Henryk Goldberg erinnert sich an den DEFA Film SPUR DER STEINE |
Der Regisseur Frank Beyer hat gerade, es ist das Jahr 1964, einen Film abgedreht, der später als DEFA-Klassiker gelten wird, „Karbid und Sauerampfer“, eine große Rolle für den großen ErwinGeschonneck. Eine Komödie darüber, so ließe sich sagen, dass der Aufbau des Neuen doch oft genug nach den Regeln des und der Alten erfolgt. Nun schaut sich Frank Beyer nach einem neuen Stoff um für einen neuen Film. Sie bieten ihn zwei Projekte an. Das eine heißt „Käsebier und Friedericus Rex“ nach Egon Erwin Kisch, eine ziemlich sichere Angelegenheit für einen weiteren Erfolg des jungen Regisseurs. Aber Frank Beyer entscheidet sich, gegen den vermutbaren Erfolg des Kostümfilms, für den anderen Stoff, er scheint ihn interessanter. Eine Geschichte von hier und jetzt, wieder eine Geschichte darüber, wie das Neue wächst aus den Formen des Alten, wieder hat sie viel Komik ohne eine Komödie zu sein.
So trifft Frank Beyer, ohne es zu wissen oder gar zu wollen, eine Entscheidung, die sein Leben prägen wird. Denn der Film, den er jetzt dreht heißt „Spur der Steine“. Und er wird noch die Spuren der DDR repräsentieren, wenn es das Land nicht mehr gibt, er wird den Namen seines Regisseurs achtsam bewahren, wenn es diesen Künstler nicht mehr gibt.
Der 2006 in Berlin gestorbene und 1932 in Nobitz, Thüringen geborene Frank Beyer hat den berühmtesten unter den 1966 verbotenen DEFA-Filmen inszeniert. Die weite Perspektive diesesFilmes war damals so wenig zu erwarten wie die kurze des Landes, von dem er erzählen wollte: Nicht gegen, für das Land. Aber derlei wurde dort kaum je begriffen. Es war am 30. Juni 1966, beinahe auf den Tag vor 60 Jahren, als die „Spur der Steine“ in Berlin offizielle Premiere hatte. Zwei Wochen zuvor war er in Potsdam zu den Arbeiterfestspielen aufgeführt worden. Großer Erfolg beim Publikum, 56 Kopien in Planung, Delegierung zum Internationalen Filmfestival Karlovy Vary, das Prädikat sollte „besonders wertvoll“ sein. Doch zwei Wochen später war alles anders. Die Premiere wurde gestört, die Arbeiterklasse, so hieß es, störe sich an der Darstellung der Arbeiterklasse. „Der Film erfasst nicht das Ethos, die politisch-moralische Kraft der Partei der Arbeiterklasse.“ Da werfen die Erbauer des Sozialismus einen Polizisten des Volkes ins Wasser, da misst sich der Stärkste der Erbauer des Neuen, Manfred Krug, körperlich mit dem Verkünder des Neuen, dem Parteisekretär, Eberhard Esche, und haut ihn, im Sinne des Wortes, vom Hocker. Außerdem geht der Parteisekretär fremd.So kam der Film, wie es im sarkastischen Jargon der Branche hieß, „in die Kammfabrik“. Als Frank Beyer nach dieser menschlichen und politischen Erfahrung, wie sein Land umgeht mit der Hoffnung, wieder Filme machen darf, da inszeniert er 1974 mit „Jakob der Lügner“ nach Jurek Becker den einzigen Film, für den das ruhmsüchtige Land je eine Oscar-Nominierung erhielt. Und es ist, als sähe man dem Film an was sein Regisseur weiß von der Kraft der Hoffnung und von der tödlichen Stille wenn sie vergeht. Dann, 1978, ist es wieder so weit, die „Geschlossene Gesellschaft“. Diesen Film versteckt das DDR-Fernsehen spät in der Nacht, ohne Ankündigung.
Die DDR ging nicht unter, weil sie vom Kapitalismus überrannt wurde. Sie ging unter, weil sie nur Untertanen duldete.
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