verkörpert von Anke Engelke als Milas einfältiger Mutti, Piet Klocke und Armin Rohde sind als Lehrer zu sehen – rein funktional den Plot ausschmückend! Der Einsatz von Split-Screen unterstreicht die semiotische Aufhebung der Trennlinie zwischen Milas emotionaler Welt und ihrer realen Umgebung. In fließenden Übergängen wird Milas Gefühlsleben konfrontiert mit seiner unmittelbaren Sozialisation zu einem konglomeraten Ganzen. Wieland variiert in den narrativen und visuellen Stilmitteln um den Betrachter in unterschiedlichen Aktivierungsmodi mit Milas, Katis und Hannahs Konfusionen auf einen Nenner zu bringen. Die wahren Motive verschwinden hinter den von mir konstatierten Strukturen – es soll sie auch nicht geben. Dabei beobachten wir an Teenagern so viel Authentizität, Natürlichkeit und uns letztlich selbst wieder. Wie Ute Wieland lassen wir die eigenen Motive unserer frühen Jugendzeit als Missetaten und Fehler hinter einer gläsernen Fassade aus beruflichem Erfolg, Stolz und Geltungsdrang verschwinden, anstatt sie als einen für die persönliche Entwicklung unverzichtbaren Teil unseres Wesens einzuordnen. Auf diesem soziokulturellen Manko baut der Plot auf, wäre jedoch zwingend ausbaufähig gewesen um sich dem Rezipienten nicht als laue Teenie-Weeny-Klamotte aufzudrängen. Worauf der schmalzige wie triviale Schluss auf einem an die ‚Immenhof-Trilogie‘ erinnernden Ponyhof evident hinweist – so findet sich die Assoziation zur Heimatschnulze wieder. Regie und Ensemble halten es wie mit Platons Höhlengleichnis „Können wir überhaupt wissen, was gut ist und was gerecht ist?“
Text: Stefan Bußhardt, 14.Juni 2011
Bilder: Constantin Film
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