Sabrina Janesch erhielt den Mara-Cassens-Preis 2010 (© Milena Schlösser)

Erd-Kunde

Eigentlich war ich mir sicher, keine Romane mehr zu lesen, in denen Enkel von ihren Großeltern erzählen. Ich war fest entschlossen, mit dem Lesen sofort aufzuhören, falls irgendwo eine Großmutter sich auch nur schemenhaft zeigen sollte oder schlimmer noch: Großväter aus Ostpreußen oder Schlesien mit ihrer ganzen, traurigen Vertriebenengeschichte. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Großeltern und nichts gegen Vertriebene, doch es gab in den vergangenen Jahren einfach zu viele Romane, die davon handelten, als dass es mir als einem berufsmäßigen Leser möglich wäre, dessen nicht überdrüssig geworden zu sein.

Ich wollte nichts mehr wissen von Großmutterbriefen, die sich auf dem Dachboden finden, von Nazigroßväter oder Großvätern mit Nazienkel; bitte auch nichts mehr von auf Bahnhöfen zurückgelassen oder auf der Flucht in den Westen verlorenen Kindern, nichts mehr von Großeltern, die zufälligerweise nicht die Wilhelm Gustloff, sondern ein anderes Schiff bestiegen, nichts mehr von Fluchten übers zugefrorene Haff – und überhaupt:
Ist es nicht ein Elend mit der deutschen Geschichtsseligkeit, die sich lustvoll in der Vergangenheit wälzt und der kollektiven Schuld-Scham nun auch noch die Entdeckung des komplementären Opfertums hinzugefügt hat?

Und dann kam Sabrina Janeschs Roman „Katzenberge“, wo schon der Klappentext alle Reizworte versammelt: Schlesien, Großvater, Enkeltochter. Oh je, dachte ich, nimmt das denn gar kein Ende mehr, las den ersten Satz, die ersten Seiten, merkte, das ist gut, revidierte meinen Vorsatz und erlaubte mir, dieses eine Großvaterbuch doch noch zu lesen, tat es, gefesselt, bis zum Schluss. Da öffneten sich ganz neue Perspektiven und Landschaften, verwandelte sich das Bekannte in etwas überraschend Neues. Diese Geschichte musste erzählt werden, allen Moden zum Trotz, und sie musste genau so und nicht anderes ausfallen. Das ist beim Lesen zu spüren. Die Dringlichkeit teilt sich mit, und das ist bei all den Romanen, die Jahr für Jahr geschrieben werden, eher selten. Sabrina Janesch lässt nie das ungute Gefühl aufkommen, da wende sich eine nur deshalb der älteren Generation und ihren Erlebnissen zu, weil sie sonst nichts zu erzählen wüsste. Auch wenn in weiten Teilen des Romans der Großvater selbst zu Wort kommt, ist es doch ihr Stoff und ihre Geschichte, für die sie eine überzeugende Form gefunden hat. Das ist erzählerisch so souverän, dass man kaum glaubt, es mit einem Debütroman zu tun zu haben.

______________________________________________

Wirklichkeitsgewaltig und erfinderisch,

eine literarische Landvermessung!

_________________________________________________________

Die literarische Großkonjunktur der Generation Großeltern ist ein Anzeichen dafür, wie sich der Blick auf die deutsche Geschichte, den Nationalsozialismus und die Folgen, verändert hat. Nicht nur, dass das alles immer weiter in die Vergangenheit entrückt und dadurch die allgemeine Unschärfe zunimmt. Die Enkel haben dazu ein anderes Verhältnis. Sie suchen nicht die konfrontative Auseinandersetzung und die harte Schuldzuweisung, mit der die 68er-Generation ihre Eltern traktierte und überhaupt erst zum Sprechen bringen wollte. Die Großeltern sind ja dazu da, dass man sich bei ihnen von den Eltern erholt. Enkel zeichnen sich im Verhältnis zu den Großeltern durch freundliche Neugier aus. Wie war das damals? Was habt ihr erlebt? Erzähl! Dass die Frage nach Schuld und Verstrickung in historische Prozesse dennoch nicht ausgeblendet sein muss, belegt Sabrina Janeschs Roman. Weil die Enkel nicht gleich alle Taten in ihrer moralischen Konsequenz bewerten müssen, sondern sie erst einmal zur Kenntnis nehmen, sind sie in der Lage, die Geschichten aufzunehmen und weiterzuerzählen. Vielleicht war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus deshalb früher eher politisch, soziologisch, ideologisch geprägt und ist nun literarischer geworden. Der individuelle Einzelfall entscheidet, und nicht die große These.

Sabrina Janeschs „Katzenberge“ überragen die übliche Großväter-Vertriebenenliteratur und weisen über das Genre hinaus. Erstens deshalb, weil die Erzählerin Geschichte nicht einfach als familiäre Vorgabe hinnimmt, sondern sie durch ihre Neugier verändert und zu einem Abschluss bringt. Sie ist eine aktive Mitspielerin. Dabei geht sie mit dem selben Starrsinn, der selben Unerschrockenheit zu Werke, die schon den Großvater auszeichneten. Zweitens und vor allem aber weist „Katzenberge“ deshalb über die Grenzen des Genres hinaus, weil dieser Roman die übliche deutsche Selbstbezüglichkeit in Sachen Vergangenheitsbewältigung sprengt und die literarische Topographie erweitert. Der Geschichtsraum, der sich da öffnet, reicht von Deutschland über Schlesien bis in den Osten Polens und von dort aus weiter über die ukrainische Grenze in ein altes, ehemals galizisches Dorf.

Das ist der familiäre Ausgangspunkt und der Zielort des Romans. Zwei gegenläufige Bewegungen strukturieren ihn: Die Vertreibung der Polen nach einem ukrainischen Pogrom unter dem Schutz der deutschen Besatzer während des 2. Weltkrieges löst eine Fluchtbewegung in Richtung Westen aus, die schließlich – nach einer Zwischenstation in Ostpolen – mit der Ansiedlung in Schlesien endet, in den Dörfern und den Häusern, die dort von den vertriebenen Deutschen verlassen werden mussten. Das ist die Geschichte des Großvaters, sein Lebensweg, sein Schicksalsbogen. Die Erzählerin aber reist mehr als 60 Jahre später, aus Deutschland und der Gegenwart kommend, in die andere, östliche Richtung, und damit der Vergangenheit entgegen. Anlass ist die Beerdigung des Großvaters im Jahr 2007. Schlesien ist der Schnittpunkt, ein Ort der Ankunft aus entgegengesetzten Richtungen in Raum und Zeit, und also der Ort der Begegnung von Großvater und Enkeltochter.

Die geschilderte Familienkonstellation entspricht ganz offensichtlich derjenigen der Autorin. Die Figur der Erzählerin Nele Leibert ist ihr gewissermaßen auf den Leib geschneidert. Sabrina Janesch ist genau wie ihre Erzählerin als Tochter eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter in Deutschland aufgewachsen, zweisprachig, ging hier zur Schule, wo sie als Polin betrachtet wurde, und verbrachte ihrer Ferien häufig in Schlesien, wo sie unvermeidlich zur Deutschen mutierte. Diese doppelte Erfahrung der Fremdheit ist eine Voraussetzung des Romans. Sie setzt die Erfahrung des Großvaters fort, zwischen zwei Welten zu existieren und zwischen Herkunft und Zugehörigkeit unterscheiden zu lernen. Der Großvater ist immerhin so wirklich und wahrhaftig, dass die Autorin ihm neben einer Reihe anderer Personen – so auch ihrer Mutter – am Ende des Buches ausdrücklich dankt und ihn als den „eigentlichen Erzähler“ bezeichnet, dem sie ihre Geschichten zu verdanken hat.

Damit kommen wir zur unvermeidlichen, gefürchteten Kinderfrage, die Autoren so oft nach Lesungen gestellt wird: Ist es denn autobiographisch? War das alles wirklich so? Oder ist es bloß erfunden? Das Biographische wird dabei wahlweise als existentielle Beglaubigung eingefordert, als Nachweis der Authentizität – und diesen Nachweis kann Sabrina Janesch ohne weiteres bieten. Oder aber es wird als Mangel betrachtet: Denn was bloß vorgefunden wurde, ist ja deshalb, weil es jemand dann auch aufgeschrieben hat, noch nicht unbedingt Literatur. „Katzenberge“ ist beides: authentisch und artifiziell; wirklichkeitsgesättigt und erfindungsreich; dokumentarisch präzis und magisch-phantastisch, autobiographisch und hochliterarisch. Ich glaube, gute Literatur ist immer autobiographisch in dem Sinne, dass nur diese eine Autorin diese eine Geschichte schreiben konnte, weil es ihre Geschichte ist. Aber genauso sicher ist, dass sie sich davon löst und das Material nach ihren eigenen Bedürfnissen und literarischen Notwendigkeiten formt. Deshalb greift es immer zu kurz, einen gelungenen Roman auf seine biographischen Voraussetzungen zurückzuführen. Als Kunstwerk steht er für sich.

Die Verwandlung von Leben in Literatur vollzieht sich unmerklich während des Schreibens. Mir fiel das auf an einer eher unbedeutenden Stelle, an der Neles journalistische Tätigkeit in Berlin geschildert wird. Nun will es der Zufall, dass Sabrina Janesch vor ein paar Jahren ein Praktikum bei der Zeitschrift „Das Magazin“ absolvierte, für die auch ich damals gearbeitet habe, so dass mir die Räume des Magazins im Roman, „ein paar ineinander verschachtelte Kinderzimmer“ seltsam bekannt vorkamen. Und auch unter den überarbeiteten, neurotischen Redakteuren konnte ich mir etwas vorstellen. Und doch ist das Magazin „D“, wie es im Roman heißt, etwas anderes. Es dient der Erzählerin auch nur als Abstoßungspunkt und Teil der Alltagswelt, aus der sie kommt und zu der auch der Freund Carsten gehört, zum dem der Kontakt trotz Handy nahezu abbricht, je tiefer Nele ins polnische Hinterland und in ihre Familiengeschichte hinein gerät. Als deutscher Normalbürger, als NUR Deutscher, hat Freund Carsten für das, was sie in Polen erlebt, keine Sensibilität, so dass sie auch zu ihm keinen Bezug mehr findet, je länger sie unterwegs ist.

„Schlesien, wie spannend“, sagt die Chefredakteurin, „da bin ich auch mal durchgefahren, da sieht man mal, wie Deutschland vor hundert Jahren ausgesehen haben muss. Diese ganzen Bauernhöfe. Und die Natur. Wie archaisch. Spannend.“ Die Reisereportagen, die Nele für das Magazin „D“ im Roman zu schreiben verspricht, hat Sabrina Janesch für „Das Magazin“ übrigens tatsächlich geschrieben. Auch ihren Roman kann man als Reisebericht lesen, ohne dabei aber je das Gefühl zu haben, es nur mit einer Reportage zu tun zu haben. Er setzt ein mit der Schilderung der niederschlesischen Landschaft am Rand der Katzenberge im Herbstnebel. Man sieht die Straßen, Wege und Häuser, Höfe und Gärten vor sich, die von der Erzählerin aufgesucht werden. Und man taucht mit ihr ein in diese Welt, in der ihr als der Deutschen, die sie dort ist, mit dem selben Misstrauen begegnet wird, das in der Ukraine den Polen entgegenschlägt, weil die Bewohner Angst davor haben, dass die früheren Besitzer, auf deren Grund und Boden sie sich eingerichtet haben, zurückkommen könnten. Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, deren Romane ebenfalls in Schlesien angesiedelt sind, hat diese Angst einmal als „Schneewittchensyndrom“ bezeichnet. Wie die sieben Zwerge würden die einstigen Besitzer eines Abends nach Hause zurückkehren und fragen: Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Die Namen der Orte, die in „Katzenberge“ vorkommen, habe ich auf der Landkarte gesucht. Ich wollte wissen, wo dieses Oborniki ehemals Obernigk liegt, suchte nach Osola ehemals Ritschedorf und fand im Internet sogar Bilder des Bahnhofs, der im Roman eine Rolle spielt. Ich schaute nach, wo der Bug genau verläuft, wie breit er ist und wo er zum Grenzfluss zwischen Polen und der Ukraine wird, um mir ein genauere Vorstellung zu verschaffen von der Flucht des Großvaters aus Zastavne, das früher auf polnisch Zdzary Wielkie hieß (falls ich das richtig ausgesprochen haben sollte). All diese Namen – und zum Teil auch kurze polnische Sätze – sind würzende Zutaten dieser Prosa, die ihr den östlichen Geschmack einer fremd-vertrauten Welt verleihen.

„Katzenberge“ ist eine Reise in die Geschichte und durch die Topographie einer Landschaft. Es ist eine literarische Landvermessung, Heimatkunde oder besser gesagt: Erd-Kunde – und zwar in der unmittelbaren Bedeutung des Wortes. Erde ist das zentrale Motiv des Romans, das immer wieder aufgenommen und variiert wird. Das ist durchaus nicht unheikel, schließlich steht alles Erdige hierzulande in der Traditionslinie der nationalsozialistischen „Blut-und-Boden“-Literatur, und muss sich dazu verhalten. Da ist es von Vorteil, dass „Katzenberge“ ein polnischer Roman ist, der gerade die andere Seite beschreibt, nicht den Heimatverlust der Deutschen in Schlesien, sondern den der Polen, die dort angesiedelt wurden. Es geht um Fremdheit und das Leben auf fremder Erde – und sehr wohl auch um Erdverbundenheit und auf eine geradezu archaische, magische Weise um einen Beutel voller Heimaterde.

______________________________________________

„Katzenberge“ ist: authentisch und artifiziell;

wirklichkeitsgesättigt und erfindungsreich;

dokumentarisch präzis und magisch-phantastisch,

autobiographisch und hochliterarisch.

______________________________________________

Eingeführt wird das Erd-Motiv beim Begräbnis des Großvaters, das der Ausgangspunkt des Geschehens ist. Dafür lässt sich Nele von der Chefin des Magazins ein paar Tage Urlaub geben. Sie kommt fast zu spät aber noch rechtzeitig, um am offenen Grab zu stehen, das mit einem Kunststoff-Rasenstück bedeckt ist, und ihr fällt auf, dass niemand in die Erde greift und sich die Hände schmutzig macht. Dann sagt der Pfarrer: „Das ist kein gewöhnliches Begräbnis eines alten Mannes, das ist ein Abschiednehmen von der alten Zeit. Und die alte Zeit wird nicht ohne göttlichen Beistand in die Erde und die Geschichte eingehen. Die Erde des Grabes ist die selbe schlesische Erde – oder nach so langer Zeit eben nicht mehr die selbe Erde – die der Großvater einst kurz nach der Ankunft im Viehwaggon erforschte. Das ist für mich die zentrale Stelle des Romans. Sie hört sich so an:

„Großvater hatte gesagt, als er zum ersten mal seine Hand in die schlesische Erde gesteckt hätte, habe er ihr ein Stück entrissen und auf den Handflächen zerteilt. Es sei nichts in ihr gewesen: kein Wurm, kein Käfer, kein Engerling, nichts. Völlig sauber sei sie gewesen, feinkörnig, locker, steril. Als hätten die Deutschen sie nicht bestellt, sondern gesiebt, Tag für Tag. Dabei müsse Erde doch schwer in der Hand liegen und mit ihrer Feuchtigkeit in die Poren von Haut und Kleidung dringen.“

Das ist ein starkes Bild für die leergeräumte Geschichtslosigkeit der zugewiesenen Heimat, in der die Neuankömmlinge sich nun behaupten müssen. Die Erde ist nicht einfach nur Ackerland, das sie bebauen, um zu ernten, sondern ein Stoff, den sie mit ihrer eigenen Geschichte erst wieder anreichern müssen, um Wurzeln zu schlagen. Zunächst ist es eben noch deutsche Erde, die zu den Deutschen gehört – so wie zu Herrn Dietrich, der sich auf dem Dachboden des Hofes erhängte, den der Großvater übernimmt und den er erst einmal begraben muss, um dort anzufangen. Da hat die Erde dann plötzlich eine ganz andere Substanz als noch kurz zuvor. Sie ist „feucht und schwer“, heißt es nun. „Als das Loch endlich tief genug war, füllte sich der Grund mit Wasser und Regenwürmern. Vorsichtig ließ Janeczko Herrn Dietrich hinuntergleiten und begann, das Loch erst mit der schlammigen Erde, dann mit der Erde des Hangs zu füllen, die trockener war und sich leichter bewegen ließ.“

Noch ist ihm die Erde fremd; die Geschichte einer Region lässt sich nicht so leicht übernehmen wie die zurückgelassenen Häuser und Dinge. Und deshalb, vermutlich, spukt es da auch. Der Großvater und die wenig später nachkommende Großmutter haben heftig damit zu tun, ein „Biest“ mit buschigem Schwanz und stechend gelben Augen zu bannen, damit es ihnen keinen Schaden zufügen kann. Ihre Ängste, ihren Aberglauben und ihre Teufel haben sie aus der alten Heimat mitgebracht, doch hier, im geschichtslosen Raum der leeren schlesischen Erde, können sich all diese Geister prächtig entfalten. Oder handelt es sich um Teufel, die von den Deutschen zurückgelassen worden sind?

Den dritten und letzten Bann wird dann aber erst die Enkelin vollenden, indem sie Erde aus dem Gut im ukrainischen Zastavne besorgt und zum Grab des Großvaters bringt. Nur Heimaterde ist stark genug, um die bösen Geister zu besiegen. Diese Erde  berührte der Großvater zuletzt, als er sich auf der Flucht vor dem Pogrom in einem Weizenfeld vor seinen Verfolgern verbarg, als sie „kühl und feucht durch das Hemd an seinen Bauch drang“. Diese Erde ist – ganz anders als die schlesische – „satt und fett, fast zum Verzehr selber geeignet“. Der Großvater kehrte nie mehr in dieses Paradies der Fruchtbarkeit zurück; er sah die alte Heimat nie wieder. Das hat mit einem dramatischen Geschehen in der Familie zu tun, das Nele auf ihrer Reise aufdeckt und löst, einer Brudergeschichte, die mit der Verbannung des Großvaters durch seine Eltern endete: Vertreibung, so ist da zu sehen, beginnt mitten in der Familie und nicht erst dort, wo ganze Völker umgesiedelt werden. Vertreibung hatte im Fall des Großvaters auch innerfamiliäre Gründe.

Nebenbei löst Nele auf ihrer Reise noch ein anderes Rätsel. Im ostpolnischen Dorf, wo sie Station macht, wird sie zur Schatzsucherin und beginnt zu graben, um der Erde ihre Geheimnisse zu entreißen. Eine alte Frau hat ihr in deutscher Sprache angedeutet, dass da draußen auf dem Feld etwas vergraben sei, was sie wiederhaben will. „Die Erde knirschte, als ich die Schaufel ansetzte. Es dauerte, tiefer zu graben, die Erde war nass und schwer. Eigentlich absurd, dachte ich, in Ostpolen auf einem Feld zu stehen und nach Dingen zu graben, die mich nichts angingen. Es war zu spät und ich zu neugierig um umzukehren, aber mit jeder Schaufelladung Erde wurde mir klarer, dass die Geschichten, an die ich rührte, niemandes Angelegenheiten waren als – “  Der Satz bricht ab, denn der Spaten stößt auf etwas Hartes, ein Bündel, das ein paar Teller und Tassen aus Tirschenreuth enthält. Die meisten sind zerbrochen, aber das macht nichts, denn nicht auf die Tassen kommt es an, sondern auf die Spur zu einer Geschichte, die an ihnen haftet, die hier aber nicht verraten werden soll.

Sabrina Janesch & Mara Cassens | Jörg Magenau (Fotos: Isabell Köster)

Sabina Janesch & Mara Cassens | Jörg Magenau (Fotos: Isabell Köster)

Einmal mehr ist die Erde ein Speicher, der nicht nur Dinge und Menschen aufnimmt, sondern auch Erinnerungen. Deshalb setzt Sabrina Janeschs geologisches Erzählen so konsequent in der Erde an. Ihr Roman lässt sich als ein sich wandelndes Verhältnis zur Erde beschreiben, als eine Untersuchung der Tiefenschichten des Bodens und des Bewusstseins, in denen die Geschichten lagern. Sabrina Janesch vollbringt das Kunststück, ihre Stoffe buchstäblich auszugraben und wieder zum Leben zu erwecken. Das setzt Spürsinn und forschende Neugier voraus und fordert ihre Sensibilität und Behutsamkeit. Nervöse Zielstrebigkeit und ruhige Sachlichkeit prägen ihre Prosa gleichermaßen. Sie hat das Thema gefunden, das ihr durch ihre deutsch-polnische Herkunft vorgegeben worden ist. Sie hat daraus schon in ihrem ersten Roman sehr viel gemacht hat.

Jörg Magenau: Über Sabrina Janesch und ihren Roman „Katzenberge“. Laudatio zur Verleihung des Mara-Cassens-Preises 2010 im Literaturhaus Hamburg am 6.1.2011

Bild: Sabrina Janesch, (Foto: Milena Schlösser)

Bild: Sabrina Janesch & Mara Cassens | Jörg Magenau (Fotos: Isabell Köster)

via literaturhaus-hamburg.de




Sabrina Janesch: Katzenberge

Aufbau Verlag. 273 Seiten, 19,95 EUR


bei amazon kaufen