Hitlerkantate (Jutta Brückner)



Horizontale Erweiterung

Unzählige Versuche die deutsche Naziepoche aus der Zwangsläufigkeit eines soziokulturellen Wandels zur Weimarer Zeit heraus zu deuten, verzeichnen jahrzehntelange Hochkonjunkturen. Angesichts dessen braucht es die horizontale Erweiterung im periodischen Zeitachsenspiegel implementierter freiheitlich-demokratischer Grundstrukturen Deutschlands nach 1945. Die Historikerin Jutta Brückner wagt solch einen Schritt. Sie bebildert die historisch belegbare Hitler-Goebbels-Invasion mit den stereotypen Elementen eines Liebesdramas, projiziert auf zwei Hauptprotagonisten im Dritten Reich: Musikstudentin Ursula (Lena Lauzemis) und Komponist Hanns Broch (Hilmar Thate).

Jutta Brückner hat sich ein spezifiziertes Leitmotiv ausbedungen und dieses zu ihrem ikonologischen Sujet-Hauptthema gemacht: Der Inter-Rollen-Konflikt der deutschen Frau im Dritten Reich. Die Rolle der warmherzigen Ehefrau und Mutter konfligiert mit der byzantinischen dem Führerkult verfallenen Hysterie. Dieses narrative Spezifikationselement begegnet uns ethnographisch eklatant im Aufeinandertreffen von Ursula und Brochs Ehefrau Alma (Krista Stadler). Die junge idealistische Euphorie ausstrahlende Ursula begegnet der angepasst biederen Dame, die ohnehin den Seitensprung ihres Mannes ahnt, diesen aber mit Verständnis sanktioniert.

Brückners Intention verkörpert nicht den postmodernen Pyrrhussieg der Frauen in Nazideutschland, sie befreit sich mit ihrer Diegese aus der Eindimensionalität eingefahrener Denk- und Interpretationsmuster respektive jener mittelalterlich-inquisitorischen Weltanschauung. Gleichzeitig  inthronisiert der Plot in seiner Genese den uralten Trieb der Menschen nach soziokritischer Grenzüberschreitung. Die Eröffnungssequenz offeriert eine Traumeinstellung – sie zeigt das Konterfei Hitlers im Wolkenhimmel. Der Führer fährt in offener Limousine staatsmännisch winkend an der jubelnden Masse vorbei, Musikstudentin Ursula im physischen Durchdringungskampf gegen behelmte Ordnungskräfte, kann den Blumenstrauß den sie ihrem Idol überreichen will nur zuwerfen. Diese ikonographische Interferenz kolportiert die in „Hitlerkantate“ diskutierte und mit eigentümlichem Habitus kreierte Diffusion narrativer Antagonismen. Mit weiteren diesbezüglichen Handlungskonstruktionen räumt Brückner dem Rezipienten Alternativen zur Einverleibung der konstatierten Problemstellung ein. Nennenswert sind die erzählungstechnischen Stilmittel vom kommunistischen Komponisten, der für Hitlers 50. Geburtstag eine Kantate komponieren soll, die von der Reichsmusikkammer organisierte Zusammenarbeit zwischen dem knochigen Broch und der viel jüngeren Ursula, oder der arisch aussehenden Jüdin und  Pornodarstellerin Gisela (Rike Schmid), die geradezu fanatisch deutsch sein will, sowie Ursulas Verlobter Gottlieb, der das ‚arische Aussehen‘ von Bürgern ermittelt und sich gleichzeitig an Giselas Nacktheit ‚erfreut‘. Dabei verfahren Darsteller und Regie gegenüber dem Betrachter im neutralen Kommunikationsmodus und neigen nicht dazu ihre Intentionen ihm aufzuzwingen sondern sie anzubieten – ganz im Bewusstsein demokratischer Gesinnung, nicht autokratisch! Die Filmbilder elaborieren die Ereignisse in neutraler Mattigkeit und suggerieren eine Art Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sie sind Ausdruck verkopfter Lethargie, die in Grübelei mündet – am Schluss dieses Diskurses steht ein Selbstmordversuch Ursulas, weil ihre Selbstentfremdung unerträglich geworden ist.  Die junge arische deutsche Frau – hin und hergerissen zwischen Individualität und Lakaien-Habitus. Sehnsucht nach Ausgeglichenheit und Eintracht dehnt sich aus. Das Axiom speist sich aus der Lokalisierung eines Großteils des Sujets in Finnland – neutrales Terrain zur Zeit des europäischen Naziterrors um Entspannung und Erholung zu finden.

Der Plot gestaltet sich im klassischen Top-Down-Ansatz korrelativ und ordnet die Kollaborateure in handlungssteuernde und handlungsbrechende Akteure ein, was in regelmäßigen Abständen zu emotionaler Varianz beim Betrachter führt (führen soll!). Jede Figur stellt ein Subjekt mit integrativem Charakter dar. Zu welchem Zeitpunkt die daraus hervorgehende Intersubjektivität einen Paradigmenwechsel einleitet (also handlungsbrechend wirkt), dies zu deuten ist die eigentliche Herausforderung für den Rezipienten. Ein Beispiel hierfür ist die resümierende Aussage eines Nazioberen (Dirk Martens): “Es muss doch möglich sein, eine saubere Lösung für das Judenproblem zu finden.“ Oberflächlich betrachtet lesen wir darin die subjektive Erkenntnis dieses Funktionärs. Semiotisch verifiziert sie die Summe vorausgegangener Handlungsabläufe zur kollektiven Wahrnehmung einer sozialen Gruppe – die Nazis mit ihrer menschenfeindlichen Weltanschauung. Dr. Brückners Film ist kein intellektueller und dramaturgischer Höhenflug (was er vermutlich auch nicht sein will), aber er bietet allerlei Potential für die akademische Diskussion und Raum zur soziophilosophischen Konversation.

Stefan Bußhardt

Bilder: © Movienet

Share
  1. Bisher keine Kommentare.
(wird nicht veröffentlicht)

  1. Bisher keine Trackbacks.