Vor 100 Jahren wurde der umstrittene Schriftsteller Hermann Kant geboren |
Vielleicht war etwas durcheinander geraten, vielleicht hatten die Pläne der obersten Schöpfungsbehörde ihn zum Gaukler bestimmt. Einer von der Art, der, hoch auf dem Seil die Welt bedenkend, noch immer Lust und Chuzpe findet für eine anmutige Pirouette, ein flinkes Blinzeln. Aber es gab keine Bühne für dieses singuläre Talent und keine Rollen, so schuf er sich die eine aus Papier, später kamen Kanzel wie Tribüne hinzu, so sehr brauchte er die Bühne und die Rednerpulte für sein Leben und seinen Vorstellungen davon. So kommt es, dass Kants Kerle immer Kants Konturen haben, Robert Iswall und Mark Niebuhr. Ich wollte nie Minister werden wie David Groth, aber lange ein Kerl wie Robert Iswall. Es gibt kaum eine literarische Figur, die mein Leben in seinen Anfängen, doch, doch, so beeinflusst hat wie dieser Robert Iswall. Der stand für denVersuch, die Illusion, ich weiß es doch, dass einer das Herz auf dem rechten, also linken Fleck haben könnte und ein rechter Kerl wäre dazu. „Der Aufenthalt“ hätte eine Wende in seinem Schreiben und Leben werden können, aber er wurde es nicht. Und so kam es, dass Leben und Schreiben des exorbitanten Gauklers ein Balancieren blieben, ein Tänzeln auf hohem Seil. Der Ehrgeiz des Seiltänzers: Hoch oben mit souveräner Eleganz zu zeigen, dass einer ein ganzer Kommunist sein konnte und ein ganzer, redlicher Kerl dazu, einSchreiber- und ein Menschenkerl. Doch als Präsident des Verbandes der Schriftsteller besorgte er nicht nur dankbar entgegengenommene Reise- und Druckgenehmigungen, er besorgte es auch grundlegend aufmüpfigen Kollegen, mitunter auf die brutale Art, wie es die Disziplin befahl, und an dieses erinnert man sich, mit Recht, stärker als an jenes. Es gab einen Punkt, da half alle Gaukelei nicht mehr, da war eine Brutalität und es galt nur ein Ja oder ein Nein, ohne Nebensätze. Dabei, er war ein Meister der Nebensätze. Am Ende ist er abgestürzt, so tief wohl wie kaum einer aus Seiltänzer-Land. Hermann Kant über den, das einmal unverdreht zu sagen, nicht hechelnd rechten mag, wer weiß, dass sein Vorzug sich im minderen Talent erschöpft, Hermann Kant ist so etwas wie das Paradigma der DDR: Wer hier nicht lebte, kann ihn nur aus einer Perspektive sehen, die einen ziemlich großen toten Winkel hat. Und wer hier war, hat wiederum nur jene Perspektive zur Verfügung, die sich aus dem jeweiligen Stand-Punkt in der DDR ergab. Es gibt ein Erleben neben den Geschichts-Büchern, das hat auch zu tun mit Geschichten-Büchern und Lebens-Geschichten. Das Talent, wenn die diktatorische Macht es zu richten weiß, unterliegt der Gefährdung durch Anerkennung, durch das Sonderangebot vor allem, die eigene Leistung so im Weltenganzen zu platzieren, dass sie neben dem eigenen Lebens-Horizont einem fernen Menschheits-Horizont dienstbar scheint. Das war das Prinzip DDR, für jene, die sie ernst genommen haben, und es war unter allen Verführungen die verführerischste. Und Kant war der Verführbarste von allen, weil er unter den Spielern der Talentierteste war. Gewiss, ich kenne beinahe jeden Satz, der sich reden ließe gegen ihn und viele sind wahr. Gewiss, „Die Aula“ ist ein ferner Ort. Doch die Orte des Aufbruchs stiften Erinnerung und machen, dass man ihnen anhängt noch am anderen Ende des Weges.
In diesen Tagen vor 100 Jahren wurde Hermann Kant geboren.
Henryk Goldberg
Hermann Kant (1926–2016) war einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Schriftsteller der DDR. Am 14. Juni 2026 jährte sich sein Geburtstag zum 100. Mal.
Bild: ADN-ZB Mittelstädt 24.11.87 Berlin: X. Schriftstellerkongreß.
Hermann Kant, Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, bei seinem Referat an die Kongreßteilnehmer in der Kongreßhalle am Alexanderplatz.
Quellenangabe: Bundesarchiv, Bild 183-1987-1124-026 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0
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